Femen-Aktivistin

„Unser Protest ist überall auf der Welt gerechtfertigt“

Die Hamburgerin Josephine Witt protestiert während der Weihnachtsmesse im Kölner Dom gegen die angeblich „sexistische Haltung“ der katholischen Kirche. Sie stürmte auf den Altar.

Hamburg/Köln. Neudeutsch würde man sagen: Der 80-jährige Kölner Kardinal Joseph Meisner reagierte total cool. Und schloss die junge Frau, die während seiner letzten Weihnachtsmesse mit blankem Busen auf den Altar des Kölner Doms gesprungen war, vor dem Weihnachtssegen explizit in sein Gebet ein.

Die Protestaktion war binnen Sekunden vorbei gewesen: Die Störerin hatte gerade begonnen, ihr eigenes Glaubensbekenntnis zu rezitieren, („Ich glaube an die freie und selbstbestimmte Frau!“), doch weiter kam sie nicht. Mehrere Sicherheitsleute der Kirche (Domschweizer) und Kirchgänger hatten sie gepackt und vom Altar heruntergezogen. Sie ließ sich sofort fallen und wurde weggeschleift, in einen Nebenraum, wobei sie nach eigenen Angaben geschlagen, getreten und als „Sünderin“ beschimpft wurde.

Schließlich nahm die Polizei sie vorübergehend in Gewahrsam und erstattete von Amts wegen eine Anzeige wegen Störung der Religionsausübung und Hausfriedensbruchs; aufgrund ihrer Beschwerde aber auch wegen Körperverletzung gegen die Domschweizer.

Die junge Frau heißt Josephine Witt. Sie ist 20, Philosophiestudentin, wohnt noch zu Hause bei ihren Eltern in Bergedorf. Sie kennt die Risiken, die mit den provokanten Aktionen der Femen einhergehen, einer ursprünglich ukrainischen, inzwischen jedoch längst international agierenden, feministischen Protestgruppe. Das Markenzeichen der Femen sind kurze Parolen auf blanker Haut. Was in der Regel große Aufmerksamkeit nach sich zieht.

Der Sprung auf den Kölner Altar war ebenfalls nicht der erste große Auftritt der Hamburgerin: Sie gehörte zu den fünf Frauen, die auf der Hannover Messe nackt gegen Russlands Präsident Wladimir Putin protestierten. Im Juni dieses Jahres demonstrierte sie in Tunis gegen die Festnahme einer tunesischen Femen-Aktivistin und saß dafür 29 Tage selbst im Gefängnis. Ende Oktober störte sie eine Rede des Hamburger Bürgermeisters Olaf Scholz, gegen dessen Flüchtlingspolitik sie nackten Protest zeigte. Im Dezember unterbrach sie mit einer weiteren Femin die Sendung von Markus Lanz (ZDF), um gegen die Vergabe der Fußball-WM an Katar zu protestieren. Und nun Köln, die Weihnachtsmesse.

„Wir müssen die universellen Menschenrechte überall auf der Welt verteidigen. Darum ist auch unser Protest überall auf der Welt gerechtfertigt“, sagt Josephine Witt zwei Tage später. Sie sitzt in der Kölner Wohnung einer Freundin, leckt ihre Wunden. „Ich habe blaue Flecken davongetragen. Meine Beine tun ziemlich weh. Aber es ging uns darum, einmal mehr darauf hinzuweisen, dass die Trennung von Kirche und Staat endlich vollzogen werden muss. Mit den Reaktionen auf unsere Aktion bin ich zufrieden.“ Doch in den sozialen Netzwerken und Blogs des Internets fanden sich auffällig viele hämische und kritische Kommentare. Der Kölner Kabarettist Tom Gerhardt („Hausmeister Krause“) zum Beispiel schrieb auf seiner Facebook-Seite: „Was zum Teufel bringt so ein durchgeknalltes Suppenhuhn wie diese Josephine Witte (oder so ähnlich) dazu, künstlich aufgeregt und nackt in den Kölner Dom zu stürmen und als berufsbeleidigte Femin herumzuschreien, wie unterdrückend doch die Kirche sei? (...) Hier tut die Kirche keinem was. Und das wisst ihr ganz genau. Der neue Papst predigt für die Armen und Unterdrückten. Nein – die intoleranten Fundamentalisten – das seid ihr. Genau ihr!“

Josephine Witt widerspricht: „Wir Femen sind sicherlich radikal, wir attackieren bestimmte Personen und Institutionen, aber wir sind eine lebensbejahende Organisation. Und was uns ganz wichtig ist: Wir wollen keine Märtyrerinnen sein, die für ihre Sache Leib und Leben aufs Spiels setzen!“ Sie habe keine Sorge, dass sich diese spezielle Form des Protests rasch überholen könnte. „Eine Bewegung bleibt immer in Bewegung“, sagt sie, „in Spanien haben wir zurzeit extrem viel Zulauf, und wahrscheinlich gibt es uns bald in den USA. Wir wollen eine weltweite feministische Schocktruppe werden.“ Das vordringliche Protestziel sei nun die zunehmende Pornografisierung. „Jugendliche und junge Erwachsene bekommen durchs Internet ein realitätsfremdes Bild von Sexualität und Liebe vermittelt. Emotionen und Zwischenmenschlichkeit kommen darin nicht mehr vor. Die Pornografie ist in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen!“, sagt sie. Das empfinde sie als hoch problematisch. Jetzt wolle sie erst einmal Silvester feiern. „Ich habe verschiedene Lebensbereiche, die ich voneinander trenne. Natürlich wird es mittlerweile immer komplizierter, mein Studium und meine politische Arbeit unter einen Hut zu kriegen. Aber ich führe auch ein ganz normales Leben, treffe mich mit Freunden – und habe auch ganz normale Dates!“