Altstadt

Hamburgs älteste Bürgerinitiative wird 250 Jahre

Michael Marschall, 60, im Wittkittel der Brandwächter von 1842 mit Kirsten Marschall, 50, im Kostüm einer Hamburger Schankmagd

Michael Marschall, 60, im Wittkittel der Brandwächter von 1842 mit Kirsten Marschall, 50, im Kostüm einer Hamburger Schankmagd

Foto: Bertold Fabricius

250 Jahre gesellschaftliches Engagement: 5000 Besucher beim Hausfest der Patriotischen Gesellschaft in der Altstadt

Hamburg.  Vor dem historischen Gebäude haben sie den roten Teppich ausgerollt. Pünktlich um 11 Uhr stimmen der Michel-Türmer und das Bläser-Ensemble des Posaunenchores St. Michaelis vom Balkon sich auf einen ereignisreichen Tag ein: Willkommen zum Hausfest der Patriotischen Gesellschaft! Kurz darauf strömen die ersten Besucher in das frisch sanierte Gebäude an der Börsenbrücke, wo einst das Hamburger Rathaus gestanden hat.

Der 11. April 1765. Eine Gruppe von Hamburger Wissenschaftlern, Kaufleuten, Künstlern, Juristen, Geistlichen und Senatoren gründet eine nie zuvor dagewesene Bewegung. Sie sind begeistert von der Idee der Demokratisierung und dem Gleichheitsprinzip der Menschenrechte. Und sie sind entschlossen, sich aus der Bürgermitte heraus für das Gemeinwohl der Stadt zu engagieren. Die Patriotische Gesellschaft wird zur ersten Bürgerinitiative Deutschlands.

Auf den Tag genau 250 Jahre später lauten die Themen Stadtentwicklung und interkulturelles Leben, gleiche Bildungschancen für alle Kinder und Denkmalschutz. „Mit dem Hausfest wollen wir die Themenvielfalt, Diskussionskultur und Arbeitsweise der Patriotischen Gesellschaft für Besucher erlebbar machen“, sagt Ingrid Nümann-Seidewinkel, die erste Vorsitzende. Es sei das erste Mal, dass die Patriotische Gesellschaft zum Tag der offenen Tür einlade. „Wir wollen den Bürgern auch die Gelegenheit geben, mit unseren Mitgliedern in den Dialog zu treten und die Arbeitskreise sowie ihr ehrenamtliches Engagement kennenzulernen.“

Draußen vor der Tür treffen die Besucher erst einmal auf Michael Marschall. Der 60-Jährige hat einen Wittkittel an, eine große Feuerpatsche in der einen und eine goldene Glocke in der anderen Hand – die Uniform der Brandwächter, die einst dabei waren, als 1842 der Große Brand genau an dieser Stelle tobte. „Die Brandwächter hatten weiße Kittel an, damit sie besser zu sehen waren, wenn sie ins Feuer gingen“, sagt er. Damals wurde an dieser Stelle das Alte Rathaus weggesprengt, um den Brand zu stoppen.

„Das ist nicht wirklich gut gelungen“, weiß Marschall, der auch historische Rundgänge vom Rathaus zur Speicherstadt veranstaltet. Dann erklärt er den Touristen auch, warum die Patriotische Gesellschaft für Hamburg eine solch große Bedeutung hat. „Dass Bürger sich über Parteigrenzen hinweg seit so langer Zeit versammeln und sich Gedanken über den Zusammenhalt und die Entwicklung der Stadt machen, ist heute vielleicht wichtiger denn je“, sagt er.

Drinnen finden die Führungen statt. Jede Stunde erkundet eine Besuchergruppe das Gebäude vom Keller bis zum Dach. Im oberen Foyer erklären die einzelnen Arbeitskreise auf großen Schautafeln, womit sie sich befassen. Jeder Besucher kann auf kleinen Zetteln seine Ideen anheften. „Wie wollen wir in Hamburg miteinander leben?“, fragt der Arbeitskreis Stadtentwicklung. Auf einem Zettel steht: „Wo bleiben die Fußgänger in Hamburg?“ Auf einem anderen: „Radwege – aber richtig.“

Genau darum geht es heute: Die Patriotische Gesellschaft will mit den Hamburgern ins Gespräch kommen. Im Bülau-Zimmer können die Besucher bei der Veranstaltung „Hamburger Stiftungen stoßen an“ stündlich die gedanklichen Anstöße zweier Diskutanten am Billardtisch verfolgen. Im oberen Foyer gibt es ein Schachturnier des Diesterweg-Stipendiums, das Grundschüler aus den 4. Klassen an zwölf Partnerschulen im sozial benachteiligten Osten Hamburgs auf ihrem weiteren Schulweg unterstützt. Voraussetzung ist die Mitwirkung der Eltern.

Unten im Foyer können sich die Gäste bei Kaffee, Kuchen und kleinen Speisen stärken. Den leckeren Gulaschtopf mit ofenfrischem Baguette gibt es für 4,50 Euro. Alles zubereitet und präsentiert von Schülern der Produktionsschule Altona, an der sich seit 15 Jahren Jugendliche auf ihren ersten allgemeinbildenden Schulabschluss vor- ­bereiten. Der Andrang ist groß, um 17 Uhr ist das letzte Stück Kuchen verkauft.

Ganz oben auf dem Dach entdecken die Besucher zum Abschluss des Rundgangs sechs Bienenvölker. Das Insekt ist das Wappentier der Patriotischen Gesellschaft und steht für Fleiß und Anstrengung fürs Gemeinwohl. Der Imker Georg Petrausch beantwortet geduldig alle Fragen zum Thema „Stadthonig“ – der natürlich auch probiert werden kann.

Das Motto des Hausfestes lautet: Feiern, bis das Licht angeht. Und so sorgt Lichtkünstler Michael Batz mit der offiziellen Einweihung der Fassadenbeleuchtung um 21 Uhr für einen glanzvollen Abschluss dieser eindrucksvollen Premierenveranstaltung, zu der rund 5000 Hamburger erschienen sind. „Viele Besucher haben gesagt, dass sie es sehr schön fanden, endlich einmal dieses historische Gebäude von innen kennenlernen zu können“, sagt Ingrid Nümann-Seidewinkel. Und so viel steht nach der erfolgreichen Premiere bereits fest: Die nächsten Hausführungen kommen bestimmt. Und zwar nicht erst in 250 Jahren.