So ticken die Hamburger

Wird „Vater, Mutter, Kind“ zu einem Auslaufmodell?

Das traditionelle Familienbild wird immer seltener. Was dies für unseren Alltag aber auch für das deutsche Rechtssystem bedeutet, beschreibt Prof. Ulrich Reinhardt von der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen.

Hamburg. Bis in die 1970er-Jahre hinein war die Vermietung von Wohnungen an nicht verheiratete Paare in Deutschland ein Straftatbestand. Der sogenannte Kuppelparagraf ahndete dieses mit bis zu fünf Jahre Gefängnis. Heutzutage achtet wohl kaum noch jemand darauf, ob der neue Nachbar einen Ehering trägt (es sei denn, man ist Single und hat Interesse).

In Hamburg gingen im vergangenen Jahr 6774 Paare den Bund fürs Leben ein – 1970 waren es noch mehr als doppelt so viele (13.941). Parallel hierzu hat sich auch die Anzahl von verheirateten Eltern verschoben. Wurde vor 40 Jahren etwa jedes 13. Kind in unserer Stadt unehelich geboren, ist es heute mehr als jedes dritte. Damit nimmt Hamburg bei den westdeutschen Bundesländern einen Spitzenplatz ein. In Ostdeutschland liegt die Quote allerdings noch deutlich höher, dort leben die Eltern von rund zwei Drittel aller Neugeborenen in wilder Ehe zusammen.

Das traditionelle Familienbild „Vater, Mutter, Kind“ wird demnach seltener. Immer häufiger treffen wir in unserem Umfeld auf bunt zusammengewürfelte Patchworkkonstellationen, bestehend aus Paaren oder Alleinerziehenden mit einem oder mehreren Kindern aus vorherigen Ehen, auf Stiefeltern und Stiefgroßeltern, die alle mal mehr, mal weniger einträchtig eine neue Form der Familie leben.

Bei der Frage, ob sich die klassische Kleinfamilie – das heißt Eheleute mit mindestens einem Kind – in den nächsten 20 Jahren zu einem Auslaufmodell entwickeln wird, sind sich die Bürger uneinig: Die Hälfte von uns kann sich dies durchaus vorstellen, die andere hält diese Entwicklung hingegen für undenkbar. Hierbei sind nur wenige Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland oder den Generationen nachzuweisen. Jedoch steigt mit der Ortsgröße sowie dem Einkommen die Zuversicht, dass die klassische Familie kein Auslaufmodell ist, und auch Mitbürger mit Migrationshintergrund sehen mehrheitlich das traditionelle Familienbild. Groß sind zudem die Unterschiede zwischen berufstätigen und nicht berufstätigen Frauen mittleren Alters: Während die Mehrheit der Hausfrauen in Zukunft das klassische Familienkonstrukt sieht, ist der Großteil der im Job stehenden Frauen anderer Meinung.

Was erwarte ich persönlich für die Zukunft? Die gesellschaftliche Anerkennung und rechtliche Gleichberechtigung von „alternativen“ Familien- und Paarkonstellationen wird zunehmen. Derzeit hinkt das deutsche Familien- und Steuerrecht dem gelebten Alltag noch hinterher. So sind erst seit 1998 uneheliche mit ehelichen Kindern rechtlich gleichgestellt. Patchworkfamilien und gleichgeschlechtliche Paare werden im deutschen Recht immer noch benachteiligt, denn selbst wenn Homosexuelle über die „eingetragene Lebenspartnerschaft“ einen eheähnlichen Status erreichen können, ist es ihnen nicht erlaubt, ein Kind gemeinsam zu adoptieren – es kann lediglich eine sukzessive Adoption für das leibliche oder schon adoptierte Kind des Partners beantragt werden. Und auch Stiefeltern ist es bisher rechtlich kaum möglich, als „Zweitmutter“ oder „Zweitvater“ für die bei ihnen lebenden Kinder Verantwortung zu übernehmen.

Langfristig erwarte ich aber auch eine Renaissance der klassischen Familienkonstellation. Gerade für die nachwachsende Generation werden Ehe, Kinder und Familie wieder „in“ sein. Die geschätzte Freiheit und Unabhängigkeit, die derzeit von vielen Singles und kinderlosen Paaren im mittleren Alter betont wird, hat die junge Generation bereits erlebt. Sie sind mit unendlich vielen Optionen aufgewachsen und haben all die Dinge erlebt und gemacht, die für frühere Generationen kaum denkbar waren.

Trotz oder gerade wegen dieser vielfältigen Möglichkeiten zählen für sie wieder mehr Konstanz und Sicherheit, Verlässlichkeit und Beständigkeit. Hierbei wird die nachwachsende Generation die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als Selbstverständlichkeit einfordern und nicht mehr bereit sein, den einen für den anderen Bereich zu vernachlässigen. Zudem wird auch der Anteil an Mehrgenerationenhaushalten wieder deutlich steigen, die einerseits finanziell notwendig sind, anderseits – gerade von der jungen Generation – auch gesucht, geschätzt und gewollt sind.

Aber ganz egal, wie auch immer das persönlich gewählte Lebensmodell des Einzelnen in Zukunft aussehen wird, eines ist gewiss: Das Wichtigste im Leben bleibt das Zusammenleben mit denjenigen, die man liebt.

Prof. Ulrich Reinhardt von der BAT-Stiftung schreibt jeden Montag über Zukunftsfragen