Surinam

Hamburg gibt es auch am anderen Ende der Welt

Weltweit existieren 28 Orte, die wie unsere Stadt heißen. Historische Überbleibsel aus Zeiten, in denen hier einst Hanseaten ihr Glück suchten. 912 Einwohner leben in Hamburg im südamerikanischen Surinam.

Die Sonne ist bereits untergegangen, und doch ist es noch immer so heiß, dass die Kellner das Bier in großen Champagnerkühlern servieren. Hier, in Hamburg, wirft man dem Gast schlicht ein paar Eiswürfel ins Glas, wie auch anderswo auf dem Land in Surinam. Nur auf der schicken Vergnügungsmeile der surinamischen Hauptstadt Paramaribo legt man mehr Wert auf Service und edle Präsentation. Abends, wenn die Hotels und Kneipen in Hamburg bunt beleuchtet werden, könnte man meinen, ein kleines Stück Reeperbahn wäre hier in Südamerika nachgebaut worden. Die Klientel und die Preise im Café Amsterdam passen recht gut zu dieser Vorstellung. Doch der echte Kiez ist knapp 8000 Kilometer entfernt.

Es ist schwer zu sagen, wo dieses Hamburg genau anfängt und wo es wieder aufhört. Das gilt im übertragenen Sinn für das komplette Lebensgefühl hier, vor allem aber für das kleine Dorf in der dünn besiedelten Saramacca-Region. Eines der seltenen Hinweisschilder weist zwar hier auf der Straße zum Ort das Ziel in 23 Kilometern aus, doch wer sich im Dschungel nicht auskennt, fährt womöglich immer weiter und bemerkt erst in Waterloo, dass er Hamburg verpasst hat. Hier, wie vielerorts im Land, stehen Männer mit Angeln vor halb zugewucherten Bewässerungskanälen, und selbst wenn man in dem trüben Nass keinen einzigen Fisch vermuten mag, geht in der Regel keiner von ihnen mit leeren Händen nach Hause.

In Reiseführern über die ehemalige niederländische Kolonie findet man häufig ein Foto mit dem antiquierten Ortsschild der Bezirkshauptstadt Groningen. Fast täglich kommen Holländer rausgefahren, um sich spaßeshalber vor dem Schild abzulichten.

Wer sich in Hamburg fotografieren lassen will, platziert sich vor der gleichnamigen Tankstelle. Bobbi Suekhue steht mit seinem Moped an einer der vier Zapfsäulen und tankt. Überall in Suriname sieht, hört und riecht man Kleinkrafträder dieses Typs. Die Yamaha V50M ist ein Fahrzeug für die Massen – genügsam, wartungsfreundlich und robust konstruiert.

In ein paar Stunden wird Bobbi damit zur Arbeit fahren. Er wird die dunkelrote Jacke eines lokalen Fast-Food-Restaurants tragen und Roti mit Hühnchen zubereiten, das beliebte Fladenbrot. „Am liebsten wäre ich Wissenschaftler, aber ich bin auch gerne Koch“, sagt Bobbi. Im nächsten Monat wird er 19, dabei sieht der zierliche junge Mann aus, als wäre er gerade erst 16 Jahre. An seinen Beinen hat er tiefe Narben, die er sich bei Stürzen mit seinem Moped zugezogen hat. Die Ost-West-Verbindung ist zwar durchgehend asphaltiert, aber abseits der Straße besteht der Weg aus nichts als Erde, die sich bei Regen mit Wasser vollsaugt.

Wie eine Miniaturversion der „Cap San Diego“

Noch bis vor wenigen Jahren konnte man den Saramacca-Fluss bei Hamburg nur mit einer Fähre überqueren, die aussah wie eine graue Miniaturversion der „Cap San Diego“. Es heißt, der Ort habe 912 Einwohner, doch selbst diese bescheidene Zahl scheint etwas zu optimistisch. Zweifelsfrei nachgewiesen ist lediglich eine Höhe von elf Metern über dem Meeresspiegel. Bobbi hat sich in einer Buchhandlung Kopien von historischen Karten gekauft, die er inzwischen fast auswendig kennt. In der Ausgabe von 1840 sind landesweit 956 Plantagen verzeichnet. „Hamburg hat die Nummern 239 bis 241“, erzählt Bobbi im Tonfall eines Professors und ergänzt: „In den älteren Karten taucht der Name aber noch nicht auf.“

Auf der ganzen Welt gibt es 28 Orte mit dem Namen Hamburg. Mehr als fünf Millionen Menschen haben Deutschland im Laufe der Jahrhunderte über den Hafen der Elbmetropole verlassen, um anderswo ihr Glück zu finden. Manchmal benannten sie ihre neue Heimat nach der Stadt ihrer Kindheit. Im fernen Suriname hießen zur Blütezeit der Plantagen mindestens drei Gemeinden Hamburg und zwei weitere Altona. An eine dieser frühen Niederlassungen erinnert noch heute ein Straßenschild in einem der besseren Viertel von Paramaribo. Im Gegensatz zum historischen Stadtkern sind die Häuser hier aus Stein, sie werden mithilfe schwerer Eisengitter vor unbefugten Gästen geschützt.

Vor einigen Anwesen im Viertel stehen schmale Wachhäuschen, wie man sie von Kasernen der Bundeswehr kennt. In regelmäßigen Abständen findet man chinesische Supermärkte, in denen es eigene Kühlschränke für das in Surinam produzierte Parbo-Bier gibt. Man ist sehr stolz auf die Erzeugnisse aus dem eigenen Land, weshalb auch das Staatswappen auf alle Flaschen gedruckt wird. Überhaupt scheinen Surinamer Flaggen und Abzeichen zu lieben. Der Sport-Club Altona, mit der Adresse Altonaweg 90, hat eine eigene Fahne in den Farben Blau-Weiß-Blau. Ein Wasserkonzern ist der Trikotsponsor, und auf der Facebook-Fanseite des Vereins lachen den Besucher Mädchen in Tanzkleidung an, darüber steht „Altona Kids“. 72 Personen gefällt das.

Bobbi blättert in seinen Kopien und zeigt auf weitere Dörfer mit deutschem Ursprung. Berlijn und Hannover sind noch immer bewohnt, die beiden Plantagen mit dem Namen Bremen waren dagegen bereits zum Zeitpunkt der Kartierung verlassen. Entlang der Flüsse drängen sich Hunderte Grundstücke, die man fein säuberlich mit dem Lineal abgemessen und dann in der entsprechenden Farbe in die Karte abgetragen hat. Blau steht für Zucker, Rosa für Kaffee, Gelb für Baumwolle, Türkis für Kakao und Braun für Holz. Vermerkt sind auch die Gebiete, die besonders häufig von geflohenen Sklaven attackiert wurden, sowie die Verteidigungslinien des Militärs.

Bevor Altona zum Namensgeber eines Fußballvereins wurde, war das Gebiet ursprünglich wohl eine Holzplantage, denn aus den Unterlagen geht hervor, dass in der Nähe der heutigen Gemeinde Lelydorp Gemüse angepflanzt wurde. „Nachdem man die Bäume gefällt hatte, wurden auf der frei gewordenen Fläche meistens Lebensmittel für die einheimische Bevölkerung angebaut“, erzählt Gelegenheitsforscher Bobbi Suekhue. Auch die enorme Fläche von 3000 Acre spricht für die Vermutung, dass an dieser Stelle zuvor Forstwirtschaft durch die historische Firma Beyer Boedel F.E. betrieben worden ist. Mit umgerechnet zwölf Quadratkilometern war die Plantage Altona etwa doppelt so groß wie der heutige Hamburger Stadtteil Wandsbek.

Deutlich kleiner ist dagegen Bobbis Geburtsort. 594 Acre sind es genau, also 2,4 Quadratkilometer, was in etwa der Größe von Rotherbaum entspricht. 1840 waren hier 205 Sklaven beschäftigt. Kowoesoe nannten sie ihre Siedlung, in der heute überwiegend indisch-stämmige Bewohner leben. Ihre Vorfahren kamen vor genau 150 Jahren als Kontraktarbeiter nach Surinam, um die freigelassenen Sklaven auf den Plantagen zu ersetzen. Die sogenannten Hindoestanen machen landesweit 27,4 Prozent der Bevölkerung aus. Auch Bobbi ist einer von ihnen. In der Nationalhymne heißt es dazu: „Wie auch immer wir hier zusammenkamen, […] wir sollten uns um unser Land kümmern.“

Hamburgs Größe nur schwer zu schätzen

Mit bloßem Auge lässt sich die Fläche von Hamburg nur schwer schätzen. Zu beiden Seiten der grün gestrichenen Tankstelle sieht man ein paar einfache Häuser, daneben stehen Strommasten, dann einige vertrocknete Zuckerrohrfelder, und am Horizont kann man eine moderne, aber schlichte Brücke erahnen. Auf Luftaufnahmen ist dagegen genau zu sehen, wo auch heute noch Landwirtschaft betrieben wird und wo die Bewässerungskanäle verlaufen, in denen die Hamburger so gerne fischen.

Wer nicht das Glück hat, mit dem Besitzer der Tankstelle verwandt zu sein, verdient sein Geld mit dem Verkauf von Obst und kalten Getränken.

Um Dennis Purplehart zu treffen, muss man sehr früh aufstehen. Bobbi hatte den Tipp gegeben. Jeden Sonntag ab sechs Uhr wandert der 52-jährige Purplehart auf dem Unabhängigkeitsplatz in Paramaribo umher und trägt einen Singvogel spazieren.

Sein ungewöhnlicher Name klingt wie die Verwundeten-Auszeichnung der US-Streitkräfte, und doch kann man den niederländischen Einfluss in der Schreibweise erkennen. Es braucht hier nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass einem an der Waterkant jemand begegnet, der unvermittelt sagt: „Guten Morgen, ich heiße Frau Hansen.“ Im surinamischen Telefonbuch wird allerdings niemand mit diesem Namen geführt, dafür kennt die Liste 16 Schmidt und 43 Meyer.

An einem Haken und einer Kette hat Purplehart den Vogelkäfig an der Brust befestigt, auch während der holprigen Fahrt auf seiner Yamaha V50M. Man könnte fast sagen, er trägt das Tier direkt am Herzen. Genau wie sein Nachbar Bobbi steht er für gewöhnlich als Koch am Herd und brät Reisgerichte. Manchmal aber streift er durch die Wälder und fängt seltene Vögel, die für ihn die gleichen Vorzüge aufweisen wie sein Moped: einfach zu pflegen, handlich und preiswert im Unterhalt.

Alle sieben Tage treffen sich die Vogelbesitzer der Region zu einem Wettstreit. Für das Tier mit der schönsten Stimme gibt es einen Geldpreis und dazu den Applaus der Zuschauer. Keine Briefmarke in Surinam kommt ohne Vogelmotiv aus, und selbst in Taxis ist der Beifahrersitz nicht selten mit einem Vogelkäfig belegt.

„In meiner Wohnung habe ich acht Exemplare“, berichtet Purplehart. Wenn er mal in Geldschwierigkeiten komme, sagt der gebürtige Hamburger, verkaufe er einfach zwei oder drei Vögel, und das Problem sei gelöst. Einmal, nachdem sein Vogel den ersten Platz gemacht hatte, kam ein Europäer zu ihm nach Hause, klopfte an seine Tür und bot ihm 800 Euro. „Ich hab den Kerl weggeschickt“, betont Purplehart und grinst dabei selbstbewusst.

Die Sonne ist vor ein paar Minuten aufgegangen. Erst allmählich erhitzt sich die Luft auf 35 Grad, während in den Straßen die bunten Lichter der Großstadt erlöschen. Der Mann mit dem Vogel vor der Brust nimmt zwei Dosen ungekühltes Parbo aus dem Rucksack und wirft seinem Kollegen eine davon zu. Dann zieht er zwei Trinkhalme hervor, wie man sie in jeder Bude bekommt, wenn man ein Getränk kauft. Alkohol ist in Surinam offenbar ein Problem zweiten Ranges, aber auf Hygiene wird streng geachtet. Beide lassen die Halme in ihre Dosen gleiten und prosten sich zu.

Zeitgleich dürften im norddeutschen Hamburg die letzten Nachtschwärmer ihr verkatertes Frühstück auf dem Fischmarkt genießen. Doch nicht so unterschiedlich, die beiden Welten.