Abendblatt-Serie Folge 4

Wie wollen wir leben? Neubau oder Altbau?

Hohe Mieten, teures Eigentum, Pendler im Dauerstau, Mängel bei der Bauqualität, nervige Nachbarn – das Wohnen in Hamburg und Umgebung ist ein Dauerbrenner-Thema.

Mehr Komfort, größere Sicherheit (von Florian Heil)

Es ist noch gar nicht lange her, als ein Mitarbeiter der Fensterfirma zur Feinjustierung der Terrassentür in meiner Neubaumietwohnung vorbeikam. Dabei bemerkte er deutliche Spuren eines versuchten Einbruchs, die noch nicht sehr alt sein konnten. Mit purer Gewalt hatte der Täter an zwei Stellen versucht, die Tür aufzuhebeln. Nach dem ersten Schock setzte sich aber das gute Gefühl durch, dass es vermutlich auch der nächste Kriminelle schwerhaben würde, auf unerwünschte Weise in die Wohnung zu gelangen. Denn die Fenster sind mit mehreren sogenannten Pilzzapfen, speziellen Sicherheitsbeschlägen, ausgerüstet und halten angeblich einer Zugbelastung von bis zu 1,5 Tonnen stand. Moderner Standard in einem Neubauerdgeschoss. In einer Altbauwohnung wäre ich jetzt vermutlich um einen großen Schreck reicher und ein paar Wertsachen ärmer – im besten Fall.

Natürlich können auch in Vorkriegsbauten moderne Sicherheitsstandards nachgerüstet werden – sie sind es in der Regel aber nicht. Doch der Sicherheitsaspekt ist bei Weitem nicht der entscheidende Punkt, der mich zu einem Verfechter von Neubauwohnungen macht. Vor meinem Einzug im Jahr 2010 habe ich 13 Jahre lang in unterschiedlichen Altbau-WGs und Nachkriegsbauten gewohnt, was mich nie sonderlich gestört hat. Aber der erste Winter mit ausgewogener und zentral steuerbarer Fußbodenheizung hat mich, sozusagen, versaut. Kontrollierte Be- und Entlüftung, Fahrstuhl in den Keller, Einbauküche und Terrasse, Tiefgaragenplatz bei Bedarf. Keine achtmal überstrichenen Raufasertapeten und Fußleisten. Und natürlich das Badezimmer. Wie das Wort schon sagt, eben ein Zimmer, keine Nasszelle, wie in vielen alten Hamburger Wohnungen üblich. Ich kann baden, mich abtrocknen, ohne mich zu stoßen oder mit dem Handtuch dabei die Kosmetika abzuräumen. Ein Knopfdruck, und der Spiegel wird wie von Zauberhand frei von Beschlag. Zudem funktioniert alles einwandfrei. Und wenn es doch irgendwo hakt, wird das meiste auf Gewährleistung wieder instand gesetzt.

Auch der Blick auf die Stromabrechnung versetzt mich nicht mehr in Schockstarre, denn die zeitgemäße Bauweise mit Isolierfenstern und anderem Schnickschnack sorgt für eine gute Energiebilanz. Es zieht nicht dauernd von irgendwo, und es quietscht und knarrt auch nicht. Zeitgemäße Bauweise bedeutet im Übrigen auch, dass die wie wild trampelnden Kinder über mir eher den Eindruck von Balletttänzern auf ganz leisen Sohlen machen.

Was fehlt? Natürlich die tollen, hohen Decken. Und die Doppelflügeltüren. Doch zum einen lege ich in einer Wohnung mehr Wert auf eine Ausdehnung in Länge und Breite, zudem ist meine Decke knapp drei Meter hoch, und ich wüsste absolut nicht, was ich mit den vielleicht 70 Zentimetern mehr, die ein durchschnittlicher Altbau bietet, großartig anfangen sollte. Außer in hohen Regalen Nippes auszustellen, der eigentlich in den Keller gehört. Und den zusätzlichen Raum zu heizen. Da ich auch keinerlei klaustrophobische Tendenzen zeige, reicht mir der Platz trotz meiner knappen 1,90 Meter vollkommen aus. Und so schön eine Doppelflügeltür auch daherkommt – oft verglast, wird die Funktion der Raumtrennung so nur unzureichend erfüllt.

Bleibt noch die Optik des Gebäudes. Gut, ich gebe zu, dass der Nachbarneubau gegenüber in seinem blau-weißen Anstrich den Charme einer psychologischen Heilanstalt vermittelt. Das unbestritten tolle Flair von geschichtsträchtigem Hamburger Kaufmannsadel kann eben nur in Altbauwohnungen der Jahrhundertwende zur Geltung kommen. Aber in der Regel spielt sich das Leben, vor allem in unserem Regenloch an der Elbe, ja in einer Wohnung ab und nicht davor. Insofern würde ich mir durchaus wünschen, anstelle der Bausünde auf einen Altbau zu blicken – doch wohnen bleibe ich lieber, wo ich bin. Und zwar in einem Gebäudekomplex, dessen Architekt für sein mediterran anmutendes Werk den Fassadenpreis des Jahres 2011 gewann. Neu kann also auch schön sein – und dabei erstaunlicherweise nicht zwangsweise teuer. Genossenschaften beispielsweise verlangen auch für kürzlich fertiggestellte Wohnungen mit modernsten Standards kaum mehr als zehn Euro Kaltmiete pro Quadratmeter. Ein sanierter Altbau kommt in ansprechenden Gegenden nicht selten auf die Hälfte mehr.

Und zu guter Letzt noch ein Punkt, den ich als Mann, der ja immer und überall kann, selbst nie als schlagendes Argument anführen würde – der für weibliche Gedankengänge aber sehr wohl eine Rolle spielen könnte: Als Erstmieter in einem Neubau ist Frau der erste Mensch auf dem eigenen WC. Sofern es nicht ein Handwerker in einem unbeobachteten Moment zuvor entweiht hat.

Hohe Decken, prächtiges Flair (von Daniela Stürmlinger)

Ein Fahrstuhl aus dem Jahr 1929, der nur mit einem Schlüssel für jeden Bewohner zu öffnen ist; Treppenhäuser, die nicht der heutigen Norm entsprechen, sondern prächtige Eingangshallen sind; Schiebetüren aus Holz und Glas, die nach der Jahrhundertwende gefertigt wurden; Stuck an den Decken. Auch Häuser aus den 50er-Jahren, als Baumaterialien noch knapp waren, gelten heute bereits als Altbau. Doch hier geht es um die Schönheiten aus den frühen 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Eine hübsche, aber betagte Dame zeigt sich von ihrer schönsten Seite – selbst wenn es deshalb dazu führt, dass man im Schlafzimmer den Nachbarn selbst nachts um zwei Uhr hört, wenn er nach Hause kommt.

Altbauten haben zwar oft Macken, doch die Vorteile überwiegen allemal. Wo hat man heute noch Heizungen, deren Rohre mit Ornamenten verziert sind? Kachelöfen aus den 20er-Jahren, die auch heute noch funktionieren? Oder dicke Wände und mehr als drei Meter hohe Decken? Zudem haben hohe Balkontüren und große Fenster, für die nur wenige Standard-Gardinen passen, ihren Reiz.

Ein gut gepflegter Altbau sieht schon von außen prächtig aus mit seinen Jugendstil-Elementen und seinem Flair von altem Hamburger Kaufmannsadel. Künstler ihres Fachs haben sich auf den Fassaden und den Räumen verewigt. Da die Decken auch meist höher sind, als es in modernen Wohnungen der Fall ist, kann man auch große Schränke einbauen und kann deutlich mehr Stauraum auf einer vergleichbaren Fläche schaffen, etwa mit einem antiken, hohen Schrank oder einer drei Meter hohen Bücherwand.

Ob gemietet oder gekauft: Tauschen möchte man eine solche Wohnung auf keinen Fall. Wer einmal eine hat, der bleibt. Vor allem wegen der Deckenhöhe, die einem mehr Luft zum Atmen lässt. Manchmal schmücken sogar noch Kassettendecken die alten Gemäuer. Die Macken der Lieblingswohnung werden ignoriert, zumal man es selbst in der Hand hat, mit Farbe für die Küche oder für das Bad die Wohnung zu verschönern. Manchmal, etwa wenn Wände vor Malerarbeiten freigelegt werden, zeigen sich Überraschungen wie etwa Blumenornamente, die über Jahre hinter Tapeten versteckt waren.

Alt ist nicht immer hässlich, sondern verströmt den Charme der Vergangenheit. In einigen Häusern strahlen sogar noch alte Marmorkamine wohlige Wärme aus. Wer dieses Lebensgefühl erlebt hat, kann sich kaum noch mit modernen Neubauten anfreunden. Dass man im hohen Altbau trotz hoher Leiter nur mit Mühe in der Lage ist, eine neue Deckenlampe anzubringen, muss man ignorieren.

Bekannte, die gerade in einen Neubau gezogen sind, staunen nicht nur über den in die Jahre gekommenen Aufzug, sondern vor allem über die großzügige Bauweise, wenn sie erstmals in eine herrschaftliche Altbauwohnung kommen. Auch die Bewohner sind nach dem Urlaub froh, wieder in ihrem Schlafzimmer mit Stuck an der Decke ruhen zu können.

Alte Gebäude haben Geschichte und Geheimnisse. Manchmal kommen die Gedanken an die Vergangenheit. Wer mag wohl in diesen alten Gemäuern gelebt haben? Waren die Menschen so lebensfroh wie die jetzigen Bewohner, die das Glück hatten, eine Altbauwohnung zu ergattern? Oder war es für sie und in ihrer Zeit fast schon selbstverständlich, in so herrschaftlichen Gemäuern zu wohnen? Wie war der Alltag, wo wurden die Hausangestellten der feinen Hanseaten untergebracht? Neubauten wirken gegen diese Zeugnisse der Vergangenheit steril. Sie sind zwar zweckmäßig gebaut, mit Energiesparmodus und Spülmaschine. Aber es fehlt das Flair, das man in vielen alten Häusern noch spüren kann. Viel schöner als eine Neubauküche ist eine großzügige, in die Jahre gekommene, der man das Alter zwar ansieht, bei der aber immer noch die Kacheln aus der Vergangenheit glänzen.

Viele alte Wohnungen haben gute Zeiten erlebt. Sie waren herrschaftliche Anwesen mit mehr als 200 Quadratmetern Fläche, die auch Platz für das Gesinde der feinen Herrschaft boten. Inzwischen sind leider etliche Wohnungen in Hamburg geteilt worden, doch an Reiz haben sie deshalb kaum verloren. Im Gegenteil, denn dadurch werden sie günstiger für Käufer und Mieter. Daneben haben viele dieser Häuser der Jahrhundertwende noch einen unschätzbaren Vorteil: Sie bieten viel Platz im dahinter gelegenen Garten, in dem sich die Nachbarn treffen können.

Trotz aller Schwärmerei muss man manchmal tapfer sein. Spätestens im Winter wird es durch die schönen, hohen Decken teuer. Die Heizkostenrechnung steigt, weil die Wärme als Erstes nach oben zieht. Liebhaber von alten Gemäuern müssen die Zähne zusammenbeißen oder sich wärmer anziehen. Eine Fleecejacke kann hilfreich sein.

Folge 1: Stadt oder Land

Folge 2: Mieten oder kaufen

Folge 3: Haus oder Wohnung

Folge 4: Neubau oder Altbau

Folge 5: Architekt oder Fertighaus

Alle Folgen finden Sie unter www.abendblatt.de/themen/wie-wollen-wir-leben