Hamburgs letzte Indien-Expedition

Allein 600 Schädel von Säugetieren brachte der Hamburger Forscher Gustav Adolf von Maydell 1958 aus Indien mit. Bevor er die Reise aufgearbeitet hatte, wurde er auf dem Jungfernstieg überfahren. Eine Spurensuche

Mithilfe meiner Kollegen habe ich hier in der Nähe vom Institut ein kleines Zimmer bekommen und packe soeben die ersten Koffer endlich aus und hoffe, dass ich das Zigeunerleben damit abschließe.“ Rastlos, gehetzt, erschöpft, so klingen die Zeilen, die Gustav Adolf Baron von Maydell Mitte 1958 an eine Bekannte schreibt. Zweieinhalb Jahre in Indien liegen hinter ihm. Eine Zeit, in der der Forscher die „Deutsche Indien-Expedition“, die wohl letzte universelle Sammelreise von Hamburg aus geleitet hat. Abenteuerliche Jahre, an deren Ende eine Schiffsladung wissenschaftlichen Materials zurück nach Deutschland kehrte – und viele Fragen offenblieben.

Denn auch wenn der Hamburger Wissenschaftler Strapazen, Verletzungen, „eine fürchterliche Amöben-Ruhr“ – wie er der Bekannten ebenso detailliert erklärte wie die Behandlung der sich gleichfalls eingehandelten Hakenwürmer – überstand, blieb ihm doch nicht viel Zeit, um die Expedition ausreichend aufzuarbeiten. Zurück in den Gefahren des Großstadtdschungels wurde von Maydell Ende Februar 1959 „von einem Personenwagen auf dem Jungfernstieg angefahren“, wie das Hamburger Abendblatt am 2. März 1959 in einer kleinen Notiz meldete. Er verstarb zwei Tage später, im Alter von nur 39 Jahren. Mehr als 50 Jahre später ist der Hamburger Zoologe Reinmar Grimm der Expedition und dem, was von ihr übrig blieb, nachgegangen. Auf einer Expedition in die Tiefen des Zoologischen Museums, sozusagen.

„Eigentlich war von Maydell kein Wissenschaftler“

„Als von Maydell damals aus Indien zurückkehrte, war ich einer der Hilfskräfte, die bei der Einordnung des Materials in die Sammlungen des Zoologischen Museums halfen“, erinnert sich der Privatdozent für Zoologie, Ökologie und Naturschutz. Sein Kollege, der Zoologieprofessor Harald Schliemann und wie Grimm mittlerweile im Ruhestand, hatte ihm vor einigen Jahren einen Pappkarton gezeigt, der in einem Stahlschrank in der Säugetiersammlung des Zoologischen Museums stand. Darauf die Aufschrift „Deutsche Indien-Expedition 1955/58 G.A.v.Maydell“. Und darin fünf Aktenordner. Als „verwirrend und nicht sehr zielführend“ beschreibt Grimm das, was er in den Ordnern fand: eine Kartei mit Sachspenden etwa, eine Sammlung von Zeitungsausschnitten, Schwarz-Weiß-Fotonegative ohne Beschriftung, private Kontoauszüge von von Maydell. Hinweise auf die wissenschaftliche Ausbeute der Reise und deren Verbleib? So gut wie nicht vorhanden. „Eigentlich war von Maydell kein Wissenschaftler“, urteilt Grimm. „Der Bericht der ersten Etappe der Expedition war völlig unsystematisch.“ So machte sich der Pensionär an eine späte Aufarbeitung der Sammlungsfahrt und ihrer Ausbeute.

Die Reise vom 26. Juli 1955 bis zum 23. Januar 1958, die am Ende 28.000 Kilometer Wegstrecke aufzuweisen hatte, war in acht Etappen aufgeteilt. Hin ging es von Hamburg mit der MS„Goldenfels“ nach Bombay (heute Mumbai), zurück von Kalkutta (heute offiziell Kolkata) mit der MS „Freienfels“. Dazwischen arbeitete sich die Expedition zuerst an der Westküste Indiens südwärts vor, dann über das Inland wieder nordwärts. Über Delhi ging es für die sechs deutschen Teilnehmer und eine wechselnde Anzahl indischer und anderer Begleiter bis an die chinesische Grenze und von dort zu vielen verschiedenen Stationen in den Ostteil Indiens.

Der Zoo in Wuppertal erhielt lebende Tiere, darunter Bären und Krokodile

Wenn schon kein guter Wissenschaftler, so sei der Expeditionsleiter ein guter Jäger und „Feldbiologe“ gewesen, sagt Grimm. Das hätte ihn für die Aufgabe qualifiziert. „Er war ruhelos, wollte die Welt sehen. Und er war ein Sammler. Er hat alles mitgenommen, was er kriegen konnte“, so der Zoologe.

Einiges davon, was von Maydell und die anderen Expeditionsteilnehmer damals mit zurück nach Deutschland brachten, hat der 76-Jährige in detektivischer Kleinarbeit in Dutzenden Museen und Instituten ausfindig gemacht. In einem kurzen „Erfahrungsbericht“ hatte von Maydell damals nur knapp zusammengefasst, dass „im Verlauf der Expedition 124 Kisten und Behälter verschickt“ worden waren, „mit ca. 600 Säugetierschädeln, Fellen, z. T. Skeletten, 900 Vögeln, 1000 Gläser mit Fischen, Amphibien und Reptilien, ca. 1000 Herbar-Exemplare, neben Saat- und Fasermaterial“. Des Weiteren seien „zahlreiche völkerkundliche Gegenstände ... von noch sehr ursprünglichen Volksgruppen“ mitgebracht und eine „umfangreiche Insektensammlung und eine beachtliche Kollektion lebender Orchideen“ verschickt worden.

Der Hauptauftraggeber der Expedition war das Zoologische Staatsinstitut und Zoologische Museum in Hamburg, deshalb fiel ihm der Hauptanteil der zoologischen Ausbeute zu. Doch auch etwa an das Zoologische Forschungsmuseum Alexander Koenig in Bonn oder das Swedish Museum of Natural History in Stockholm wurde Material verschickt. Der Zoo Wuppertal erhielt lebende Tiere: darunter Warane, Geier, Kragenbären und Krokodile.

„Die wissenschaftliche Ausbeute war relativ mager – oder die Präparate sind noch nicht gut genug untersucht“, sagt Grimm. Immerhin wurden einige Fischarten neu beschrieben. Leider hatte von Maydell mit Insekten wenig Erfahrung: Entweder sie sind verschimmelt oder zerbröselt. „Es liegt sicher daran, dass das Paket lange bei den Zollbehörden in Bombay gelegen hat und dort in einer jämmerlichen Bruchbude dem Monsun ausgesetzt war“, versuchte er sich damals in einem Brief an den Leiter der Entomologischen Abteilung des Zoologischen Museums, Herbert Weidner, zu rechtfertigen.

Hauptsächlich, sagt Reinmar Grimm, seien die Funde zum Auffüllen von Schäden durch den Krieg gedacht gewesen. „Vielleicht war es deshalb die letzte universelle Sammelreise. Danach wurden Expeditionen thematisch enger gefasst und auch durch Natur- und Artenschutzauflagen begrenzt.“ Über seine Erkenntnisse hat er ein detailliertes Buch geschrieben, mit Reiseverlauf, Fundlisten und vielen Abbildungen. Es ist in den Abhandlungen der Naturwissenschaftlichen Vereins in Hamburg erschienen – dem 1837 gegründeten Verein, der 1842 das erste naturhistorische Museum in Hamburg aufgebaut hat, das heute in Form der diversen naturwissenschaftlichen Sammlungen und Schausammlungen der Universität Hamburg weiterlebt.

Und in ihnen das fast vergessene wissenschaftliche Erbe von Maydells.

„Die Deutsche Indien-Expedition 1955-1958“, Reinmar Grimm; Abhandlungen des Naturwissenschaftlichen Vereins in Hamburg, Band 42, Dölling und Galitz Verlag,256 Seiten mit CD-Rom, 30 Euro