Hamburg

Kampf um die Handelskammer – wer wird neuer Präses?

Mehrere Männer werden als mögliche Nachfolger für Fritz Horst Melsheimer gehandelt. Einer soll als Favorit gelten. Die Suche wird überschattet vom ungewohnt scharfen Wahlkampf vor den Kammerwahlen.

Alle drei Jahre wählen Hamburgs Unternehmen ein neues Parlament für die Handelskammer. In der Vergangenheit fand dieses Ereignis in der Öffentlichkeit ein ähnlich starkes Interesse wie ein Dorffest in China – nämlich gar keines.

Selbst bei den wahlberechtigten Kammermitgliedern stieg die Wahlbeteiligung selten über 20 Prozent. Doch in diesem Jahr ist alles anders.

Mit dem Aktionsbündnis „Die Kammer sind WIR“ hat sich branchenübergreifend eine Gruppe von Unternehmern zusammengetan, die gemeinsam ins Plenum der Kammer einziehen will und mit populären Forderungen, wie Erstattung von Mitgliedsbeiträgen und mehr Transparenz, kräftig die Werbetrommel für sich rührt.

Andere Kandidaten sahen nun überrascht, dass sie wiederum auch für sich Stimmung machen müssen. Sie gründeten ein Gegen-Bündnis „Für eine starke Kammer“.

Das Ergebnis: Die Kammerwahlen, welche in der Vergangenheit ganz im Sinne der Geschäftsführung still und leise über die Bühne gingen, münden in eine öffentlich ausgetragenen Kontroverse. Erstmals gibt es bei den Kammerwahlen einen echten Wahlkampf.

Vom Plenum hängt die Wahl des Präses ab

Und der ist auch deshalb relevant, weil der Zusammensetzung des Plenums in diesem Jahr eine besondere Bedeutung zukommt: Es muss einen neuen Spitzenvertreter der Hamburger Wirtschaft bestimmen.

Der bisherige Kammer-Präses Fritz Horst Melsheimer räumt seinen Stuhl. Zwar ist der studierte Volkswirt, der im Hauptberuf Vorstandsvorsitzender der Hanse-Merkur-Versicherung ist, erst seit gut drei Jahren im Amt. Dass er nach dieser kurzen Zeit geht, ist der Satzung geschuldet.

Melsheimer hat den Kammervorsitz 2011 von Frank Horch übernommen, der wenige Wochen vor Ende seiner Amtszeit in die Politik gewechselt war. Melsheimer übernahm die Restzeit und wurde einmal wiedergewählt, mehr lässt die Kammersatzung nicht zu. Im Mai ist Schluss.

Bis dahin obliegt es Melsheimer, einen geeigneten Kandidaten für die Spitze der Wirtschaftsvertretung anzusprechen und dem Plenum, aus dessen Mitte heraus das Präsidium der Kammer gewählt wird, vorzuschlagen.

Geheimnis um den neuen Präses

Wer von Kammermitgliedern derzeit etwas über mögliche Bewerber erfahren will, erntet nur Schweigen. Denn wer Handelskammer-Präses werden soll, ist regelmäßig ein gut gehütetes Geheimnis.

Niemand will einen guten Namen vorzeitig verbrennen. Und niemand will Melsheimer in die Parade fahren. Außerdem ist die Zusammensetzung des Kammerplenums in diesem Jahr völlig offen. Es ist nicht abzusehen, welches Gewicht Kammer-Kritiker und Kammer-Befürworter künftig im Parlament haben.

Und selbst bekannte Vertreter der Hamburger Wirtschaft, die für den Job des Chefs infrage kämen, müssen erst einmal schauen, dass sie die Plenarwahl überstehen. Bis zum 19. Februar haben alle rund 166.300 in der Kammer gemeldeten Unternehmen Zeit, aus dem Bewerberkreis das Plenum zu wählen.

Damit ein Favorit auf den Chefsessel der Kammer nicht schon bei dieser Wahl scheitert, hat das gewählte Plenum dann wiederum die Möglichkeit, sich um zehn weitere, sogenannte kooptierte Mitglieder zu erweitern.

Erst im März wird das siebenköpfige Präsidium gewählt. Einer davon wird Kammerchef. In der Regel handelt es sich um bekannte Hamburger Unternehmenslenker, die schon eine Weile im Präsidium sitzen.

Und so engt sich der Kreis der infrage kommenden Bewerber stark ein. Der jetzige Präses, Melsheimer wird nach seiner Abdankung für eine Weile in den Kreis der Vizepräsides zurückkehren. Das ist in der Kammer üblich.

Zwei Vizepräsides müssen nach der Satzung gehen. Der Groß- und Außenhändler Jens Peter Breitengroß scheidet aus Altersgründen aus. Damit bleiben fünf übrig, von denen einer gehen muss – es sei denn, er wird Kammerchef.

Wer hat Chancen auf den Chefsessel?

Ein Name wird hinter vorgehaltener Hand immer wieder genannt: Andreas Bartmann, 54, Geschäftsführer des Outdoor-Ausrüsters Globetrotter.

Bartmann war bereits im März 2011 als Nachfolger für den in die Politik gewechselten damaligen Kammerpräses Frank Horch ins Spiel gebracht worden. Doch er soll abgewinkt haben, weil sein Unternehmen Globetrotter expandierte und seine volle Aufmerksamkeit forderte.

Im Prinzip hat sich daran nichts geändert. Und doch gibt es eine Reihe von Indizien, die für Bartmann als möglichen Melsheimer-Nachfolger sprechen: Erstens ist er Vertreter des Einzelhandels.

Diese wichtige Branche hat schon lange keinen Kammerpräses mehr gestellt, obgleich sie mit einem jährlichen Umsatz von elf Milliarden Euro einer der bedeutenden Wirtschaftszweige in der Handelskammer ist. Zuletzt war mit dem damaligen Eigentümer der Baumarktkette Max Bahr, Peter Möhrle, bis 1990 ein Einzelhändler auf dem Chefsessel der Kammer.

Zweitens leitet Bartmann mit dem Innenausschuss den wichtigsten Arbeitskreis der Handelskammer, da er den Haushalt festlegt und praktisch jeden Euro, den die Kammer ausgibt, überwacht. Und noch eine wichtige Eigenschaft bringt Bartmann mit: Er ist repräsentabel.

Die Gerüchteküche brodelt

Das gilt auch für Michael Behrendt, 62, den Vorstandschef der Hamburger Traditionsreederei Hapag-Lloyd. Er vertritt eine mit der Geschichte Hamburgs eng verbundene Branche, ist Vorsitzender des Verbands Deutscher Reeder und als Präsident des exklusiven Übersee-Clubs auch auf gesellschaftlichem und diplomatischem Parkett sicher unterwegs.

Behrendt hat einen Nachteil, der allerdings geheilt werden kann: Er wird im Juli seinen Posten als Reedereichef aufgeben und in den Aufsichtsrat von Hapag-Lloyd wechseln.

Der Kammersatzung zufolge muss der Präses aber in unternehmerischer Verantwortung sein, also mindestens Prokurist oder Geschäftsführer. Das wäre Behrendt dann nicht mehr. Dieses Manko könnte er aber dadurch wettmachen, dass er ein eigenes Unternehmen gründet, etwa ein Beratungsbüro.

Dieses Problem kennt Thomas M. Schünemann, 63, nicht. Er führt seit mehr als drei Jahrzehnten als geschäftsführender Gesellschafter erfolgreich ein Software-Haus für kleinere und mittlere Betriebe.

Schünemann ist seit annähernd sechs Jahren Vizepräses, und es heißt, er habe Ambitionen auf mehr. Warten kann er damit nicht: Sollte Schünemann jetzt abwinken und ein anderer volle sechs Jahre amtieren, wäre er jenseits der 65. In seinem Hobby gibt Schünemann jedenfalls schon einmal richtig Gas: Er ist begeisterter Rallye-Fahrer, gewann 2000 die Euro-Rallye-Trophée und fährt seit Jahren als Navigator die berühmte Paris–Dakar.

Auch dem Haspa-Vorstandssprecher Harald Vogelsang, 54, werden Chancen auf den Chefsessel in der Handelskammer eingeräumt. Er ist erst seit gut zwei Jahren Vizepräses.

Mit ihm würde allerdings nach Karl-Joachim Dreyer (2002 bis 2008) und Fritz Horst Melsheimer (2011 bis 2014) zum dritten Mal in rascher Folge ein Vertreter der Finanzbranche zum Kammerchef gewählt. Das gilt als unwahrscheinlich, ist aber nicht ausgeschlossen. Seine Karten sind so schlecht nicht.

Behrendt und Vogelsang sollen abgewinkt haben

Fünfter Kandidat für die Melsheimer-Nachfolge ist der Siemens-Geschäftsführer der Region Nord, Michael Westhagemann, 56. Dieser hat in der Hamburger Wirtschaft großen Rückhalt.

Er ist Vorstandsvorsitzender des Industrieverbands Hamburg sowie des Vereins zur Förderung des Clusters Erneuerbare Energien Hamburg. Auch ihm werden gute Chancen eingeräumt.

Behrendt und Vogelsang sollen intern abgewinkt haben. Schünemann und Westhagemann äußern sich nicht. Bleibt Bartmann übrig. Er sagte jetzt: „Ich habe für mich den Anspruch, zunächst in das Plenum über die Hamburger Wirtschaft gewählt zu werden, um mir erst dann über weitere Positionen Gedanken zu machen. Diesen Prozess sollten wir abwarten.“

Ein Dementi klingt anders. Wenn er will, so glauben viele, kriegt Bartmann den Job.

Unwahrscheinlich, aber nicht völlig auszuschließen ist, dass am Ende ein Parlamentsmitglied gewählt wird, das derzeit nicht im Präsidium sitzt. Da wäre beispielsweise Cord Wöhlke, Chef der Drogeriekette Budnikowsky, zu nennen, der wie Andreas Bartmann anerkannter Einzelhändler ist.

Nur über eines besteht Konsens: Unter den Nachrückern ins Präsidium der Handelskammer wird mindestens eine Frau sein.