Leitartikel

Kritik an Sotschi ist zum Teil überzogen

Die Vorfreude auf die Olympischen Winterspiele in Russland sollte nicht vollends getrübt werden

Die Olympischen Spiele sind ins Gerede gerade. Wieder einmal. Schuld daran ist diesmal Wladimir Wladimirowitsch Putin. Das 42 Milliarden Euro teure Denkmal, das sich der russische Präsident am Schwarzen Meer hat setzen lassen, sprengt alle bisherigen Dimensionen. Nie zuvor in der langen Geschichte Olympias wurde mehr Geld in das größte Sportfest der Welt gesteckt als jetzt in Sotschi. Nicht zuletzt diese gewaltigen Ausgaben und die daraus resultierenden Verwerfungen für Menschen und Umwelt ließen im November viele Bürger Münchens bei dem Gedanken erschrecken, 2022 in ihrer Region Winterspiele abhalten zu wollen. Sie stimmten mehrheitlich gegen das Projekt. Seitdem fürchtet der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), die Ausrichtung Olympischer Spiele sei den Deutschen kaum noch vermittelbar.

Dabei wurde in Sotschi im Zeitraffer bloß das nachgeholt, was die Alpen längst hinter sich haben: Milliardeninvestitionen und Umweltzerstörung, allerdings verteilt auf viele Jahrzehnte, nicht komprimiert auf wenige Jahre wie in Sotschi. Russland fehlte bislang ein Wintersportzentrum, jetzt hat es eins. Legen wir an Putins Riesenreich nicht härtere Maßstäbe an als anderswo? Gleichgeschlechtliche Liebe steht in vielen Bundesstaaten der USA unter Strafe. In Deutschland verschwand der berüchtigte Paragraf 175 erst 1994 endgültig aus dem Gesetzbuch. In Russland ist gleichgeschlechtliche Liebe erlaubt. Das Dekret verbietet „homosexuelle Propaganda“. Das ist zu tadeln, und das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat immerhin bewirkt, dass es während der Spiele zu keinerlei Diskriminierungen kommen wird. Und natürlich ist Russland keine lupenreine Demokratie. Aber darf man das erwarten von einem Staat, der bis 1991 jahrhundertelang nur eine Staatsform kannte, die Diktatur?

Nichts scheint schwieriger als der friedliche Übergang von einer Gesellschaftsform in die andere. Boris Jelzins freies Spiel der Kräfte hat in den 90er-Jahren zu einem Ausverkauf des Landes an die Oligarchen geführt. Nach Putins erstem Amtsantritt 1999 ist zumindest der Lebensstandard der Russen das erste Mal seit der Ära des 1982 gestorbenen Leonid Breschnew wieder gestiegen. Wollten wir Olympia nur an Länder vergeben, die unseren hehren Idealvorstellungen genügen, gerade eine Handvoll Staaten könnten wohl die Spiele ausrichten, selbst die Weltmacht USA wäre dann aufgrund ihres Gefangenenlagers in Guantánamo nicht darunter.

Putins Spiele haben im IOC eine Diskussion über die künftige Gestaltung Olympias ausgelöst. Insofern kommen sie zur rechten Zeit. Der neue IOC-Präsident Thomas Bach hat viel Zustimmung erhalten für seine Idee, die Spiele zu reformieren, ihre Auswüchse zu begrenzen und sie auch jenen Ländern zu ermöglichen, die weder von Scheichs noch von Diktatoren geführt werden. Setzt sich Bach durch, und das zeichnet sich ab, wäre Olympia wahrscheinlich auch in Deutschland wieder mehrheitsfähig.

Die olympische Welt – mit all ihrem Kommerz und Fällen von Korruption – wird trotz aller angestrebten Veränderungen ein Spiegelbild der wirklichen bleiben, was auch sonst. 60 Prozent der Medaillengewinner in Sotschi werden zu unerlaubten Mitteln gegriffen haben, vermuten Experten. Olympia fordert diesen Konflikt zwischen Gut und Böse geradezu heraus. Schneller, höher, stärker – das ist nichts anderes als der Aufruf zur Grenzüberschreitung, der Auftrag, den Rahmen unserer Vorstellungskraft zu sprengen. Aber Olympia lehrt uns auch Demut, mit Niederlagen umzugehen, dem Sieger zu gratulieren, den Verlierer zu trösten. Olympia, das sind dann doch 16 Tage diese kleine Welt, die vielleicht doch ein Stückchen besser ist als die, in der wir leben.

Und genau deshalb sollten wir uns auf die Winterspiele in Sotschi freuen.