Hannover Messe

Wie sieht die Fabrik der Zukunft aus?

41 Aussteller aus Hamburg auf der Hannover Messe. Branchenschau präsentiert Roboter-Ameisen und einen automatisierten Tischkicker.

Hamburg.  Die deutsche Indus­trie hat allen Grund, optimistisch zu sein: Für den Heimatmarkt wird von den meisten Experten ein mindestens ebenso hohes Wirtschaftswachstum wie im Vorjahr erwartet, in Südeuropa außer in Griechenland kommt die Erholung voran, und in den USA sowie in großen Teilen Asiens läuft es ohnehin gut. So dürfte die Stimmung auf der weltgrößten Industriemesse, die am Sonntag in Hannover eröffnet wurde, überwiegend heiter sein.

Auch der Veranstalter, die Deutsche Messe AG, ist zufrieden: Angemeldet haben sich 6500 Aussteller – das ist ein leichtes Plus gegenüber dem Jahr 2013, als die Messe einen vergleichbaren Zuschnitt hatte. Dabei kommen 56 Prozent der Aussteller aus dem Ausland; 70 Herkunftsländer finden sich auf der Liste. „Die Hannover Messe ist in diesem Jahr so international wie noch nie zuvor“, sagt Doris Petersen, Repräsentantin der Messegesellschaft für die norddeutschen Bundesländer. Allein 400 Aussteller kommen aus dem diesjährigen Partnerland Indien, sogar gut 900 aus China. Die Besucherzahl soll das Niveau des Jahres 2013, als 217.000 Gäste kamen, erreichen.

Beherrschendes Thema der Messe ist abermals „Industrie 4.0“: Werkstücke steuern eigenständig durch die Fabrik, in der die Arbeiter Seite an Seite mit Robotern agieren und die Produktionsanlagen jeden Fehler sofort erkennen und automatisch beheben. „Erstmals werden in diesem Jahr Technologien gezeigt, die der Besucher kaufen und direkt in seine Fabrik einbauen kann“, so Petersen. „Damit ist ,Indus­trie 4.0‘ endgültig in der Realität angekommen.“

Manche der Aussteller haben sich etwas besonderes einfallen lassen, um die Möglichkeiten modernster Technologie zu demonstrieren. So können Besucher gegen einen automatisierten Tischkicker antreten. Der Produktionstechnikhersteller Festo zeigt 14 Zentimeter große Roboter-Ameisen, die ihre Handlungen und Bewegungen aufeinander abstimmen können, um Aufgaben zu erledigen, die sie allein nicht schaffen würden. Außerdem ist auf der Messe ein 3-D-Drucker zu sehen, der Objekte mit einem Durchmesser von bis zu sieben Metern aus Beton erstellt. Eine echte Innovation ist ein Roboter von ABB, der dank ausgefeilter Sensortechnik erstmals gefahrlos ohne Schutzgitter mit Menschen zusammenarbeiten kann.

Aus Hamburg sind 41 Aussteller dabei, mehr als in den Vorjahren im Industriebereich. Auch diesmal aber präsentiert sich die Hansestadt nicht mit einem Gemeinschaftsstand als Forschungsstandort – im Gegensatz zu fast allen anderen Bundesländern.

Als Hersteller von LED-Beleuchtungen für die industrielle Bildverarbeitung profitiert auch die Rahlstedter Firma MBJ Imaging von der Tendenz zur sich selbst steuernden Fabrik. „Industriekameras lesen Barcodes und können erkennen, ob Teile korrekt zusammengesetzt sind oder ob sie Beschädigungen aufweisen“, sagt Michael Fuß, Geschäftsführender Gesellschafter der Muttergesellschaft MBJ Solutions. Voraussetzung dafür ist aber die richtige Beleuchtung. MBJ Imaging kauft Leuchtdioden vor allem aus Japan und montiert sie in der Metropolregion Hamburg zu einbaufertigen Leuchtflächen von bis zu rund 50 mal 50 Zentimetern.

„Die Teilnahme an Messen ist für uns das wesentliche Vertriebsinstrument“, sagt Fuß, „dort treffen wir unsere Kunden.“ Zwei der insgesamt 15 Mitarbeiter der MBJ-Gruppe betreuen den Messestand in Hannover, wo als Produktneuheit Beleuchtungsmodule für Industriekameramodelle eines amerikanischen Anbieters präsentiert werden. „Wir wachsen in diesem Jahr stark, weil wir auf neuen Geschäftsfeldern aktiv werden“, so Fuß. Mindestens drei weitere Beschäftigte sollen hinzukommen.

Insgesamt hat die deutsche Indus­trie das Personal im Jahr 2014 erheblich ausgebaut. Wie eine Abendblatt-Umfrage unter den vier wichtigsten Branchen des verarbeitenden Gewerbes ergab, wurden zusammen 47.200 Stellen neu geschaffen. Den Prognosen zufolge dürfte es im Jahr 2015 aber nicht noch einmal zu einem Beschäftigungsaufbau dieser Größenordnung kommen – nur die Elektroindustrie rechnet mit einem hohen Zuwachs.

Produktionssteigerungen erwarten jedoch alle vier Branchen. Andreas Gontermann, Chefvolkswirt des Zen­tralverbands Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI), veranschlagt das Umsatzwachstum auf 1,5 Prozent. „Die Triebfeder ist der Export, wobei uns der gesunkene Außenwert des Euro unterstützen sollte“, erklärt Gontermann. Zudem profitiere die Branche von Trends wie der vernetzten Fabrik, der zunehmenden Bedeutung der Energieeffizienz und dem Wandel im Bereich Mobilität mit Elektroautos.

Auch der Maschinenbau setzt auf den Faktor „Industrie 4.0“. Olaf Wortmann, Konjunkturexperte des Branchenverbands VDMA, sieht ebenso wie Gontermann positive Effekte im Export durch die Euro-Schwäche. „Hinzu kommt, dass sich die Wirtschaft in Spanien und Italien spürbar erholt.“ Politische Risiken etwa in Osteuropa und im mittleren Osten hätten allerdings „leider nicht an Bedeutung verloren“.

Ebenso wenig euphorisch zeigt sich die Chemiebranche. „Für das Gesamtjahr 2015 rechnen wir mit einem moderaten Anstieg der Produktion in Höhe von 1,5 Prozent“, sagt Manfred Ritz, Sprecher des Verbands VCI. Doch angesichts der niedrigen Rohstoffkosten würden die Chemikalienpreise voraussichtlich um zwei Prozent sinken, sodass der Branchenumsatz um 0,5 Prozent schrumpfen dürfte.

Die Automobilindustrie erwartet laut Sandra Courant, Sprecherin des Branchenverbands VDA, ein Produktionsplus von zwei Prozent.