Einmal Russland und zurück

„In Russland hätte ich nie Geschäftsmann werden können“

Ein dreistöckiges Gebäude in Rosengarten. Die Mitarbeiter der Firma Monolith packen Lebensmittel ab: Buchweizen, russische Lebkuchen, russische Bonbons, eingelegtes Gemüse.

Bei Monolith wird Russisch gesprochen, alle Mitarbeiter sind Russlanddeutsche. Chef der Firma ist Arthur Steinhauer, 54. Steinhauer vertreibt Lebensmittel für Lebensmittelgeschäfte in ganz Deutschland. Der Slogan der Ladenkette: „Deutsche Qualität – russisches Rezept“.

Steinhauer ist in der Sowjetunion aufgewachsen, im heutigen Kasachstan, in einem Dorf mit dem Namen Rosowka. „Dort haben eigentlich nur Deutsche gewohnt“, erinnert er sich. Seine Mutter ist eine Schwarzmeerdeutsche, ihre Vorfahren hatten Deutschland im 19. Jahrhundert verlassen. Den Bezug zu Deutschland hat Steinhauers Mutter nie verloren, sie sprach nur Deutsch mit ihm, erzählte ihm davon, wie schön es in der Heimat sei. Auch in Steinhauer entstand eine Sehnsucht.

1990 bekam seine Familie eine Einladung für einen Besuch in Deutschland. Gemeinsam mit seiner Mutter, seiner Frau und seinen Söhnen – damals fünf und sieben Jahre alt – fuhr er 48 Stunden mit dem Zug. Am 25. September 1990 kamen sie nachts um drei am Braunschweiger Bahnhof an. Sie erklärten Mitarbeitern des Roten Kreuzes, dass sie in Deutschland leben wollten. Später sollten sie als Aussiedler anerkannt werden.

Einen Monat verbrachte die Familie im Grenzdurchgangslager Friedland. Dann ging es weiter nach Hamburg: Die Steinhauers lebten in einem Flüchtlingscontainer im Hafen Neumühlen, dann in einer Sozialwohnung in Harburg. Steinhauer wollte so schnell wie möglich loskommen von der staatlichen Unterstützung. Er machte Sprachkurse, 1992 fand er seinen ersten Job in Deutschland: als Vermessungstechniker. Dann kam er auf eine Geschäftsidee: Ihm fiel auf, dass viele Russlanddeutsche Sehnsucht nach Russland hatten – und vor allem nach russischem Essen. Sie wollten russisches Backpulver, Buchweizen, kalt geräucherte Makrelen. Also fing er damit an, mit dem Auto russische Lebensmittel auszufahren. Die Lebensmittel bezog er von einem Großhändler in Bielefeld. Heute ist Familie Steinhauer zu einem Drittel an der Monolith-Gruppe beteiligt, die 140 eigene Geschäfte in ganz Deutschland hat. Aus dem Bauarbeiter ist ein Geschäftsmann geworden. Er lebt heute mit seiner Familie in seinem eigenen Haus in Rosengarten.

„In Russland hätte ich nie Geschäftsmann werden können“, sagt Steinhauer. Private Marktwirtschaft gab es in der Sowjetunion nicht, im heutigen Russland laufen Geschäfte häufig nur mit Schmiergeld ab. „Das ist nicht mein Leben“, sagt Steinhauer.

Mit seiner Frau spricht er Russisch, mit den Kindern Deutsch. Wenn jemand sagt, er sei Russe, dann ärgert er sich heute noch. „Wir haben seit Jahrhunderten unsere deutsche Mentalität nicht verloren. Dafür haben wir viel auf uns genommen.“