Nach Bluttat in Kirchdorf

Unter den Mitschülern brodelt die Gerüchteküche

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Christoph Heinemann
Mitarbeiter der Spurensicherung untersuchen nach den tödlichen Messerstichen auf einen Jugendlichen den Tatort

Mitarbeiter der Spurensicherung untersuchen nach den tödlichen Messerstichen auf einen Jugendlichen den Tatort

Foto: dpa

Kinder an der Nelson-Mandela-Schule stehen unter Schock: Ein 17-jähriger Afghane hat im Klassenzimmer einen Gleichaltrigen getötet.

Hamburg. Um 12.35 Uhr tönt die Glocke der Grundschule Kirchdorf, zwei Kleinkinder stoßen die Tür auf, rennen in die offenen Arme ihrer Eltern. Kaum 50 Meter weiter beginnt eine Welt des unwirklichen Entsetzens. Das Absperrband der Polizei ist hektisch um zwei Zaunstreben vor den Schulcontainern der Nelson-Mandela-Stadtteilschule gewickelt. 17 Streifenwagen verstopfen die Prassekstraße, Psychologen in Reflektorwesten gehen Richtung Container. Etwas später tritt Olaf Scholz vor die Presse, blinzelt viel, hält sich an seinen Jackettknöpfen fest. „Fassungslos“, sagt Scholz, dann „unvorstellbar“. Es ist ein mühevolles, kaum verständliches Klagen.

Hinter der Absperrung betreuen zwölf Spezialisten der Stadt mehr als zwei Dutzend Jugendliche, die mit ansehen mussten, wie ein 17-jähriger Afghane am Dienstag einen gleichaltrigen Mitschüler in ihrem Klassenraum erstach. Er nutzte ein Küchenmesser, zog es plötzlich in der Klassenpause. Als ihr Mitschüler zusammenbrach, flüchteten die Jugendlichen aus dem Raum. Für ein Mädchen waren die Eindrücke so heftig, dass sie bis zum Dienstagabend noch mit klinischem Schock in einem Krankenhaus behandelt wurde.

„Überzeugung, Versöhnung und Toleranz“, das ist das Selbstverständnis der Nelson-Mandela-Schule, so steht es auf der Internetseite. Rund 1000 Schüler aus mehr als 50 Nationen gibt es hier. Es schien zu funktionieren. Auch in den Vorbereitungsklassen, in denen junge Migranten der Stufe neun und zehn zwei Jahre lang intensiv Deutsch pauken, um aus den Containern auf die andere Seite des Schulhofs wechseln zu dürfen, in den regulären Unterricht. Asylbewerber können ebenso an dem Spezialunterricht teilnehmen wie Migranten mit Aufenthaltstitel. „Das ist für fremde Menschen eine tolle Chance, eine tolle Schule“, sagt der Kolumbianer Michel López, dessen Tochter Gloria Jaimes hier zur Schule geht. „Es ist so dumm, sein Leben wegzuwerfen“, sagt er weiter, sichtlich fassungslos. Seine Tochter ist jetzt in der zehnten Klasse der Nelson-Mandela-Schule. Auch sie musste einst eine Vorbereitungsklasse durchlaufen. „Eigentlich gibt es dort kaum Streit, die wollen alle vorankommen, nicht blöd dastehen“, sagt Gloria Jaimes. „Die sind eher eine richtige Gemeinschaft, weil sie hier ja auch etwas abgetrennt vom Rest der Schule sind.“ Nicht alle Schüler der Vorbereitungsklassen hätten jedoch Eltern, die sie in den richtigen Bahnen hielten, meint sie und sagt: „Was die dann machen, kann ja keiner wissen.“

Für die meisten Schüler und die Anwohner der Prassekstraße glichen die weißen Container zuvor eher einem Raumschiff, das zufällig in ihrer Straße gelandet war. „Ich dachte bis heute Morgen noch, das sei ein Asylbewerberheim“, sagt eine Anwohnerin, die mit zwei Kindern auf der gegenüberliegenden Straßenseite wohnt. „Nee, keine Ahnung, wer die Jugendlichen da sind, die bleiben unter sich. Aber echt heftig, diese Sache“, antworten junge Schüler, die sich am Dienstag mit Handykameras zwischen Polizeibeamte, Reporter und Anwohner mischen.

Unter den Jugendlichen machen am Dienstag schnell Gerüchte die Runde. Am Morgen ist von einem Jugendlichen die Rede, der aus einem Flüchtlingsheim ausgebrochen ist. Am Nachmittag sprechen mehrere Schüler davon, dass es einen Streit um eine gemeinsame Freundin gegeben habe. „Abartig, wenn das so war“, sagt eine 16-jährige Schülerin. Ein etwas jüngerer Schüler mit schwarzem Haarscheitel und anrasierten Schläfen sieht das Verbrechen als logische Folge. „Der eine hatte seine Freundin angemacht, und deshalb musste er die eben verteidigen. Und dabei ist er wohl ausgetickt.“ Die Polizei kann keines der Gerüchte bestätigen. Am Dienstagabend wird Bürgermeister Olaf Scholz beim Landesparteitag der SPD sagen, dass für ihn „unfassbar vorzustellen“ sei, was den 17-jährigen Jugendlichen bei seiner Tat angetrieben hat.

Die Eltern der Kinder aus der Grundschule Kirchdorf treten den Heimweg am Dienstag ein wenig schneller an als üblich. Einige waren schon am Morgen zum Pförtner geeilt, in dem Glauben, die Messerstecherei habe sich an der Grundschule abgespielt. „Es ist wie immer, wenn etwas Schreckliches so nah ist: Du zweifelst und bist ergriffen, und dann merkst du, wieviel Glück man im Leben hat“, sagt ein Vater, der seine Tochter abholt. Per Durchsage hatte die Schulleitung den Kindern gesagt, sie sollten lieber nicht rechts die Straße hinunterlaufen. Sie kommen dennoch und blicken auf das Grauen nebenan, die Augen geweitet.

Michel López bleibt mit seiner Tochter noch lange vor der Absperrung an der Prassekstraße, am Nachmittag haben Männer in weißen Plastikkutten die grimmigen Gesichter der Politiker ersetzt. In anderen Ländern, sagt López, da könne man es fassen, sich irgendwie daran gewöhnen, dass Jugendliche sich einfach gegenseitig töten, egal in welcher Situation und aus welchem Grund. „Aber doch nicht hier“, sagt López. „Hier ist das gelobte Land, hier ist ein junges Leben doch etwas wert. Da darf so etwas nicht sein. Niemals.“