Überseequartier

Mega-Projekt: Die HafenCity nähert sich ihrer Vollendung

Das Unternehmen Unibail-Rodamco investiert 860 Millionen Euro und baut im Überseequartier Einkaufszentrum, Kino und Wohnungen. Verbände warnen vor schädlicher Konkurrenz von HafenCity und Innenstadt.

HafenCity. Seit 2010 ruhen am Ufer der Norderelbe die Bauarbeiten, in der riesigen Baugrube für eine Tiefgarage schimmert grünliches Wasser, und sogar seltene Küstenvögel lassen sich dort gelegentlich beobachten, wie Naturfreunde vor Kurzem freudig feststellten. Eine Brachlandschaft aus Sandhügeln und Betonfundamenten mitten in der HafenCity. Doch nun dürfte der Weiterbau des südlichen Überseequartiers wieder anlaufen.

In den kommenden Jahren sollen dort ein markanter Büroturm, ein neues Kreuzfahrtterminal, ein Hotel, ein Kino, Wohnungen und vor allem ein großer Einkaufskomplex mit 190 Läden entstehen, der die Verkaufsflächen der Innenstadt um rund 25 Prozent vergrößern würde. Das börsennotierte Immobilienunternehmen Unibail-Rodamco werde dort rund 860 Millionen Euro investieren, das Projekt bauen und später auch langfristig betreiben, sagte der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens, Christophe Cuvillier am Freitag. Unibail-Rodamco gilt als eines der größten Unternehmen für Gewerbe-Immobilien in Europa und betreibt Einkaufszentren und Bürogebäude in zwölf europäischen Ländern.

Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) äußerte sich erfreut über den neuen Investor für das bisher noch brachliegende, kommerzielle Herzstück der HafenCity: Man habe mit Unibail-Rodamco jemanden gefunden, der ein solches Projekt stemmen könne und der auch die Vorgaben der Stadt akzeptiert habe: „Wir wollten kein geschlossenes Shoppingcenter, keine klimatisierte Mall, sondern offene Straßen, ein richtiges Stück Stadt, das 24 Stunden am Tag geöffnet ist“, sagt Scholz.

Die Lösung, die nun gefunden wurde, ist zwar kein komplett geschlossenes Center, ganz offen ist sie aber auch nicht: Besucher werden wie auf der Mönckebergstraße auf einer breiten, allerdings mit Glasdächern ausgestatteten Meile zwischen Restaurants und Geschäften flanieren können, wozu vor allem große internationale Spitzenmarken gehören sollen. Man setzte als Konkurrenz zum Internethandel auf ein besonderes Einkaufserlebnis, so Unibail-Rodamco-Vorstand Cuvillier.

Hamburg passe da perfekt zur Strategie seines Unternehmens, weil die Stadt eine wachsende Metropole mit niedriger Arbeitslosenquote und hohem Pro-Kopf-Einkommen sei, die zu einer der wohlhabendsten und dynamischsten Regionen Europas zähle.

Der städtebauliche Trick bei dieser Einkaufsmeile befindet sich im zweiten Geschoss: Denn unter der sichtbaren Einkaufsmeile befindet sich eine weitere, wettergeschützte Ebene, die allerdings große Öffnungen bekommen und ebenfalls nicht klimatisiert werden soll. Von einer „beeindruckenden Lösung für den Wetterschutz“ sprach Scholz.

Es war allerdings nicht der fehlende Schutz vor dem oft regnerischen und windigen Hamburger Wetter, der den Weiterbau bisher verhindert hatte. Der Neustart für das Überseequartier war notwendig, weil das ursprüngliche Überseekonsortium aus zwei niederländischen Banken und einem deutschen Projektentwickler während der Finanzkrise ins Straucheln geraten war. 2005 hatte die Gruppe die Fläche zwischen Speicherstadt und Elbe von der Stadt gekauft und bis 2010 zunächst nur den Nordteil realisieren können.

Eine der Banken hat sich inzwischen aus dem Immobilienbereich zurückgezogen, die andere musste verstaatlicht werden. Und auch eine vom früheren schwarz-grünen Senat gewährte Garantie für die Anmietung von 50.000 Quadratmeter Bürofläche brachte schließlich nicht mehr die erhoffte „Initialzündung“. Zum Leidwesen der bereits eröffneten Geschäfte im Nordteil, die über zu wenig Kunden klagen. Es fehle für genügend Umsatz die „kritische Masse“ des fehlenden Südteils, argumentierte HafenCity-Geschäftsführer Jürgen Bruns-Berentelg, der ein Jahr lang nach einem neuen Investor suchte.

Am Freitag erläuterte er nun den Zeitplan für den Weiterbau des Überseequartiers: 2015 sollen bereits die ersten Architekten-Wettbewerbe starten, zeitgleich beginnt die Stadt mit dem Verfahren für neue Bebauungspläne, die erst das Baurecht dort schaffen. In dieser Zeit wird das Gelände faktisch noch dem alten Konsortium gehören, das es dann in einem weiteren Schritt an den neuen Investor verkauft. Baubeginn könne im Jahr 2017 sein.

Neue Bebauungspläne sind vor allem auch deshalb notwendig, weil auf Druck der Regierungspartei SPD das ursprüngliche Konzept teils drastisch verändert wurde. Die alte Mietgarantie durch die Stadt ist entfallen und der Büroflächenanteil wird laut den Informationen der HafenCity GmbH von zunächst geplanten 108.600 Quadratmetern Bruttogeschossfläche auf 56.900 reduziert. Dafür sollen jetzt im südlichen Überseequartier auch gut 300 Wohnungen gebaut werden, die vorher nicht Teil des Konzepts waren. Geplant sind Miet- und Eigentumswohnungen, aber keine Sozialwohnungen. Gebaut werden sie nördlich der U-Bahn-Trasse, um genügend Abstand zu den Abgasen der Kreuzfahrtschiffe zu bekommen.

Deutlich erhöht wurde in dem neuen Konzept allerdings auch der Anteil der Einkaufsfläche – was den neuen Investor freuen dürfte. Ursprünglich waren dafür im südlichen Überseequartier rund 40.000 Quadratmeter vorgesehen. Jetzt kann Unibail-Rodamco 190 Läden mit insgesamt 80.500 Quadratmetern vermieten. Zum Vergleich: Die Einzelhandelsfläche in der Innenstadt Hamburgs ist laut Handelskammer 310.000 Quadratmeter groß. Auf die Frage, ob nun nicht zu viele Shoppingflächen in Hamburg entstünden, äußerte sich der Bürgermeister zuversichtlich. Fünf Millionen Menschen lebten in der Region, Hamburg registriere zudem wachsende Touristenzahlen. „Und schon jetzt können wir die Nachfrage nach Einzelhandelsflächen nicht befriedigen.“

Die Handelskammer mahnte in einer ersten Stellungnahme am Freitag allerdings eine „Verknüpfung“ von HafenCity und Innenstadt an. Zudem müsse für die Geschäfte in beiden Teilen dieselben Rahmenbedingungen gelten, damit das Projekt ein Gewinn für Hamburg werde.

Als markante Neubauten sind neben der Einkaufszone vor allem ein 70 Meter hoher Büroturm und ein komplett neues Kreuzfahrtterminal geplant. Für den Turm wurde mit dem französischen Stararchitekten Christian de Portzamparc bereits ein Planer gefunden, der dort eine weit sichtbare architektonische „Landmarke bauen soll. Geplant ist dort auch eine öffentliche Aussichtsplattform. Ursprünglich sollte auf dem dafür vorgesehenen Grundstück einmal eine Art Naturkundemuseum gebaut werden. Für dieses „Science-Center“, das in vielen alten Entwürfen noch auftaucht, hatte der schwarz-grüne Senat noch eine Kofinanzierung über 46 Millionen Euro zugesagt. Nach dem Finanzdebakel um die Elbphilharmonie verabschiedete sich die Politik aber von einem weiteren öffentlichen Großprojekt.

Eine neue Konzeption gibt es nun auch für das neue Kreuzfahrtterminal, das die bisherige provisorische Lösung in der HafenCity ablösen soll. Der jetzige Plan sieht den Bau eines Gebäudeensembles vor, das Hotel und Handelsflächen auf zwei Ebenen mit dem eigentlichen Terminal kombiniert. Ein unterirdischer Busbahnhof mit zwölf Haltestellen und Taxiständen soll dort für einen raschen Passagierwechsel sorgen.

Auf Neuerungen müssen sich im Übrigen also auch die Küstenvögel in der Tiefgaragenbrache einstellen: Insgesamt plant der neue Investor 2950 neue Parkplätze, davon viele unterirdisch. 2021, so der bisherige Zeitplan, soll das südliche Überseequartier komplett fertig gebaut sein. Elf Jahre später als ursprünglich geplant.