Schulpolitik

Abi-Noten zeigen: Hamburgs Schüler haben Mathe-Problem

Auffälligkeiten gibt es vor allem an den Stadtteilschulen. Schulsenator Rabe will nun handeln: „Offensichtlich haben viele Stadtteilschüler in diesem Fach größere Lernrückstände“.

Hamburg. Für viele Schüler ist Mathematik das Schreckensfach schlechthin und für etliche eine hohe Hürde auf dem Weg zum Abitur. Jetzt hat das „Sorgenfach“ auch die Hamburger Politik erreicht. Anlass sind die Ergebnisse der Abiturarbeiten des Jahrgangs 2014.

Dabei stellte sich heraus, dass die Mathe-Vorzensuren deutlich besser ausfallen als die Leistungen in der Prüfungsarbeit. Dies gilt vor allem für die Stadtteilschulen: Im Schnitt erreichten die Schüler in der laufenden Kursarbeit die Note 2,73 – die Durchschnittsnote der Abi-Arbeit betrug dagegen 3,63 (an den Gymnasien 2,52 zu 2,73). Das ist eine Differenz von fast einer Zensur.

„Der deutliche Unterschied zeigt, dass die Mathematiknoten im Unterricht an vielen Stadtteilschulen zu gut ausfallen. Offensichtlich haben viele Stadtteilschüler in diesem Fach größere Lernrückstände“, sagte Schulsenator Ties Rabe (SPD). Grundsätzlich gilt, dass bei realistischer und angemessener Zensurengebung Vor- und Prüfungsnoten nicht allzu stark voneinander abweichen dürfen. Es kommt hinzu, dass in Mathematik alle Schüler in Hamburg die gleichen Prüfungsaufgaben lösen müssen, die also den zu erreichenden Lernstand widerspiegeln. Erstmals ist ein Teil der Aufgaben identisch mit den Abi-Prüfungen in Bayern, Sachsen, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein.

Das Problem ist nicht neu. „Hamburg liegt bei Ländervergleichen in Mathematik immer relativ weit hinten“, räumte Rabe ein, der jetzt aber gegensteuern will. „Wir werden mit einigen Schulen noch einmal ganz genau sprechen, um auf einheitliche Maßstäbe bei der Benotung hinzuwirken“, sagte Rabe. Vorstellbar sei auch, dass Matheklausuren in Zukunft zentrale Prüfungsteile enthielten.

Rabe will das Thema grundsätzlich angehen. „Wir werden uns den Unterricht in allen Klassenstufen zusammen mit Experten der Universität genau ansehen und bis zum Ende des Jahres Vorschläge unterbreiten“, sagte der Senator. Es geht um die Frage, ob der Unterricht modernen Erkenntnissen entspricht. Ein anderer Punkt ist der hohe Anteil von Mathelehrern, die das Fach nicht studiert haben. „Ich halte nichts davon, noch in Klasse sieben fachfremde Lehrer einzusetzen“, so Rabe.

„Senator Rabe hat die Lösung dieses altbekannten Problems verschlafen. Er hätte es längst mit Unterrichtsoffensiven angehen müssen“, sagte FDP-Schulpolitikerin Anna von Treuenfels.

CDU-Schulpolitikerin Karin Prien macht für die schlechten Mathematikleistungen vor allem der Stadtteilschüler die geringe Quote von Mathelehrern verantwortlich, die das Fach auch studiert haben. „Die schlechte Qualität des Mathematikunterrichts erklärt sich auch dadurch, dass derzeit nur rund die Hälfte aller Mathelehrer an den Stadtteilschulen über ein abgeschlossenes Mathematikstudium verfügt. Das muss sich dringend ändern“, sagte Prien.

Die CDU-Politikerin fordert den SPD-geführten Senat auf, sicherzustellen, dass zumindest die Oberstufenschüler an Gymnasien und Stadtteilschulen ausschließlich von Fachlehrern in Mathematik unterrichtet werden. In der Mittelstufe müsse die Fachlehrerquote jedenfalls deutlich gesteigert werden. Die Auswertung der Abiturprüfungen 2014 an staatlichen Schulen hat ergeben, dass an den Stadtteilschulen die Vornoten gegenüber den Prüfungsnoten durchschnittlich um fast eine Note besser ausfallen: 2,73 zu 3,63.

„Der deutliche Unterschied zeigt, dass die Mathenoten im Unterricht an vielen Stadtteilschulen zu gut ausfallen. Offensichtlich haben viele Stadtteilschüler in diesem Fach größere Lernrückstände“, sagte Rabe, der Vorschläge zur Verbesserung des Mathematikunterrichts in allen Klassenstufen bis Ende des Jahres vorlegen will. An Gymnasien ist die Diskrepanz zwischen Vornoten (durchschnittlich 2,52) und Prüfungsnoten (2,73) deutlich geringer.

Auch Linken-Fraktionschefin Dora Heyenn macht den Fachkräftemangel in Mathematik und Naturwissenschaften für den Leistungsunterschied verantwortlich. „Die Stadtteilschulen sind eindeutig gegenüber den Gymnasien benachteiligt. Wir fordern eine gleichwertige Versorgung mit Fachlehrern.“

In diesem Jahr haben die Hamburger Abiturienten erstmals in fast allen Fächern die gleichen Arbeiten geschrieben (Zentralabitur). Erstmals enthielten die schriftlichen Prüfungen in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch in sechs Ländern zudem identische Prüfungsteile und fanden am selben Tag statt: Bayern, Sachsen, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Hamburg.

Der Notendurchschnitt des Abiturs an den staatlichen Gymnasien und Stadtteilschulen lag bei 2,45 und war damit fast unverändert gegenüber dem Vorjahr (2,46). „Das ist ein beruhigendes Signal, denn es zeigt, dass die Hamburger mit dem Zentralabitur gut klargekommen sind“, sagte Rabe. Allerdings ist der Durchschnitt der Vorzensuren mit 2,56 besser als das Prüfungsergebnis (2,86). Dabei war die Diskrepanz an den Stadtteilschulen mit 0,47 – also fast einer halben Note – größer als an Gymnasien mit 0,20. Im Fach Deutsch betrugen die Mittelwerte der Vornoten an Gymnasien 2,57 und an Stadtteilschulen 2,86. Die Prüfungsnoten fielen mit 2,79 (Gymnasien) und 3,21 (Stadtteilschulen) schlechter aus. Der fraktionslose Bürgerschaftsabgeordnete Walter Scheuerl führt den Qualitätsverlust beim Abitur auf die Abschaffung der externen Zweitgutachter zurück.