Pflegeeltern

Neun Pflegekinder sind besser als fünf eigene

Die Dabels sind eines von sechs Pflegeelternpaaren, die Sozialsenator Scheele für ihr Engagement auszeichnet: „Pflegefamilien verdienen Respekt und gesellschaftliche Anerkennung.“

Hamburg. Wenn bei Familie Dabels gefeiert wird, wird es eng. Dann müssen Karen und Dietrich Dabels zwei Tische im Wohnzimmer ihres Harburger Reihenhauses zusammenschieben und Stühle heranschaffen. Fünf Kinder waren ihnen nicht genug. Dietrich Dabels ist Vater von drei Kindern, seine Frau hat zwei Töchter – jeweils aus ihren ersten Ehen. Zusammen haben die Dabels aus Harburg neun Kinder: Denn zu ihren leiblichen Söhnen und Töchtern gehören noch vier Pflegekinder.

Das Ehepaar bietet Jungen und Mädchen, die nicht bei ihren leiblichen Eltern leben können, ein Zuhause. Die älteren Kinder sind schon ausgezogen, die zehnjährige Tabea und der sechsjährige Lukas (alle Namen der Pflegekinder geändert) leben bei ihnen. Seit 20Jahren ist Karen Dabels Pflegemutter. Sie sagt, es sei „Herausforderung und Lebensaufgabe zugleich, Kindern, ein Familienleben zu ermöglichen und Geborgenheit zu schenken“. Für dieses Engagement hat der Senat das Ehepaar am gestrigen Sonntag während des 25.Pflegeelterntages auf der Trabrennbahn in Bahrenfeld mit der Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes in Bronze ausgezeichnet. Insgesamt wurden sechs Pflegeelternpaare und eine Einzelperson geehrt – stellvertretend für 1059 Hamburger Familien, in denen 1305 Pflegekinder leben.

„Kinder brauchen ein Zuhause“, sagte Familiensenator Detlef Scheele (SPD). „Pflegefamilien verdienen Respekt und gesellschaftliche Anerkennung. Das hohe, persönliche Engagement von Pflegeeltern ist unverzichtbar. Ich wünsche mir, dass sich noch mehr Menschen auf das Abenteuer Pflegefamilie einlassen und ein Pflegekind aufnehmen.“

Karen Dabels hat es gewagt: Sie habe schon immer viele Kinder haben wollen, sagt die 51-Jährige. Sie hat Romanistik studiert, wäre jedoch lieber Sozialpädagogin geworden – aber ihre Eltern waren dagegen. Mit Kindern hat sie seit 23 Jahren dennoch viel zu tun, vermutlich mehr als die meisten Sozialpädagogen. Denn ihre Kinder betreut sie rund um die Uhr. Aufmerksam geworden war sie auf das Thema durch die Leiterin der Krabbelgruppe, die sie mit ihrer inzwischen 23 Jahre alten leiblichen Tochter Lara besucht hatte. Die Krabbelgruppenleiterin war Pflegemutter. Karen Dabels und ihr damaliger Ehemann entschieden sich, ein fremdes Kind bei sich in Dauerpflege aufzunehmen. Dauerpflege bedeutet, dass die Kinder für längere Zeit oder gar nicht mehr bei ihren Eltern leben können, während sie in der Bereitschaftspflege in Notsituationen vorübergehend in Pflegefamilien aufgenommen werden.

In einer Dauerpflegefamilie finden die Kinder meist langfristig einen neuen Lebensmittelpunkt. Für ihre Tochter Lara wollte Karen Dabels Stabilität haben und nicht alle paar Monate ein neues Kind aufnehmen. Als Lara nicht ganz drei Jahre alt war, kam Sebastian mit 14Monaten aus einem Kinderheim in die Familie. Zuvor wurden Karen Dabels und ihr Mann überprüft. „Aber nicht so streng wie heute“, sagt sie. Heute müssen Pflegeeltern unter anderem einwandfreie polizeiliche Führungszeugnisse vorlegen, ein halbes Jahr lang eine Schulung besuchen, Drogentests machen und nachweisen, dass es das Pflegegeld nicht für ihren eigenen Lebensunterhalt benötigt. Die Gründe, warum Kinder nicht bei ihren leiblichen Eltern leben können, sind vielfältig: Mal sind die Mütter noch sehr jung und mit ihrem Kind überfordert. Es sind Kinder, die vernachlässigt werden. Es sind Babys, die nicht gefüttert, nicht gewickelt werden. Zunehmend sind Mütter psychisch krank und können sich auch deshalb nicht um ihre Kinder kümmern. Dann sind es Kinder, deren Eltern Alkohol- und Drogenprobleme haben.

„Jedes Pflegekind hat sein Päckchen zu tragen, sonst wäre es ja auch nicht bei uns“, sagt Karen Dabels. Die meisten Kinder hätten Bindungsstörungen. Als Sebastian klein war und auf dem Schoß saß, machte er sich steif, weil er mit dieser Nähe nicht umgehen konnte. Er hatte sie als Baby nie kennengelernt. Dann wieder zeigte er sich distanzlos und krabbelte bei Fremden auf den Schoß. Hinzu kamen Wahrnehmungsstörungen: „Er ist beispielsweise heftig gegen Türzargen gelaufen und hat gar nicht geweint, weil er wenig Schmerzempfindungen hatte.“ Viele Pflegekinder leiden außerdem an einer Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS), sie sind häufig laut, nässen noch lange ein. Karen Dabels ist gelassen genug für alle möglichen Schwierigkeiten und hat neben Sebastian und ihrer zweiten leiblichen Tochter Ann Sophie, 18, noch Pflegekind Katja in die Familie aufgenommen, die heute 16 Jahre alt ist und genau wie Sebastian nicht mehr bei den Dabels lebt. Belastend kann das Leben mit Pflegekindern sein, so sehr, dass die Dabels sich auch Hilfe von Psychologen geholt haben.

Vor allem mit Katja gibt es seit ihrer Pubertät Probleme. Immer wieder ist sie weggelaufen, hat sich an keine Regeln gehalten. Mittlerweile ist klar, dass sie psychisch erkrankt ist. Karen Dabels: „Je älter man wird, desto häufiger kommt man an seine Grenzen. Das Nervenkostüm ist dünner geworden, aber wir haben in den Jahren Strategien entwickelt, mit den Kindern umzugehen.“ Verbunden bleiben Karen und Dietrich Dabels ihren Pflegekindern auch dann, wenn sie rein rechtlich gar nicht mehr für sie zuständig sind. „Kinder sind ja keine Gegenstände, die man irgendwann einfach ablegt“, sagt sie. Ihren Mann macht es glücklich, wenn seine Pflegekinder später ein selbstständiges Leben führen, einen Schulabschluss schaffen. „Das Niveau ist dabei egal.“ So ist Sebastian der einzige seiner zahlreichen leiblichen Geschwister, der einen Schulabschluss hat und eine Ausbildung macht.

Bereut hat das Ehepaar seine Entscheidung, Pflegekinder aufzunehmen, nie. Auch die Zusammenarbeit mit dem Pflegekinderdienst sei hervorragend. Dennoch: Das Paar wünscht sich, dass die zuständigen Behördenmitarbeiter den Pflegeeltern mehr auf Augenhöhe begegneten. Mit dem Pflegeelternrat Freunde der Kinder e. V. haben Karen Dabels und weitere Mitstreiter eine Vertretung der Pflegeeltern gegenüber der Politik geschaffen. Ihre eigenen Töchter, sagt Frau Dabels, seien vielleicht nicht immer ausreichend wahrgenommen worden, auch Eifersucht war Thema. Und dennoch: Lara studiert auf Lehramt und zeigt sich im Umgang mit schwierigen Kindern souverän und Ann Sophie ist zurzeit als Au-pair in Wales und betreut dort Kinder. „Die beiden haben vom Leben mit den Pflegekindern profitiert.“