Kampf gegen Lärm

Hafen drohen wegen Flüsterbremse Staus bei Güterbahn

Malte Lawrenz leitet den Verband der Güterwagenhalter - hier am Bahnhof alte Süderelbe

Malte Lawrenz leitet den Verband der Güterwagenhalter - hier am Bahnhof alte Süderelbe

Foto: Michael Rauhe

Wenn Waggons nicht bis 2016 auf Flüsterbremsen umgerüstet werden, gibt es Nachtfahrverbote. Verband in Aufruhr.

Hamburg.  Mehr als eineinhalb Millionen Güterwaggons sind im vergangenen Jahr in oder aus dem Hafen gerollt, um Waren für den Import und Export bereitzustellen. 44,4 Millionen Tonnen Güter wurden dabei über das Gleisnetz der Hamburger Hafenbahn bewegt. Das war ein neuer Rekord, wie schon im Vorjahr und im Jahr davor. Nach den Vorstellungen der Verantwortlichen der Hafenbahn könnte das gern so weitergehen. Es gibt aber auch Experten in Hamburg, die sind skeptisch, dass der Boom anhält. Der Verband der Güterwagenhalter in Deutschland befürchtet, dass es beim Schienengüterverkehr zu massiven Kapazitätsverlusten kommen kann. Schon ab dem kommenden Jahr.

Grund ist eine Vereinbarung von CDU und SPD im Koalitionsvertrag der Bundesregierung zur Absenkung des Schienenlärms. Dass der Bund dem Schienenlärm den Kampf angesagt hat, ist grundsätzlich positiv zu werten. Regierungszahlen zufolge fühlen sich 24 Prozent der Bundesbürger durch Verkehrslärm der Eisenbahnen belästigt, darunter sogar zwölf Prozent, die sich äußerst stark beeinträchtigt sehen.

Deshalb haben auch die Güterwagenhalter erkannt und eingesehen, dass der Lärm, den Züge erzeugen, reduziert werden muss. Und so hat sich der Verband der Güterwagenhalter, vormals Vereinigung der Privatgüterwagen Interessenten (VPI), dem Ziel der Bundesregierung angeschlossen, den Schienenlärm bis 2020 zu halbieren. Von diesem Zeitpunkt an sollen laute Güterwagen das deutsche Schienennetz nicht mehr befahren.

Deshalb wollen und müssen die 180 Mitgliedsunternehmen des Verbands, der in der Mattentwiete in der Hamburger Altstadt sitzt, ihre rund 67.000 in Deutschland registrierten Güterwaggons bis 2020 mit einer sogenannten Flüsterbremse ausstatten. „Lärm ist an viel befahrenen Strecken eine wirkliche Belastung, und die Bürger und Verbände beklagen sich darüber nicht zu Unrecht“, sagt der VPI-Vorsitzende Malte Lawrenz. „Unser Problem ist aber, dass laut Koalitionsvertrag bereits 2016 die Hälfte aller Wagen umgerüstet sein soll. Und das ist nicht zu schaffen.“

Mehr noch: Die Bundesregierung hat sogar vor, ordnungspolitische Maßnahmen wie Geschwindigkeitsbeschränkungen oder gar Nachtfahrverbote zu erlassen, wenn die 50-Prozent-Vorgabe gerissen wird. „Die Folgen wären dramatisch“, sagt Lawrenz. „Im Fall einer Geschwindigkeitsreduzierung würden sich die Beförderungszeiten um 24 Prozent verlängern und die Kapazitätsverluste im Netz in der Nacht bis zu 20 Prozent betragen“, sagt Lawrenz und stützt sich dabei auf ein Gutachten.

Für den logistischen Knotenpunkt Hamburg würde das unabsehbare Einschränkungen mit sich bringen, warnt der Verbandschef, zumal ein Großteil der im Hafen umgeschlagenen Güter nachts abgefahren werden. „Solche Restriktionen würden die Knappheit an Bahntrassen noch weiter verschärfen.“ Die Folgen wären Verstopfungen im Hafen. Hinzu kämen erhebliche Rückverlagerungen des Verkehrs auf die Straße, was aus Klimaschutzgründen unsinnig wäre. Schließlich müssten die Unternehmen des Schienengüterverkehrs erhebliche Einnahmenverluste hinnehmen. „Dann fehlt den Firmen wiederum das Kapital, ihre Wagen alle rechtzeitig umzurüsten“, so Lawrenz.

Neue Flüsterbremsen verringern auch die Geräusche während der Fahrt

Eine solche Umrüstung ist nicht billig. Denn die Flüsterbremse verringert, anders als der Name sagt, nicht die Geräusche beim Bremsen der Waggons, sondern beim Fahren. Bisher werden die Räder der Güterwagen durch Bremsklötze aus Grauguss abgebremst. Diese rauen aber die Lauffläche der Räder auf, was die Fahrgeräusche erhöht. Neue Bremsklötze aus Verbundwerkstoffen halten die Lauffläche der Eisenbahnräder dauerhaft in glatt geschliffenem Zustand. Die Abrollgeräusche nehmen ab.

Die Umrüstung eines Wagens kostet zwar nur rund 1700 Euro. Da die Laufräder durch die neuen Bremsklötze aber häufiger gewartet werden müssen, sind die Betriebskosten laut Lawrenz 15 bis 20 Prozent höher als bei alten Waggons. Er will erreichen, dass die Bundesregierung im kommenden Jahr auf Restriktionen verzichtet. Ein Gespräch der Verbandsspitzen mit dem Bundesverkehrsministerium habe keine Annäherung gebracht.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt macht nämlich keine Abstriche: „Güterwagen, die nicht auf lärmmindernde Technik umgerüstet sind, werden ab 2020 das deutsche Netz nicht mehr befahren dürfen. Dafür bereiten wir jetzt ein Gesetz vor“, sagt der CSU-Politiker. Zudem unterstütze die Bundesregierung die Güterwagenbetreiber kräftig: „Wir fördern die Umrüstung von Güterwagen auf Flüstertechnik, die das Fahrgeräusch der Züge stark reduziert“, so der Minister. Bis zu 152 Millionen Euro gebe der Bund bis 2020 dafür aus. Aber es bleibe dabei: „2016 wird der Stand der Umrüstung evaluiert.“

Der VPI hofft auf Geduld: „Anders als die Deutsche Bahn rüsten wir vorwiegend nicht alte Wagen um, sondern investieren gleich in neue mit der leisen Bremse. Das bedeutet erhebliche Investitionen“, sagt Lawrenz, der zugleich Vertriebsleiter der GATX Rail Deutschland ist, einem der größten Vermieter von Kesselwagen. „Unsere Mitglieder haben bereits 18.800 leise Wagen auf der Schiene. Jährlich kommen 3500 hinzu. Bis Ende 2020 rollen alle leise.“