Das Christentum schwindet

Foto: Manfred W. Juergens

Aktuell ist viel von der drohenden Islamisierung des Abendlandes die Rede. Schwerer wiegt die Entchristianisierung, die Abkehr der Deutschen von den Kirchen. Hamburgs Weihbischof warnt deshalb auch vor dem Verlust eines Stücks Heimat auf Erden.

Zehntausende Menschen tragen derzeit ihre wachsende Wut und Sorge auf die Straßen, weil sie die Überzeugung umtreibt, Deutschland sei einer schleichenden Islamisierung unterworfen. Es ist ein profunder Irrtum, der vor allem von interessierten Kräften im äußerst rechten Spektrum genährt wird. Von den mehr als 81 Millionen in Deutschland lebenden Menschen sind maximal vier Millionen Muslime; vielleicht auch deutlich weniger. Und die Zahl der Türken unter ihnen, der größten muslimischen Ethnie, nimmt ab, weil gegenwärtig mehr ethnische Türken in die Türkei auswandern als hierherkommen. Nach dem jüngsten Migrationsbericht der Bundesregierung kommen fast 77 Prozent der Zuwanderer aus Europa, namentlich aus katholischen Ländern wie Polen, Italien und Spanien. Von einer Islamisierung Deutschlands kann also keine Rede sein, viel eher von einer Entchristianisierung. Historisch wurde dieser Begriff vor allem auf die blutige jakobinische Revolutionsphase im Frankreich der Jahre 1793/94 bezogen, als die Kirchen zu „Tempeln der Vernunft“ umgewidmet, der Kalender von kirchlichen Festen bereinigt und alle Namen mit christlichem Bezug gelöscht wurden.

Die Entchristianisierung in Deutschland läuft nicht schlagartig und auf Befehl ab. Dem religiösen Eifer so mancher Muslime setzen viele Deutsche heute einfach eine spirituelle Gleichgültigkeit entgegen. Die Zahl der Kirchenaustritte steigt bei Katholiken wie Protestanten weiter dramatisch an; überhaupt gibt es immer mehr Menschen in Deutschland, für die Religion kein vitales Element ihres Lebens mehr ist. Im Jahre 2013 traten allein fast 180.000 Menschen aus der katholischen Kirche aus; der höchste Wert seit 1992. Bei den Protestanten sieht es nicht viel besser aus. Waren 2001 noch mehr als 53 Millionen Menschen Mitglieder in den beiden großen deutschen Kirchen, so sank die Zahl bis heute auf 47 Millionen. Im Jahre 1951 gehörten sogar noch mehr als 96 Prozent der Deutschen einer christlichen Konfession an; derzeit sind es rund 59 Prozent; Tendenz stark sinkend. Es gibt Schätzungen, nach denen die Christen in Deutschland spätestens in 20 Jahren nur noch eine Minderheit der Bevölkerung stellen. In Hamburg sind übrigens bereits jetzt nur noch 40 Prozent der Menschen katholisch oder evangelisch. Die Nordkirche musste 2013 den Austritt von fast 24.000 Mitgliedern verkraften und rechnet mit einem weiteren starken Anstieg der Austritte.

Unter den Gründen für die zunehmende Entchristianisierung der Deutschen und die Kirchenaustritte gibt es auch einige banale; zum Beispiel Steuern. Auch bisher musste Kirchensteuer auf Kapitalerträge gezahlt werden; neuerdings aber wird sie von den Banken ermittelt und dann automatisch eingezogen. Seit dem 1. Januar 2015 werden Bankkunden davon unterrichtet, dass die Banken ihre jeweilige Religionszugehörigkeit bei den Behörden abfragen. Wer dies nicht will, muss später bei der Steuererklärung umständlich ein Formular ausfüllen. Für viele Gläubige wirkt die Kirche auf diese Weise geldgierig – obwohl die Höhe der Steuersumme dieselbe bleibt. Allein dieser geänderte Modus beim Einzugsverfahren sorgt für Zehntausende Kirchenaustritte. Von „schmerzlichen Zahlen“ hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx, gesprochen. Ein Grund für die Entchristianisierung mag aber auch sein, dass die einstige Alleinstellung der Kirche bei Sozialleistungen und Pflege der Seele, die sie in früheren Jahrhunderten besaß, vom Staat gebrochen wurde. Schulen, Krankenhäuser, Armenhilfe – dies alles wird heute vorwiegend von Behörden oder in deren Auftrag geleistet –, sogar die Seelsorge in der säkularisierten Form von Psychiatern und Psychologen.

In den rund 100 Jahren zwischen der Reichsgründung 1871 und 1970 verharrte die christliche Konfessionszugehörigkeit der Deutschen auf gleichbleibend hohem Niveau. Seitdem schreitet die Säkularisierung (Verweltlichung) jedoch zügig voran. Das hat sicher auch zu tun mit dem Schleifen von alten Werten und Traditionen durch die 1968er-Revolte. 2013 ergab eine Sinus-Umfrage unter deutschen Katholiken, dass sich viele Befragte nicht mehr „als gläubig im herkömmlichen Sinn“ verstehen und auch nicht aktiv nach einer Beziehung zu Gott suchen. Selbst die Vorstellungen der meisten Kirchenmitglieder bezüglich Gott und der Glaubensinhalte sind demnach „eher diffus“. Die Dogmen der Auferstehung nach dem Tod oder der unbefleckten Empfängnis würden ohnehin nur noch von wenigen Gläubigen wörtlich genommen. Vor allem junge Menschen und Unterschichten messen der Kirche kaum noch große Bedeutung bei. 20 Prozent der protestantischen Kirchenmitglieder gelten Erhebungen nach bereits als unreligiös und kirchenfern. Nur vier Prozent der protestantischen Kirchenmitglieder besuchten am Karfreitag noch einen Gottesdienst, schrieb die „Welt“.

Dr. Hans-Jochen Jaschke, seit 1994 Weihbischof des Erzbistums Hamburg, beklagt eine „spirituelle Beliebigkeit“. „Ich sehe zwar, dass sich die meisten Deutschen, zumindest im Westen, noch eine christliche Ader erhalten haben; auch schätzen sie kirchliche Einrichtungen. Ich stelle dort eine große Sympathie für die Kirchen fest – aber die direkte Bindung an die christlichen Kirchen geht zurück“, sagte Jaschke dem Hamburger Abendblatt: „Die Kirchen verlieren viele Mitglieder, und sie sind im öffentlichen Diskurs nur noch eine Stimme unter anderen.“ Der Osten Deutschlands sei in der Tat entchristianisiert – eine Folge von 40 Jahren des „verhängnisvollen“ DDR-Sozialismus; dieser Prozess sei zwar nicht aggressiv, aber doch schleichend und mit sehr viel Druck vonstattengegangen. Im Westen sieht Jaschke das Entstehen einer säkularen Welt, konsumorientiert und „wenig interessiert an dem, was einen Mehrwert für das Leben bedeutet. Etwas, das man nicht kaufen kann.“ Der Weihbischof räumt zudem ein, dass die Missbrauchsfälle der katholischen Kirche sehr geschadet hätten: „Aber dies hat uns nicht nur geschadet, sondern auch blamiert und beschämt.“

Ferner seien Finanzfragen ein heikles Thema: „Es gibt wenig Verständnis in der Bevölkerung, wenn es um den ‚Reichtum‘ der Kirche geht.“ Dabei besteht der größte Teil dieses „Reichtums“ aus Immobilien, die die Kirche eher viel kosten. „Es gibt darüber hinaus aus alten Traditionen auch Staatsleistungen, mit denen die Kirche bestimmte Dinge finanzieren kann. Der große Fehler der Kirchen war, dass wir zu wenig Transparenz geschaffen haben“, sagt Jaschke: „Welche Immobilen sind da, welche Fonds gibt es, aus denen wir Gehälter zahlen müssen, und so weiter.“ Die erhitzte Debatte um den inzwischen abgelösten Limburger Bischof Tebartz-van Elst und seinen umstrittenen Umgang mit Geld und aufwendigen Bauten hätten einen weiteren Reizwert dargestellt – obwohl die rein finanzielle Dimension relativ gering gewesen sei. Doch der Schaden für die Kirche sei „gewaltig“ gewesen. Offenbar ist das Vertrauen der Menschen in die Kirchen erschüttert, ein Entfremdungsprozess findet seit Langem statt. Der Marburger Theologe Hans-Martin Barth spricht von einer „neuen Stufe der Religionsgeschichte“; es habe sich ein Bereich von Areligiosität und Indifferentismus in Deutschland etabliert.

Ein weiterer Grund für die Entchristianisierung der deutschen Gesellschaft ist nach Ansicht von Jaschke die wachsende Zurückhaltung der Menschen, Bindungen einzugehen; sich festzulegen auf eine kirchliche Gemeinschaft. „Sichtbar dazuzugehören – das mögen Menschen oft nicht“, sagt der Hamburger Kirchenmann: „Ich kenne sehr liebenswürdige Menschen aus meiner Familie, die sagen, wir gehen regelmäßig zur Kirche. Aber das heißt dann: einmal im Monat.“ Was früher selbstverständlich war, werde heute stark ins Belieben gerückt.

„Ich sehe, dass Deutschland ein Stück religiöser Kultur verliert“, sagt Hans-Jochen Jaschke. „Vor allem der Osten ist – bis auf die wunderbaren restaurierten Bauten – eine religiöse Wüste, wenn auch mit neuen Anfängen.“ Die Preisgabe von Feiertagen wie des Bußtages setze Signale, dass Buße und innere Umkehr nicht mehr notwendig seien: „Da gibt es Überlegungen, auch die zweiten Feiertage – Weihnachten und Ostern – abzuschaffen und eher den Muslimen Feiertage einzuräumen. Doch Feiertage sind für Christen ein Symbol religiöser Kultur. Es ist ein Verlust an religiöser Heimat, wenn die Kinder nicht mehr getauft werden. Denken wir auch an kirchliche Heiraten oder Beerdigungen. Die Kirche bietet ein Stück Heimat auf Erden – aber eben auch darüber hinaus. Es ist schon eine Auswirkung der Entchristianisierung, dass wir spirituell heimatlos sind. Die Sekten haben natürlich Zulauf – für Verrücktheiten ist der Mensch immer zu haben.“

Das Leben sei d e r Grundwert, der über allem stehe, sagt Jaschke. Aber das Leben werde heute oft als nicht mehr als „lebenswert“ angesehen, wenn die Selbstbestimmtheit eingeschränkt sei. „Manche Menschen sagen, dann muss man dem eben ein Ende setzen. Natürlich muss man jedem Menschen die Entscheidung über sein Leben selbst überlassen. Aber ich finde das öffentliche Bewusstsein, dass Leben nicht mehr lebenswert sein könnte, einfach furchtbar. Genauso geht es um behindertes Leben. Im öffentlichen Bewusstsein gibt es bei vielen die Überzeugung, dass ein behindertes Leben abgetrieben werden kann. Was ist denn das für eine lieblose, unmenschliche Haltung?! Wer behinderte Menschen kennt, weiß doch, wie viel Freude sie am Leben haben können.“ Hamburgs Weihbischof betont: „Das Bewusstsein um den Wert des Lebens vom Anfang bis zum Ende, um seine Schönheit – dies geht ein Stück weit verloren im Zuge der Entchristianisierung unseres Landes.“

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