Fremdenfeindlichkeit

Busfahrer zu 13-Jähriger: „Neger müssen eben mehr zahlen“

Zu ihr kommen viele Opfer: Birte Weiß berät sie und hilft ihnen in der Antidiskriminierungsberatungsstelle
Amira am Steindamm

Zu ihr kommen viele Opfer: Birte Weiß berät sie und hilft ihnen in der Antidiskriminierungsberatungsstelle Amira am Steindamm

Foto: Roland Magunia

Vereinte Nationen fordern Deutschland auf, mehr gegen Rassismus zu tun. Auch in Hamburg nimmt die Fremdenfeindlichkeit im Alltag zu.

Mehr als 20 Jahre war seine Hautfarbe kein Problem. Doch neuerdings passiert es ihm immer öfter, dass Fahrgäste zu seinem Auto kommen, hineinschauen und dann vorbei gehen. Auf die Frage, warum sie nicht einsteigen, lautet die Antwort: „Mit einem wie dir fahren wir nicht.“

Derart offen gezeigte Fremdenfeindlichkeit ist neu für den Taxifahrer aus Nigeria, der nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden möchte. Zwar ist er vor anderthalb Jahren schon von der Nacht- in die Tagschicht gewechselt, weil Pöbeleien und Drohungen zunahmen. Doch diese Übergriffe hatte der erfahrene Nachtfahrer auf eine allgemein zunehmende Aggressivität geschoben. „Immer öfter muss ich mir jetzt aber anhören, geh’ doch dahin, wo du herkommst, wenn es dir hier nicht passt“, sagt er. Inzwischen fühlt er sich so unwohl und unwillkommen in Hamburg, dass er tatsächlich überlegt, in seine Heimat zurückzugehen. Und dass, obwohl in Nigeria der Terror längst den Alltag bestimmt. Im Norden des Landes kämpft die Armee gegen die Terrormiliz Boko Haram.

Erfahrungen wie die des Afrikaners, der einen Großteil seines Lebens in Deutschland verbracht hat, machen derzeit viele Ausländer oder Menschen mit Migrationshintergrund in der vermeintlich toleranten Großstadt Hamburg. In Schulen, Ausbildungsbetrieben, aber auch beim Discounter um die Ecke, in der U-Bahn, beim Arzt und sogar in der Kirche breitet sich längst überwunden geglaubter Alltagsrassismus aus. Ein Pfarrer aus Jenfeld musste sich kürzlich fragen lassen, „wieso es die Muslime nun schon in die Kirche geschafft hätten“. Erklärungen wollte dieser Christ nicht hören. Er bleibt seither dem Gottesdienst fern.

Bundesweit und schlagzeilenträchtig haben zuletzt die Pegida-Aufmärsche sowie brennende Asylunterkünfte die internationale Gemeinschaft aufmerksam werden lassen. Kürzlich musste sich Deutschland vor dem Rassismus-Ausschuss der Vereinten Nationen dazu erklären. Die fremdenfeindliche Stimmung hierzulande ist dort ein Thema. In einem am vergangenen Freitag in Genf vorgestellten Bericht kritisiert der Ausschuss etwa eine Diskriminierung von Minderheiten auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt, verurteilt anti-muslimische Ausfälle von Politikern und beklagt Gewalt gegen Asylbewerber. Es sei mehr Einsatz von Bund und Ländern im Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit nötig, verlangen die Experten.

Birte Weiß, 42, von der Antidiskriminierungsberatungsstelle Amira am Steindamm bestätigt diese Einschätzung aus ihrer Praxis. „Zu uns kommen viele Menschen, die sich immer häufiger Ressentiments ausgesetzt sehen. Herkunft, Sprache, Aussehen und Religionszugehörigkeit spielen eine entscheidende Rolle, wenn es um Ausbildungsplätze, schulische Leistungsbeurteilungen oder einen Job geht.“ Stichwort Chancengleichheit.

Weil Alltagsrassismus aber noch wenig erforscht und dokumentiert ist, hat die Kulturwissenschaftlerin und systemische Beraterin im Auftrag des staatlich geförderten Trägervereins Basis und Woge e.V. einen ersten Erfahrungsbericht für Hamburg erstellt. Zugrunde gelegt wurden 100 Fälle, die 2012 beraten und begleitet wurden.

Da ist beispielsweise die kopftuchtragende Schülerin der gymnasialen Oberstufe, die in der Pause den Klassenraum ausfegt, so wie es alle Schüler abwechselnd tun. Der Lehrer kommt in den Raum und sagt zu ihr: „Ah, das ist gut, dass Sie sich auf ihre zukünftige berufliche Tätigkeit vorbereiten.“ Sie wehrt sich gegen diese Beleidigung. Als Folge sinken ihre Noten. In einem anderen Fall muss sich eine zukünftige Abiturientin des zweiten Bildungsweges und ebenfalls Kopftuchträgerin von ihren Mitschülern immer wieder Fragen zum IS oder zur Scharia anhören: „Erklär uns mal, warum das so ist. Du kennst dich damit doch aus.“

Nina Meier hat ein anderes Problem. Sie ist in Deutschland geboren, erhielt von ihren Eltern einen deutschen Vornamen und nahm mit 18 Jahren auch einen deutschen Nachnamen an. Wenn sie jedoch vorstellig wird, allerdings „irgendwie nicht deutsch“ aussieht, folgen komische Blicke, merkwürdige, teilweise übergriffige Fragen, vor allem aber – Absagen. Und das, obwohl sie sehr gute Noten hat.

Aus ihrer zehnjährigen Beratertätigkeit weiß Birte Weiß, wie schwer sich die Betroffenen tun, Hilfe zu suchen. Zum einen gibt es für Migranten nur wenige Beratungsstellen. Amira, ein von der Sozialbehörde finanziertes Kooperationsprojekt, ist da ein Anfang. Zum anderen haben viele von ihnen resigniert. „Die Stimmung innerhalb dieser Gesellschaft ist zur Zeit anti-muslimisch und aufgeladen. Viele Muslime oder die, die für solche gehalten werden, sind einfach nur noch froh, wenn sie unbehelligt durch den Tag kommen.“ Auffällig sei zudem das fehlende Gespür dafür, wie verletzend und demütigend viele Fragen oder Bemerkungen sind. „Das ist für mich ein deutliches Zeichen, dass der Rassismus in der Mitte der Gesellschaft wohnt“, sagt Birte Weiß.

Auch anderswo im Norden gibt es erste Erkenntnisse. 2013 richtete der Kieler Landtag eine Antidiskriminierungsstelle ein. Dort meldeten sich bis Ende 2014 insgesamt 139 Menschen, weil sie öffentlich diskriminiert und benachteiligt wurden. Eine erste Bilanz mit Fallbeispielen wurde gerade vorgestellt. Betroffen war unter anderem ein 13-jähriges Mädchen, das von einem Busfahrer beleidigt worden war. Sie wollte ein Schülerticket kaufen, der Fahrer verkaufte ihr aber einen teureren Erwachsenenfahrschein. Als die Schülerin auf das vermeintliche Versehen hinwies, sagte der Busfahrer: „Neger müssen eben mehr zahlen.“

Eine Ursache für diskriminierendes Verhalten ist Angst. Anke Strüver lehrt als Professorin für Sozial- und Wirtschaftsgeografie an der Universität Hamburg zu dem Thema. „Die fast schon omnipräsente Flüchtlings-Diskussion schürt und verstärkt Ängste“, sagt sie. „Dass es keine Auswirkungen auf den Einzelnen hat, ob in Hamburg 20.000 oder 50.000 Flüchtlinge leben, wird nicht wahrgenommen, aber auch nicht kommuniziert. Stattdessen bestärken Politik und Medien die verzerrte Wahrnehmung.“

Selbst Studierende, die in Seminaren die Anziehungskraft und Wirkungsweise rechter Parolen entziffern wollen, sind unsicher in der Einschätzung demagogischer Sprache und lassen sich durch Propaganda manipulieren. Als Strüver kürzlich Pegida-Flugblätter untersuchen ließ, waren sich die Teilnehmer in den Anfangsdiskussionen zwar einig in der Ablehnung der Aufmärsche und ihrer offensichtlich rassistischen Zielsetzung. Doch als es an die Detailarbeit ging, und die einzelnen Aussagen der Flyer untersucht wurden, gab es durchaus Zustimmung. Dass die Kinder von Migranten schlechter deutsch sprechen, sei doch problematisch, hieß es aus dem Kreis der Studenten. Und dass man wissen wolle, ob es sich um Kriegs- oder Wirtschaftsflüchtlinge handle, sei doch auch legitim. Die aufgeführten Zahlen wurden ebenfalls nicht hinterfragt. „Das fand ich erschreckend“, sagt die Professorin, die lange auch in den Niederlanden gelehrt hat. „Von Studierenden hätte ich das nicht erwartet.“

Für Strüver ist Rassismus ein systemimmanentes Problem im Zusammenleben von Menschen. „Das Bedürfnis, sich mit anderen zu vergleichen und besser sein zu wollen, scheint ein grundsätzliches zu sein“, sagt sie. Zwar habe sich der Türke im Viertel mit dem billigeren Obst und Gemüse längst etabliert und sei nicht nur bei Landsleuten beliebt. Das halte deutsche Käufer jedoch nicht davon ab, durchaus auch im Laden laut Unbehagen oder Drastischeres angesichts zunehmender Ausländerzahlen zu äußern. Die Professorin bringt es auf den Punkt. „Es wird bei dem Thema kaum differenziert. Viele Menschen agieren nach dem Motto, was mir nützt, kann ich gut integrieren. Was mir fremd ist und mich ängstigt, lehne ich ab.“

Das gilt allerdings auch für die Volksgruppen untereinander. Ihr zwangsweises Aufeinandertreffen in einem fremden Land birgt Zündstoff. „Die Gemengelage ist brisant“, sagt Birgit Rajski, Mitglied der SPD-Fraktion der Harburger Bezirksversammlung und seit Jahrzehnten in der Integrationsarbeit tätig. „Iraner und Iraker hassen die Türken, denen sie sich überlegen fühlen. Andererseits flüchtet aus Syrien gerade die Elite zu uns. Und ganz unten in der Hackordnung kommen dann die Afrikaner.“ Die Sorge der Sozialpolitikerin: „Wenn man auf die kulturellen Unterschiede keine Rücksicht nimmt, sind Streitigkeiten und gewalttätige Auseinandersetzungen, wie sie in den Flüchtlingsunterkünften passieren, kaum zu vermeiden.“

Ohnehin erinnere sie die Stimmung im Land fatal an die 90er-Jahre, als Asylantenheime angezündet wurden. „Es gibt zwar auf der einen Seite eine überwältigende Hilfsbereitschaft den Flüchtlingen gegenüber“, sagt Rajski. „Aber gleichzeitig nimmt auch die Entsolidarisierung erkennbar zu. Einzelne Schichten werden einfach abgekoppelt. Die Gesellschaft verroht.“

Besonders beunruhigt sie, dass Vorurteile und Feindseligkeiten dem Fremden, dem Anderssein gegenüber ungeniert geäußert werden, zumeist gefolgt von dem Nachsatz, das werde man ja wohl mal sagen dürfen. Diese Haltung, so Rajski, habe eine andere, weil besorgniserregende Qualität. Vor 20 Jahren war „das Boot auch schon mal voll, aber wer das sagte, hatte wenigstens ein schlechtes Gewissen“.

Doch seit die AfD in die Bürgerschaft eingezogen sei und in sozialen Netzwerken jeder seine Stammtisch-Parolen anonym ausleben könne, so ihre Überzeugung, „hat der Alltagsrassismus seine bürgerliche Berechtigung erhalten. Außerdem wird ein moralischer Maßstab angelegt, den man so bislang nur aus Amerika kennt. Wer versagt und nicht zurecht kommt, ist selbst schuld.“

Eine, die Diskriminierung am eigenen Leib erlebt hat, ist Shabnam Jalali, 39. Sie ist in Teheran geboren. Der Vater war im Justizministerium tätig, die Mutter Sekretärin beim Militär. Als sie acht Jahre alt war, flüchtete die Familie aus dem Iran nach Deutschland. Erste Station war Bonn. Damals, in den 90er-Jahren, war die Diskriminierung von Flüchtlingskindern schon einmal normal. „Wenn ich in der Bäckerei in der Schlange stand, wurde ich immer übersehen“, sagt sie.

Inzwischen arbeitet Jalali als Beraterin für interkulturelle Kompetenz. Sie hat BWL studiert und war jahrelang als IT-Unternehmensberaterin tätig. Ihr eigenes Unternehmen heißt Cross Culture Consulting. Zu ihren Kunden gehört unter anderem das Kinderhilfswerk Arche mit seinem Ableger in Jenfeld. Wie Birgit Rajski sieht sie den Alltagsrassismus nicht nur bei den sogenannten Alt-Deutschen wachsen, wie sie sagt, wenn sie sich um sprachliche Differenzierung bemüht, sondern auch bei den Neu-Deutschen. „Wenn ich unseren Jugendlichen zuhöre, dann haben sie die Diskriminierung bereits verinnerlicht. Sie sprechen zunehmend von sich selbst als Schwarze und grenzen sich gegen die Weißen ab. Wenn ich dann sage, und was heißt das? Du bist doch auch deutsch, dann antworten sie, wir sehen aber anders aus. Wir haben gegen die keine Chance.“

Zur Verschärfung der Situation trägt ihrer Meinung nach auch das veränderte Sprachverhalten in der Öffentlichkeit bei. Früher habe man sich bemüht, Ausländer sprachlich korrekt zu benennen. Inzwischen sei der Schwarz-Afrikaner wieder zum Schwarzen geworden, der sogar in den Nachrichten so genannt werde. „Für mich ist das ein schlechtes Zeichen“, sagt Jalali. „Es verschärft den Graben zwischen den Kulturen.“ Und mache es vor allem für die Jugendlichen immer schwieriger, eine eigene Identität zu entwickeln.

Viele von ihnen entstammen inzwischen einem Gemisch von Herkunftsländern. Sie fühlen sich nirgendwo zu Hause. Und als Vorbild taugen die taxifahrenden Väter und putzenden Mütter auch nur bedingt. Sie machen genau die Jobs, die schlecht bezahlt sind, und die keiner machen will – und auf die von allen gesellschaftlichen Schichten aus herab gesehen wird.

„Das verändert die Wertigkeiten zwischen den Migrationsgruppen“, sagt Anke Strüver. Und schafft neue Konflikte. Dabei wäre beispielsweise der Pflegemarkt ohne die Hilfe ausländischer, zum Teil illegalisiert arbeitender Arbeitskräfte hierzulande längst am Boden. „Politisch werden die zwar weggeschimpft“, sagt die Professorin. „Doch jeder weiß, dass sie gebraucht werden.“

In dieser Gemengelage ohne klar geregeltes Miteinander ist die Hinwendung zur Religion manchmal ein Ausweg. Im negativen Fall erleichtert es aber den Einfluss von Extremisten auf junge Menschen. „Ich arbeite mit Jungen, die sich den Salafisten angeschlossen haben“, sagt Jalali. „Der eine hat diesen Weg nicht überlebt. Der andere ist ein lieber, kleiner Kerl, der sich nichts sehnlicher wünscht, als ein gottgefälliges Leben zu führen.“ Ihr Fazit: „Ich bin sicher, wenn wir einander einfach Platz zum Leben lassen würden, und das meine ich nicht räumlich, dann wäre Miteinander kein Problem mehr.“