Der Dalai Lama, das geistliche Oberhaupt der Tibeter, spricht morgen über „Menschliche Werte leben“ im CCH. Abendblatt.de überträgt live

St. Pauli. Jeden Morgen gegen 3Uhr steigt der Dalai Lama aus dem Bett und beginnt zu meditieren. Um 7Uhr pflegt das geistliche Oberhaupt der Tibeter zu frühstücken. Gern kontinental und kräftig, denn er muss fit sein für den Tag mit vielen Terminen.

Wie jetzt auch in Hamburg. Vom heutigen Freitag an besucht Seine Heiligkeit, der 14. Dalai Lama, zum sechsten Mal die Hansestadt. Der 79-Jährige reist aus Indien, seinem Exil, mit gut zehn Mitarbeitern an und wird am Wochenende vor Tausenden Zuhörern im CCH über moderne Ethik sprechen und einen buddhistischen Weisheitstext auslegen. Anders als bei seinem Besuch 2007 sind diesmal keine Treffen mit Senatsvertretern und Repräsentanten anderer Religionen vorgesehen. Diesmal will er sich ganz seinen Visionen von einer friedlichen, gerechten und glücklichen Welt widmen.

Können Schildkröten und Schmetterlinge lieben? Das ist eine der Fragen, die der Dalai Lama für bedenkenswert hält. Vor einiger Zeit hat er sie Wissenschaftlern in Oxford gestellt. Denn dass diese Tiere zu Mitgefühl und Zuneigung fähig sind, bezweifelt der Mönch ein bisschen. Schließlich legen Schildkröten und Schmetterlinge ihre Eier irgendwo ab, ohne jemals sich um ihren eigenen Nachwuchs kümmern zu müssen, meint er. Wo sollen sie dann Nähe und liebevolle Zuwendung gelernt haben?

Als Kleinkind wurde er als Wiedergeburt des 13. Dalai Lama erkannt

Der Mensch dagegen ist wie die anderen Säugetiere und die Vögel ein Lebewesen, das von Anfang an auf andere Artgenossen angewiesen ist. „All diese Tiere empfinden deutlich eine Art von Beziehung und Verbundenheit“, sagt der 14. Dalai Lama, der von vielen Menschen wie ein Heiliger verehrt wird.

Seit Jahrzehnten reist er als Lehrer des Mitgefühls um die Welt. Der Buddhist lebt öffentlich seine Religion, stets im Scheinwerferlicht der Medien, die ihn zu einem religiösen Star gemacht haben. Er schaut den Menschen ins Herz und fragt nicht zuerst danach, ob sie Christen, Muslime, Buddhisten, Hindu, Atheisten oder Anhänger von Naturreligionen sind. Alle Menschen, sagt er, sind in ihrem Wesen gleich. „Uns allen ist Nächstenliebe angenehmer als Hass gegenüber anderen. Die Großzügigkeit anderer ist uns lieber als ihre Gemeinheit.“

All das vermag der Mönch mit Humor zu vermitteln. Er lacht gern, scherzt und verteilt mit dem ewigen Lächeln eines Buddhas persönlich gesegnete Schokolade. Der Friedensnobelpreisträger von 1989 mahnt mit einer globalen Ethik des Mitgefühls, von der jeder angesprochen und berührt wird. „Der Dalai Lama schafft es, mit dem traditionsreichen Hintergrund des Buddhismus drängende Fragen unserer Zeit zu beantworten“, sagt Christof Spitz, Geschäftsführer des Tibetischen Zentrums in Rahlstedt.

Und Stefanie Krüger, ebenfalls Geschäftsführerin des Tibetischen Zentrums, fügt hinzu: „Der Dalai Lama ist ein Vorbild für die Menschen. Er wirkt immer authentisch und lebt Mitgefühl. Es ist zu spüren, dass er jedem Menschen auf die gleiche offene Weise begegnet.“

Der Mönch in der roten Kutte und mit der zeitlos antiquierten Brille lebt seine Mission, ohne selbst Missionar zu sein. Am 6. Juli 1935 als Sohn eines Bauern in Osttibet geboren, wurde er im Alter von zwei Jahren als Wiedergeburt des 13. Dalai Lama erkannt und 1940 als 14. Dalai Lama in Lhasa inthronisiert. Fortan studierte er die buddhistischen Lehren und übte sich in stundenlangen Meditationen der Achtsamkeit. Aus politischen Gründen musste der Dalai Lama 1959 aus seiner Heimat fliehen. Seitdem ist Indien seine zweite Heimat geworden. „Ich bezeichne mich oft scherzhaft als Indiens Gast mit der längsten Verweildauer.“ Mit Hamburg verbindet ihn im Vergleich zu anderen Metropolen besonders viel. Es ist nicht nur die Stadt, in der er sich länger als anderswo aufhält. Vor allem ist er schon seit 1977 der Schirmherr des Tibetischen Zentrums. „Wir“, sagt die buddhistische Nonne und Mitarbeiterin der Akademie der Weltreligionen, Carola Roloff, „können uns glücklich schätzen, dass Hamburg zu den wenigen Städten weltweit gehört, die der Dalai Lama nun schon seit mehr als 30Jahren regelmäßig besucht.“

Die Besuche haben den religiösen Alltag in der Stadt nachhaltig geprägt – und die Zahl der Anhänger wachsen lassen. In Hamburg leben inzwischen rund 8000 Buddhisten. 41 buddhistische Zentren und Gruppen sind in der Hansestadt aktiv. Eine herausragende Rolle in Forschung und Lehre spielt die Universität Hamburg.

So nahmen in diesem Jahr Hunderte von Studierenden aus der ganzen Welt an einem E-Learning-Kurs der Uni teil. Dabei ging es um das Thema der vollen Ordination für Frauen in buddhistischen Ämtern, für die sich der Dalai Lama schon seit den 1960er-Jahren einsetzt.

Als Reinkarnation von Avalokiteshvara, dem Buddha des Mitgefühls, wird der Dalai Lama in Hamburg seine Vorstellungen einer „säkularen Ethik“ entwerfen. Sie kreist nicht mehr innerhalb der Grenzen, welche die jeweiligen Religionen ziehen. Die säkulare Ethik des 14. Dalai Lama sprengt vielmehr nationale, kulturelle und religiöse Grenzen und skizziert Werte, die allgemein verbindlich sind. Das sind nicht die äußeren Werte des Materiellen, sondern die inneren Werte. Der Weg der säkularen Ethik setzt bei der eigenen Achtsamkeit und Geistesschulung ein und lebt dann aus dem Mitgefühl und dem Streben nach Glück. „Wenn wir selbst glücklich sein wollen, sollten wir Mitgefühl üben, und wenn wir wollen, dass andere glücklich sind, sollten wir ebenfalls Mitgefühl üben“, sagt der Dalai Lama.

Tibet ist dreieinhalb mal so groß wie Deutschland

Solches also wird der Lehrer des Mitgefühls in der Hansestadt öffentlich verkünden, bevor er sich am späten Nachmittag wieder ins Private zurückzieht. Wo genau der Dalai Lama in Hamburg übernachten wird, wollten die Veranstalter nicht mitteilen – aus Sicherheitsgründen. Wie berichtet, äußerte die chinesische Regierung Kritik am bevorstehenden Hamburg-Besuch. Er sei kein „einfaches religiöses Oberhaupt“, sondern ein politischer Exilant, der im Ausland „separatistische Aktivitäten gegen China“ betreibe, hieß es. Das Programm in der Hansestadt wird vor allem von den Lehrvorträgen geprägt – und dem strengen Lebensrhythmus des religiösen Führers eines Gebietes im Himalaja, das dreieinhalb mal größer als Deutschland ist.

Weil der Dalai Lama also früh schlafen zu gehen pflegt, dürfte es nach 18 Uhr keine offiziellen Begegnungen mehr geben. Seine Heiligkeit brauche ausreichend Schlaf, hieß es in seinem Team. „Mein Urlaub“, sagte er einmal, „ist der Schlaf.“

Abendblatt-Leser können auf abendblatt.de am Sonnabend von 9 Uhr an dem Dalai Lama und seinen Ausführungen zum Thema „Menschliche Werte leben“ folgen (mit deutscher Übersetzung). Der Vortrag wird per Livestream aus dem CCH übertragen. An gleicher Stelle wird die Pressekonferenz (englischsprachig) übertragen. Es gibt noch Karten ab 30 Euro für die Veranstaltungen von Sonntag bis Dienstag an der CCH-Tageskasse