Lampedusa-Flüchtlinge

Schauspieler und Flüchtlinge lesen „Die Schutzbefohlenen“

Mehr als 400 Zuschauer kamen zur bewegenden Solidaritätsaktion des Thalia-Theaters in der St. Pauli-Kirche. Nordkirchen-Synode fordert Lösung von der Politik.

Hamburg Es kommt häufiger vor, dass das Thalia-Theater sich andere Spielorte sucht. Eine Kirche war bislang nicht darunter. Deshalb war der Auftritt am Sonnabendabend in der St. Pauli-Kirche auch in dieser Hinsicht eine Premiere. Schon eine halbe Stunde vor dem offiziellen Einlass drängten sich die Menschen vor dem Portal des Gotteshauses, das seit fast vier Monaten auch Zufluchtstätte ist für 80 afrikanische Flüchtlinge. Mit ihnen gemeinsam präsentierten zwölf Schauspieler den jüngsten Text von Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in einer bewegenden Urlesung. Der Titel: „Die Schutzbefohlenen“.

„Wo werden wir morgen sein und danach? Wo? Wo? Wo?“ Anfangs klingt es noch zögerlich, dann immer lauter. Verzweifelter. Aus verschiedenen Ecken rufen die Afrikaner es in ihrer Sprache. Es wird still, sehr still. Obwohl 400 Menschen in der St. Pauli sind. Viele sitzen auf dem Steinboden, die meisten stehen. „Bitte helfen Sie uns, Gott, bitte helfen Sie uns, unser Fuß hat ihr Ufer betreten, doch wie geht es jetzt weiter?“ hat Schauspielerin Patrycia Ziolkowska vorher vor dem Altar aus dem von Thalia-Intendant Joachim Lux bearbeiteten Text gelesen, den die österreichische Literatur-Nobelpreisträgerin anlässlich eines Kirchen-Asyls in der Wiener Votiv-Kirche geschrieben hatte. Hier auf dem Pinnasberg über der Elbe entfalten ihre Worte eine brisante Aktualität.

Die 80 Flüchtlinge gehören zu einer Gruppe von 300 Wanderarbeitern, die während des libyischen Bürgerkriegs nach Italien geflüchtet und Anfang des Jahres in Hamburg gestrandet sind. Ihr Schicksal ist völlig ungeklärt. Während der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning (FDP), bei einem Besuch in der vorvergangenen Woche Gestaltungsspielraum für eine humanitäre Lösung andeutete, hat Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) in einem Abendblatt-Interview erneut Sonderregeln für die Afrika-Flüchtlinge abgelehnt. Auch die Vermittlungsbemühungen der Nordkirche sind offenbar vorerst gescheitert. Nach ersten Vorprüfungen sieht die Innenbehörde keine Chancen auf eine Aufenthaltserlaubnis.

In der Kirche flimmern auf einer Videoleinwand Handyaufnahmen von der lebensgefährlichen Überfahrt von Libyen zur italienischen Insel Lampedusa. Ein Flüchtling berichtet von seinen Erlebnissen. „Aber was haben wir hier getan, dass Sie uns in Angst halten, Angst überall, Angst“, ruft der Emporen-Chor. „Angst, Angst, Angst“, mischen sich die Stimmen der Afrikaner darunter, steigern sich in dem hohen Kirchenraum zum Crescendo. In den Gesichtern vieler Besucher spiegelt sich Betroffenheit, manche haben Tränen in den Augen. „Die Texte gehen über den Kopf ins Herz“, wird eine Besucherin später über die Gemeinschaftsproduktion sagen, die zeige „was Menschsein bedeutet“.

Auch wenn die Inszenierung ohne Happy End bleibt. „Und es geschieht jetzt, ist vielleicht schon geschehn, wenn Sie dies sehn, was verhängt uns vom Geschicke war, nämlich das Ende. Das Verschwinden.“ Nach gut einer Stunde gibt es viel Beifall. „Wir sind in einem Moment der Ohnmacht. Aber zusammen stehen wir auf“, sagt Pastor Sieghard Wilm. „Wir müssen in der Kirche auch manchmal laut sein.“ Kurz zuvor hatte die Landessynode der Nordkirche „eine gerechte und humanitäre Lösung für die Flüchtlingsfrage in Europa“ gefordert. Im Blick auf die Lampedusa-Gruppe in Hamburg erwarte die Kirche, „dass die politisch Handelnden eine Lösung herbeiführen, die unter Ausnutzung aller rechtlichen Möglichkeiten Lebenschancen für diese Menschen in Deutschland eröffnet“.

So sehen es viele, die an diesem Abend in der St. Pauli-Kirche waren. Thalia-Intendant Lux kündigte an, dass es weitere Unterstützungsaktionen geben solle: „Wir überlegen, wie es weitergeht. Alle wollen das.“ Die Afrikaner rollen auf dem Kirchenboden ihre Matratzen für die Nacht aus. „Es ist gut“, sagt Andreas aus Ghana, „dass wir zeigen konnten, das wir da sind.“