Nach der Messerattacke

Lernbegierig, unauffällig – und nun ein Mörder?

Experten des Kriseninterventionsteams (KIT) kümmern sich um Schüler und Lehrer der Nelson-Mandela-Schule

Experten des Kriseninterventionsteams (KIT) kümmern sich um Schüler und Lehrer der Nelson-Mandela-Schule

Foto: dpa

Haftbefehl gegen afghanischen Schüler: Die Staatsanwaltschaft wirft dem 17-Jährigen heimtückischen Mord vor.

Wilhelmsburg.  Mütter und Väter bringen ihre Kinder frühmorgens zur Grundschule. Nachdem es zum Unterrichtsbeginn geklingelt hat, wird es ruhig an der Prassekstraße in Wilhelmsburg. Am Tag nach dem Tod eines 17 Jahre alten Afghanen, der während des Vorbereitungsunterrichts in einem an die Grundschule angrenzenden Container von einem Mitschüler erstochen wurde, sind nur wenige Leute draußen unterwegs. Die Polizei fährt Streife, vor den Containern, in denen die Schüler unterrichtet wurden, hat jemand rote und weiße Grablichter aufgestellt. Die Räume aber sind leer. Die Schüler aus dem Vorbereitungskurs wurden ausquartiert. Sie werden an anderem Ort psychologisch betreut.

Der gestern 18 Jahre alt gewordene Tatverdächtige Amin R. hat die Tötung seines 17 Jahre alten Mitschülers im Polizeiverhör gestanden. Er habe sich „kooperativ“ verhalten, sagte ein Polizeisprecher. Amin R. schwieg jedoch zum Motiv seiner Tat. Gerüchte, nach denen ein Streit um eine Freundin Grund für die Tat war, konnte die Polizei weiterhin nicht bestätigen. Am Mittwochnachmittag wurde Haftbefehl wegen heimtückischen Mordes gegen Amin R. erlassen. Im Falle einer Verurteilung drohen ihm nach Jugendstrafrecht maximal zehn Jahre Haft.

Attacke auf Oberkörper und Kopf

Die Mordkommission wertete am Mittwoch die Aussagen der Klassenkameraden aus. Wie es aus Polizeikreisen heißt, zückte Amin R. in einem Pausengespräch mit Samyullah plötzlich ein 20 Zentimer langes Küchenmesser und stach wie von Sinnen auf Oberkörper und Kopf seines Opfers ein. Ein Großteil der etwa 15 weiteren Schüler flüchtete, zwei Jugendliche blieben jedoch mit dem Täter und dem sterbenden Sam­yullah im Klassenraum.

Einer der jungen Männer soll nach Abendblatt-Informationen Amin R. dabei von hinten umklammert haben, so dass dieser sich nicht mehr bewegen konnte. Anschließend händigte Amin R. demselben Schüler sein Messer aus und wartete auf einem Stuhl auf die alarmierte Polizei. Auch ein Lehrer ging nach der Tat in den Klassenraum. Ein Notarzt konnte Samyullah nicht mehr wiederbeleben, der Jugendliche starb durch Verbluten. Amin R. ließ sich widerstandslos festnehmen.

Täter und Opfer waren miteinander bekannt und kamen beide als minderjährige unbegleitete Flüchtlinge ohne Angehörige nach Hamburg, Samyullah erst im Mai 2014. Der Verstorbene verbrachte zunächst zwei Monate in einer Erstaufnahmestelle für Asylbewerber und war zuletzt mit zwölf anderen Jugendlichen in einer betreuten Wohneinrichtung in der Stader Straße (Harburg) untergebracht.

„Samyullah wollte hier in Hamburg etwas erreichen, er wollte sich integrieren, hatte Ziele, wollte einen guten Schulabschluss machen“, schrieben die Mitarbeiter des Landesbetriebs Erziehung am Mittwoch in einer Erklärung zum Tod des Jungen. Im Sommer hätte Sam­yullah voraussichtlich aus dem Vorbereitungskurs in den regulären Unterricht der Nelson-Mandela-Schule wechseln können.

Lernbegieriger und selbstständiger Schüler

Auch Amin R. wird von Franziska Krömer, die ihn für den Verein Hamburger Kinder- und Jugendhilfe e.V. betreute, als „lernbegierig und selbstständig“ beschrieben. Der Tatverdächtige träumte von einem Studium, soll schnell Deutsch gelernt haben. Seit dem vergangenen Jahr war er in einer Wohnung mit anderen betreuten Jugendlichen auf der Veddel gemeldet. „Er wollte unbedingt auf die Nelson-Mandela-Schule gehen, da diese ihm gute Chancen geboten hat“, sagt seine Betreuerin Franziska Krömer.

Die Stadtteilschule bietet seit mehr als 20 Jahren Vorbereitungskurse an und genießt einen exzellenten Ruf. Im Gegensatz zu anderen, stark traumatisierten jugendlichen Asylbewerbern, habe Amin „weniger Leidensdruck“ gezeigt, sagte Krömer. Amin R. fiel vor der Tat nie durch schlechtes Verhalten auf, verübte laut Polizei zuvor keine Straftat. „Wir müssen jetzt auch intern analysieren, wie es zu dieser unfassbaren Tat kommen konnte“, sagte Krömer.

An der Nelson-Mandela-Stadtteilschule sprachen gestern Experten des städtischen Kriseninterventionsteams mit Lehrern und Schülern. Zu den Schülern aus den Vorbereitungsklassen hatten die meisten Jugendlichen offenbar keinen Kontakt. „Wir haben mit denen gar nichts zu tun, weil sie meistens unter sich bleiben und ihre eigene Sprache sprechen“, sagt ein 16-Jähriger. Den Vorfall findet er „schrecklich“, Opfer und Täter habe er jedoch nicht gekannt. Der Schüler hat allerdings ein Bild des Verstorbenen gesehen, wie er sagt. „Das ging bei WhatsApp herum.“

Tat ist Thema in anderen Schulen

Auch an vielen weiteren Hamburger Schulen wurde am Mittwoch im Unterricht über die Tat in Wilhelmsburg gesprochen. „Es ist der beste Weg, die Schüler mit den Eindrücken einer solchen Tat nicht allein im Privaten zu lassen“, sagte Peter Albrecht, Sprecher der Schulbehörde. Die Lehrergewerkschaft GEW zeigte sich bestürzt von der Tat in Wilhelmsburg. Die Lehrer und Schüler müssten intensiv begleitet werden. „Dies hat Vorrang gegenüber allen berechtigten Fragen zu den Ursachen der schrecklichen Tat“, hieß es.

Hamburgweit sind derzeit etwa 3200 Schüler in Internationalen Vorbeitungskursen untergebracht, ihre Zahl steigt seit dem Jahr 2013 stark an. In den Schulcontainern am Prassekweg wird kein Unterricht mehr stattfinden. „Diese Außenstelle wird langfristig abgebaut werden, wir suchen nach einem Alternativstandort, sagte Behördensprecher Albrecht. Die jungen Migranten sollen künftig möglicherweise auf dem Hauptgelände der Stadtteilschule unterrichtet werden.