Piktogramme

Was die Abendblatt-Titelseite in Bildsprache bedeutet

Punkt, Punkt, Komma, Strich und fertig? Von wegen. Die Designagentur Mutabor aus Hamburg-Altona hat spezielle Piktogramme für die Titelseite des Hamburger Abendblatts maßgeschneidert.

Hamburg. „Schön, auch mal wieder analog zu arbeiten...“, amüsiert sich Steffen Vetterle. Er schneidet den ausgedruckten Zwischenstand seines Entwurfs mit einer Schere passend, um die Optik-Idee zu Putins Doppelzüngigkeit bei der Ukraine-Krise ins noch ziemlich leere Layout einer Abendblatt-Titelseite zu kleben. Der Rest um ihn herum ist Schweigen. Aufregend sähe anders aus. Wir sind in den Räumen der Design-agentur Mutabor an der Großen Elbstraße.

Ausgiebiges Zeichnen war früher, heute wäre Mausklicken die typischste Handbewegung eines Grafikdesigners, gäbe es Robert Lembkes besinnlich-heiteres Beruferaten-Quiz „Was bin ich?“ noch. Papier zum Anfassen und Beschreiben ist in dieser Welt aus Dateiformaten und Programm-Menüs eher Mangelware. Dass auf dem Lebkuchenherz an der Wand in Zuckerguss-Schreibschrift „Print is dead“ steht, kann nur ironisch gemeint sein.

Für das, was hier passiert, findet Vetterles Chef Heinrich Paravicini die Begriffe „Designergehirnjogging“ und „Fingerübung“ sehr passend. Denn zu den lieb gewordenen Gewohnheiten dieser Agentur, die ansonsten ihr Geld mit dem Entwurf von Markenauftritten oder der Gestaltung von Messeständen für Großkunden wie Audi oder BMW verdient, ist das Entwerfen eines täglichen Piktogramms eine lieb gewonnene Gewohnheit. Seit Anfang 2014 stellen sie diese Kür aus etwas Kritzeln und viel Klicken Tag für Tag in einen Kalenderblog ins Internet. Das ist nichts, womit sie die Miete für diese Renommier-adresse mit Blick auf das Docklands-Gebäude verdienen. Aber etwas Besonderes, irgendwo zwischen Spieltrieb und Schaulaufen vor den Augen der Kollegen und Konkurrenten in dieser Branche, in der es keine zweiten Sieger gibt beim Pfiffigsein. „Wir wollen das als unseren kulturellen Beitrag zur visuellen Kultur verstanden wissen“, beschreibt Paravicini seine Firmen-Piktosophie. Sein Lieblingsmotiv in der Jahresauswahl stammt vom 2. April. Ein zum Käfig verwandelter Halbmond, aus dessen Tür der Twitter-Vogel entflieht, als Symbol für die Meinungsfreiheit-Proteste in der Türkei.

Die Bild-Kacheln sind immer das Ergebnis harter Arbeit. Manche sind schon nach wenigen Minuten perfekt, über anderen brütet das halbe Dutzend Experten in Paravicinis Pikto-Team stundenlang. Gerade mal ein Bild pro Tag, und dann auch noch tunlichst ohne Buchstaben, das klingt zunächst nach sehr wenig. Aber nur, bevor man anfängt, sich grundsätzlichere Gedanken über diese Kunstform zu machen, die sich zwischen Grafik, Design, Kunst und Handwerk bewegen soll.

Am Anfang war das Bild? Diese Floskel wäre der erwartbarste Einstieg in die nicht immer bunte, aber immer formenreiche Historie des Piktogramms. Archaische Zeichnungen an rußigen Höhlenwänden, rätselhafte Keilschrift, kunstvolle Hieroglyphen und so weiter. Doch so einfach darf man es sich nun wirklich nicht machen mit der Erklärung für die Faszination – und die Notwendigkeit – von Piktogrammen. Ihre Schlichtheit kann täuschen. Denn im Idealfall ist ein einziges aussagekräftiger als die blumigste Wortgirlande. „Design ist nicht nur, wie etwas sich anfühlt oder aussieht“, hämmerte Apple-Chef Steve Jobs in die überhitzten Hirne seiner Untergebenen, bis sie lieferten. „Design ist, wie etwas funktioniert.“

So gesehen, sind sie ein ideales Kommunikationsmittel für unsere Smartphone-Internet-Gegenwart, in der immer weniger Zeit und Geduld für die Lektüre von sinnstiftenden Buchstabenfolgen vorhanden ist. Es sollte kein Mindestalter geben, um sie zu verstehen. Man muss keine bestimmte Sprache können. Und, ganz wichtig: Kapiert man sie nicht sofort, taugen sie eher nichts.

Es gibt die Kategorie der Hier-geht’s-lang-Piktogramme, die streng und schnörkellos und nach amtlichen Regeln durchs Leben leiten sollen. Es gibt aber auch die Freistil-Varianten, die nicht nur informieren, sondern gleichzeitig erzählen und interpretieren. Bei ihnen ist alles erlaubt und wenig verboten, solange es clever und selbsterklärend ist. Piktogramme sind in dieser Hinsicht so etwas wie die eierlegende Wollmilchsau unter den Gestaltungsmitteln und Kommunikationshelfern. Effektiv gemacht, können sie praktisch alles. Sie sind einerseits zu allgegenwärtigen Gebrauchsartikeln geworden, andererseits liefern sie aber auch Kommentare, gern mit etwas Humor gewürzt, um ihre Botschaft an Mann, Frau, Kind zu bringen. „Gute Piktogramme sind so reduziert und so erzählerisch wie möglich“, findet Paravicini. „Ein ideales Piktogramm ist ganz einfach – erzählt mir aber ganz viel, weil in meinem Kopf das Kopfkino beginnt. Das ist sehr schwer.“

Weltweites Verständnis als hohes Ziel kann allerdings auch problematisch werden. Längst nicht alles hat überall die gleiche Bedeutung. Menschen, die von rechts nach links lesen, glauben beim Anblick einer mitteleuropäischen Waschmittelpackung-Bebilderung womöglich, dass ihre Lieblings-Hemden oder -Blusen mit jeder Trommelrunde dreckiger werden. Signalfarben? Auch kein ganz einfaches Thema. Auf dem Amsterdamer Flughafen ist Grün als Notfallfarbe vorgesehen, US-Amerikaner denken dabei aber viel eher an ihre Autobahnschilder, die sie sicher und entspannt nach Hause lotsen. Manches muss sich sofort verstehen lassen, andere Grafiken brauchen Vorbildung. „Um Männchen und Weibchen als Zeichen fürs WC zu erkennen, benötigen Sie eine Sozialisation“, erklärt Paravicini diesen Schwierigkeitsgrad. „Und niemand versteht Verkehrszeichen, wenn sie ihm nicht beigebracht werden.“

Nah am Thema bleiben und präzise auf den Punkt kommen, darum geht es an diesem Freitag. Putin soll noch etwas mehr Körper erhalten, und beim Entwurf der Elbphilharmonie-Idee ist der Regenschirm noch eindeutig zu gelb. „Der klassische Schirm ist schwarz“, predigt Paravicini, „gelernte Sachen nehmen.“ Das Auge liest ja immer mit.

Der Mutabor-Kalender-Blog: www.lingua365.de . Mit der iPad-App „Lingua Digitalis“ (gratis) lässt sich das Entwerfen von Piktogrammen üben.