Förderung

„Die Inklusion wurde schief aufs Gleis gesetzt“

Grüne kritisieren enorm hohe Ausgaben für Schulkinder mit psychosozial-emotionalen Entwicklungsstörungen. Als Hauptkritikpunkt nennt die Grüne das Ungleichgewicht der finanziellen Förderung.

Hamburg. Sie sind aggressiv, können nicht zwischen richtig und falsch unterscheiden, gefährden sich und andere in der Schule und müssen deshalb zeitweise separat unterrichtet werden: In die Förderung dieser Kinder mit psychosozial-emotionalen Störungen investiert die Stadt viel Geld. Für etwa 500 Kinder hat die Schulbehörde im vergangenen Schuljahr rund sieben Millionen Euro ausgegeben, um die Jungen und Mädchen in besonderen Lerngruppen zu betreuen. Das geht aus einer Senatsantwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Bürgerschaftsabgeordneten Stefanie von Berg hervor.

„Der Senat steht der Gruppe von Kindern und Jugendlichen mit psychosozial-emotionalen Störungen ganz offensichtlich hilflos gegenüber“, sagte von Berg. Dass es für diese Kinder schon seit Langem keine gesonderten Schulen mehr gibt, zeige, dass die gesamte Umsetzung der Inklusion vom Senat nicht nur schief aufs Gleis gesetzt worden sei, sondern auch noch schief weitergefahren werde.

Fast 300 Jungen und Mädchen sind zeitweise separat beschult worden

Die Grünen-Politikerin kritisiert vor allem das Ungleichgewicht zwischen den verschiedenen Fördergruppen. „Während bei der größten Gruppe an Kindern mit Förderbedarf, den Kindern mit Lern- oder Sprachbehinderung, an allen Ecken und Enden gespart wird, erhält eine andere, viel kleinere Gruppe, sehr viel Geld“, sagte die Grünen-Politikerin. „An einem langfristig ausgelegten Gesamtkonzept fehlt es jedoch nach wie vor.“ Stefanie von Berg wirft SPD-Schulsenator Ties Rabe vor, es versäumt zu haben, die unter Senatorin Christa Goetsch begonnene Fortbildungsoffensive fortzusetzen. „Das rächt sich nun bitter“, sagte sie. „Die Lehrkräfte sind überfordert, und der Senat spendiert Trostpflaster in Form von besonderen Lerngruppen. Das ist nicht Inklusion, sondern Exklusion – und zudem noch sehr teuer.“

Bei den etwa 500 Schülern mit psychosozial-emotionalen Störungen handelt es sich um stark verhaltensauffällige Kinder, die häufig massive Aggressionen zeigen und den Unterricht extrem stören. Nach Angaben des Senats ist das Verhalten dieser Kinder und Jugendlichen von mehreren Merkmalen geprägt. Dazu zählen etwa „Bindungsschwäche, Bindungslosigkeit, zu wenig entwickeltes Unrechtsbewusstsein und geringe Frustrationstoleranz, starke Aggressivität gegen sich und/oder andere, mangelnde soziale Kompetenzen in zwischenmenschlichen Beziehungen, Fehlen von Ausdauer und Geduld, hohe Ablenkungsbereitschaft, Rückzugs- und Verweigerungstendenzen sowie verfestigte Schulverweigerung“.

Die besonders harten Fälle besuchen für einen gewissen Zeitraum „temporäre Lerngruppen“, in denen schwer beschulbare Kinder unterrichtet werden. Diese sind Teil der Rahmenvereinbarung „Regionale Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe für die Bildung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit besonders herausforderndem Verhalten“, die seit Februar 2013 in Kraft ist. Durch die regionale Kooperation von Schule und Jugendhilfe sollen Schüler mit besonders herausforderndem Verhalten, wie zum Beispiel Schulverweigerer, unterstützt und ihre Teilhabe am schulischen Leben sowie bestmögliche Schulabschlüsse ermöglicht werden.

Laut Senatsantwort sind im vergangenen Schuljahr 291 Kinder mit psychosozial-emotionalen Störungen an durchschnittlich 230 Kalendertagen separat beschult worden. Dafür sind rund sieben Millionen Euro ausgegeben worden. „Insgesamt gibt es 400 Plätze in den temporären Lerngruppen“, sagte Schulbehördensprecher Thomas Bressau. „Im Durchschnitt kostet ein Platz 25.000 Euro im Jahr.“ Berücksichtigt werden müsse jedoch, dass nicht alle Kinder die Lerngruppe das ganze Jahr über besuchen, sondern zum Teil nur wenige Monate. Dass die Kosten relativ hoch sind, ist vor allem mit der kleinen Gruppengröße zu erklären. „Auf maximal sechs Schüler kommen zwei bis drei Pädagogen“, sagte Bressau.

Dass Kinder, die ebenfalls einen Förderbedarf haben, finanziell zu wenig unterstützt würden, bestreitet die Schulbehörde. Für die mehr als 8000 Kinder mit dem Förderbedarf Lernen, Sprache, emotionale und soziale Entwicklung (LSE) werden durchschnittlich 141 Millionen pro Jahr bereitgestellt, so Bressau. Das bedeutet: Jeder LSE-Schüler wird jährlich mit 16.000 bis 21.000 Euro unterstützt. Zum Vergleich: Schüler ohne Förderbedarf kosten jährlich 5000 bis 9500 Euro.

300 bis 400 Hamburger Kinder haben eine Schulbegleitung

Damit auch verhaltensauffällige Kinder eine Schule besuchen können, gibt es zudem Schulbegleiter – etwa Sozialpädagogen – die die Behörde den Jungen und Mädchen zur Seite stellt. Diese betreuen das Kind zum Teil nur einige Stunden täglich, zum Teil 30 Stunden die Woche. Nach Angaben des Senats hat die Behörde für die Schulbegleitung im vergangenen Schuljahr ein Budget von 4,8 Millionen Euro bereitgestellt. „Pro Kind kostet die Schulbegleitung jährlich durchschnittlich 12.000 Euro“, sagte Schulbehördensprecher Thomas Bressau. Laut Behörde haben in Hamburg 300 bis 400 Kinder eine Schulbegleitung.

Die Grünen-Politikerin Stefanie von Berg findet es dennoch unverständlich, dass für viele Kinder mit Lernbehinderungen personelle Ressourcen fehlen, der Senat aber große Summen in die Kinder investiere, die richtig auffallen. „Dabei gab es diese Kinder schon immer – und die Sonderschulen für diese Gruppe gibt es schon seit Ewigkeiten nicht mehr.“