Foodsharing

Die Geschichte hinter dem Kühlschrank als „Fair-Teiler“

Foto: Roland Magunia

Die Initiative „foodsharing.de“ hat zehn Sammelstellen in Hamburg aufgestellt – dort kann jeder Lebensmittel geben oder nehmen. Ihr Ziel ist es, die Lebensmittelverschwendung zu minimieren.

Hamburg. Kartoffeln, Joghurt, Butter, Äpfel – der Kühlschrank im Infocafé des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) auf dem Campus im Grindelviertel ist gut gefüllt. Doch dieser Kühlschrank ist kein gewöhnlicher: Er ist ein „Fair-Teiler“. „Bitte mitnehmen“ und „gratis“ stehen gut sichtbar an der Kühlschranktür, innerhalb einer Stunde bedienen sich gleich mehrere an dem reichhaltigen Angebot. Trotz Semesterferien. „Während des Semesters ist die Nachfrage natürlich noch höher“, sagt AStA-Mitarbeiterin Suanet T. Nicht nur Studierende dürfen den Kühlschrank be- und entladen – die insgesamt zehn Fair-Teiler in Hamburg sind für jedermann frei zugänglich. „Das ist eine super Sache“, freut sich Sabine P. Sie ist obdachlos. Heute holt sie sich zwei Äpfel und ein Brötchen, sie hat dem Kühlschrank aber auch schon Milch und Suppe entnommen. „Die Lebensmittel sind in der Regel noch sehr frisch, zudem macht man sich nicht strafbar wie beim Containern.“ So wird die Suche in Abfallbehältern von Supermärkten genannt.

Die Fair-Teiler sind Tauschbörsen für Lebensmittel. Wer Nahrungsmittel übrig hat, stellt sie hinein; wer welche braucht, nimmt sie mit. „Die meisten Standorte sind in Gebäuden, etwa in Cafés, sind Teil von Hausprojekten oder auf Privatgrundstücken. Im öffentlichen Raum ist es aufgrund der persönlichen Haftung sehr schwierig“, sagt Bodhi Neiser, Mitglied bei foodsharing.de und zuständig für die Koordination in Hamburg.

Diese Initiative, die vor allem im deutschsprachigen Raum aktiv ist, steht hinter den Fair-Teilern. Ihr Ziel ist es, die Lebensmittelverschwendung zu minimieren. Nach den Ergebnissen einer Studie der Universität Stuttgart aus dem Jahr 2012 wirft jeder Bürger in Deutschland jährlich knapp 82 Kilogramm Lebensmittel in den Müll – das entspricht zwei vollgepackten Einkaufswagen. Foodsharing.de will das ändern. Über eine Million Kilogramm Lebensmittel hat die Initiative nach eigenen Angaben bereits vor der Tonne gerettet. Dafür kooperiert sie mit kleineren Lebensmittelmärkten, Cafés und Bäckereien. 450 aktive „Foodsaver“ – deutsch: Lebensmittelretter – sorgen in Hamburg dafür, dass die Nahrung abgeholt wird. „Es gibt 20 Botschafter, die sich um die einzelnen Stadtteile kümmern“, sagt Bodhi Neiser.

Darf jeder, der sich gegen Lebensmittelverschwendung engagieren möchte, einfach einen Fair-Teiler errichten? „Wenn das Ganze unter dem Namen von foodsharing.de stattfinden soll, dann kann das nur ein Foodsaver machen“, sagt Neiser. Und dabei geht es um mehr, als nur ein Formular auszufüllen. Um Foodsaver zu werden, müssen Interessierte ein Quiz absolvieren, mit dem sie unter Beweis stellen, dass sie sich mit dem Thema Lebensmittelverschwendung auskennen. Die Freiwilligen reinigen die Kühlschränke ein bis zweimal pro Woche, zudem überprüfen sie die Lebensmittel.

Der öffentliche Kühlschrank im Infocafé wurde im November 2014 beim Aktionstag gegen Lebensmittelverschwendung der Universität Hamburg ins Leben gerufen. Seitdem wird er regelmäßig genutzt. „Als ich in den Urlaub gefahren bin, habe ich alle Lebensmittel, die ich nicht mehr brauchte, ins Infocafé gebracht. Da waren Butter, Käse und Milch dabei“, erzählt Studentin Antje Meppen. Ein anderes Mal habe sie aus den vielen Bananen, die sich im Kühlschrank befanden, ein Bananenbrot gebacken. „Der Fair-Teiler sollte Anlass sein, über das Thema Lebensmittelverschwendung nachzudenken“, sagt Miriam Block, AStA-Referentin für Ökologie und Nachhaltige Entwicklung. „Das Bewusstsein, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum nicht mit dem Verfallsdatum gleichzusetzen ist, müsste in der Öffentlichkeit weiter steigen.“ Die Aktion selbst funktioniere reibungslos. Auch dass jemand den halben Kühlschrank leergeräumt hat, sei bislang noch nicht vorgekommen. „Da sind die Nutzer sehr fair untereinander“, sagt Suanet T.

Als Konkurrent bestehender Einrichtungen wie der Hamburger Tafel sieht sich foodsharing.de nicht. Der zweite Vorsitzende der Tafel, Wilm van Bebber, sieht das ähnlich. „In diesem Bereich kann es keine Konkurrenz geben.“ Auch die Arbeitsweise der Tafel ist anders. Die Organisation arbeitet mit Filialbetrieben wie Edeka, Lidl, Rewe oder Aldi zusammen. Aber leider gingen die Spenden in der letzten Zeit zurück, sagt Wilm van Bebber. „Das liegt unter anderem an der Möglichkeit, mit dem Verkauf von Abfällen an Biogasanlagen Geld zu verdienen.“

Die Initiative foodsharing.de erfreut sich indes steigender Beliebtheit. Für Hamburg sind fünf weitere Fair-Teiler geplant, unter anderem in Altona, St.Pauli und Langenhorn. Gut möglich also, dass sich auch in Ihrer Nähe demnächst ein Kühlschrank für die Öffentlichkeit befindet.