Historiker warnt vor Neubau am Stintfang

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Friederike Ulrich

Investor plant 52 Wohnungen an 400 Jahre alter Wallanlage. Prof. Hermann Hipp: „Erhaltenswertes wird der Wohnungsbauwut des Senats geopfert“

Neustadt. Es war schon immer einer der berühmtesten Aussichtspunkte Hamburgs. Vom Stintfang aus können die Besucher rechter Hand elbabwärts blicken, zur anderen Seite hin sind die Dächer des Hafenviertels und die Kirchtürme von St. Michaelis, St.Katharinen und St. Nikolai zu sehen. Heute ist die Aussicht nicht weniger spektakulär – erweitert durch die glitzernde Elbphilharmonie.

Doch der Stintfang hat auch kulturgeschichtlich Bedeutung. Er ist der Rest eines um 1620 angelegten Wallrings. Finanziert durch eine damals erhobene Vermögenssteuer, bewahrte er die Stadt vor dem 30-jährigen Krieg. Als Teil des denkmalgeschützten Ensembles „Alter Elbpark“ gehört er zu den erkennbaren Relikten der Befestigungstopografie: dem Wall, dem Graben unter der Kersten-Miles-Brücke, sowie den Bastionen Casparus (Bismarckdenkmal) und Albertus (Jugendherberge).

Letztere wird auf dem Stintfang durch einen hübschen, rondeel-artigen Platz mit einem kleinen Amphitheater in der Mitte abgebildet. Erst kürzlich wurde er um neue Bänke ergänzt und Paula-Karpinski-Platz genannt. Die frühere SPD-Politikerin hatte seinerzeit dafür gekämpft, dass der Stintfang nicht mit Hotels, sondern einer Jugendherberge bebaut wurde – die prächtige Aussicht sollte junge Menschen aus aller Welt animieren, immer wieder nach Hamburg zu kommen.

Künftig werden Jugendherbergs-Gäste und Besucher der Aussichtsplattform das Panorama nicht mehr uneingeschränkt bewundern können. Stattdessen werden sie auf die Balkone eines sechsgeschossigen Neubaus blicken, der östlich des Stintfangs an der Straße Hafentor entstehen wird. In dem 70 Meter langen Gebäude, das einen Eingang zum U- und S-Bahnhof Landungsbrücken integriert, plant der Hamburger Immobilienentwickler Euroland 52 Mietwohnungen, darunter 34 Sozialwohnungen sowie Apartments für Senioren und für Studenten mit Behinderungen. Damit das Panorama vom Stintfang auf Elbe und Hafen erhalten bleibt, bekommt das Gebäude eine eigenwillige Form. Die unteren drei Geschosse bilden die Basis, sie nimmt die gesamte Fläche des rund 1500 Quadratmeter großen Grundstücks ein. Die Stockwerke vier bis sechs nehmen nur ein Drittel dieser Fläche ein. Sie bilden eine Art Turm, der gegenüber dem unteren Gebäudeteil verdreht ist.

Euroland hat in den vergangenen eineinhalb Jahren auf Kritik der Anwohner reagiert und Geschosshöhe und Länge des Gebäudes reduziert. Dennoch wird es mehr als 21 Meter hoch. „Außer an der Höhe stören wir uns vor allem an der Massivität“, sagt Manfred Giovanett von der Bürgerinitiative Hafentor. Denn um das teilweise 30 Meter tiefe Gebäude realisieren zu können, muss Euroland dem Stintfang rund 500 Quadratmeter abzwacken.

Nicht nur deshalb stößt das Vorhaben auch bei Historikern auf heftige Kritik. „Der Stintfang mit seinem balkongleichen Aussichtsplatz und den schönen Kupferdächern des Bahnhofs bildet mit den Landungsbrücken, dem Elbtunnel und den benachbarten Seemannskirchen eine ganz besondere Stelle im Stadtbild“, sagt Professor Hermann Hipp. „Ein Bebauungsplan an diesem Platz ist das Gedankenloseste, was man sich einfallen lassen kann. Er ist dafür einfach nicht vorgesehen.“

Er habe sich lange mit dem historischen Stadtbild beschäftigt und festgestellt, dass es sich negativ verändere. „Zu viel Erhaltenswertes wird der Wohnungsbauwut des Senats geopfert“, so der renommierte Kunst- und Architekturhistoriker. Häufig werde er bei anstehenden Veränderungen nach seiner Meinung gefragt. „Das“, sagt er, „ist dann jedes Mal wie ein Nachruf.“ Birgit Kiupel, Anwohnerin und Historikerin, ist entsetzt. „Hier wird wieder ein bedeutendes Stück Kulturgeschichte zerstört“, sagt sie. „Bald wird es Hamburg, unsere Perle, nicht mehr geben.“ Es wundere sie, dass sich die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, die in ihrem „Innenstadtkonzept 2010“ den Wallring als „eines der unverwechselbaren, identitätsbildenden Merkmale der Hamburger Stadtgestalt“ bezeichnet, nicht einmischt. Der Bau sei in seiner jetzigen Form „für den Standort verträglich“, sagt dagegen Bezirksamtsleiter Andy Grote. Bis zum 5. September wird der Bebauungsplan im Fachamt für Stadt- und Landschaftsplanung (Klosterwall 8) ausliegen. Bis dahin kann noch Kritik geäußert werden.

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