Zug aus China

10.214 Kilometer von China nach Hamburg ohne Verspätung

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Martin Kopp

Erster Güterzug aus der chinesischen Provinzhauptstadt Zhengzhou kommt pünktlich in Hamburg an. Bahn plant regelmäßige Verbindung.

Hamburg. Aus der Ferne ertönt das Signalhorn einer Lokomotive. Dann schält sich der Zug aus der flirrenden Hitze. Er ist um die halbe Welt gereist, nun trennen ihn nur noch wenige Meter vom Ziel, dem Eisenbahnverlade-Terminal in Billwerder. Dort stehen wichtige Leute in dunklen Anzügen und fiebern schwitzend der Ankunft des Zuges entgegen: Bahnchef Rüdiger Grube, der Bürgermeister der chinesischen Stadt Zhengzhou, Ma Yi, sowie Hamburgs Wirtschaftssenator Frank Horch (parteilos) nehmen Aufstellung, um den Zug zu begrüßen, endlich mal wieder ein Direktzug aus China in Hamburg. Der dritte, nach zwei Testzügen 2008.

Es ist 11 Uhr, als die Wagen im Schritttempo hereinrollen. 10.214 Kilometer haben die 51 Container hinter der Lokomotive überwunden, und sie kommen pünktlich.

Der Zug hält. Bürgermeister Ma Yi will dem aus dem Führerhausfenster lehnenden Lokomotivführer einen Blumenstrauß überreichen. Da rollen die Räder noch einmal an, gegen das Protokoll. Der ein Kopf kürzere Grube schnappt sich den Strauß springt an der Lokomotive hoch und drückt dem verdutzten Lokomotivführer den Strauß in die Hand.

Dann ist er endgültig da. Am 18. Juli sind die Container, beladen mit Kleidung, Konsumartikeln und Elektronikbauteilen im zentralchinesischen Zhengzhou gestartet. 15 Tage haben sie für ihre Fahrt durch China, Kasachstan, Russland, Weißrussland und Polen bis nach Deutschland gebraucht. Das sei Rekordzeit, sagt Bahnchef Grube, für den die Bahnverbindung nach China schon fast zur Routine gehört. Mehr als 300 Züge hat die Bahntochter DB Schenker in den vergangenen zwei Jahren zwischen China und Europa auf die Reise geschickt. Ein Kunde aus der Metropole Chongqing bucht ganze Züge zur Versendung seiner Elektronikartikel. Diese fahren nach Duisburg. Seit September 2011 fährt DB Schenker auch in die Gegenrichtung: Für BMW liefert das Logistikunternehmen der Bahn mit wöchentlichen Abfahrten Autoteile von Leipzig und Wackersdorf nach Shenyang.

Dieses ist aber der erste Zug aus Zhengzhou, und Grube freut sich, dass mit Bürgermeister Ma Yi der Initiator der Reise selbst nach Hamburg gekommen ist. Den Auftrag hat nämlich die Stadtverwaltung der chinesischen Metropole erteilt. „In China ist der Bürgermeister einer Stadt so mächtig wie in Deutschland ein Ministerpräsident“, sagt Grube nebenher und verweist darauf, das Zhengzhou knapp neun Millionen Einwohner zählt. „Hamburg war für Deutschland immer das Tor zur Welt“, fügt der Bahnchef hinzu. „Heute ist Hamburg für Zhengzhou das Tor zu Europa.“

Wirtschaftssenator Horch betont, dass Hamburg aufgrund seines Hafens seit Langem als Brücke zwischen China und Europa fungiert. Wenn nun Waren mit der Bahn kämen, sei das keine Konkurrenz zum Schiff, sondern eine sinnvolle Ergänzung. Hamburg werde als Eisenbahnknotenpunkt alles dafür tun, weitere Züge aus China zu holen. Allein der Wille reicht aber nicht: Mehr als sporadische Verbindungen in die Hansestadt hat es aus dem Reich der Mitte bisher nicht gegeben.

Mit Zhengzhou könnte sich das ändern. „Die Chinesen wollen eine regelmäßige Verbindung aufbauen“, sagt Daniel Wieland, Projektleiter bei DB Schenker. Und auf die Frage, warum sich Zhengzhou Hamburg und nicht Duisburg als Destination ausgesucht hat, erwidert Bürgermeister Ma Yi feinsinnig: „Wenn wir einen Zielort suchen, hat das nicht nur mit geschäftlichen Dingen zu tun, auch mit der Freundschaft, die uns mit Hamburg verbindet.“ Im Übrigen sei dieses ja erst der Anfang der Kooperation mit DB Schenker.

Derweil will Grube den eigenen Rekord schon wieder unterbieten. „Die Züge aus China brauchen halb so lang wie ein Schiff nach Deutschland. Wir wollen sie aber noch schneller machen.“ Dazu bedürfe es aber einiger Voraussetzungen: „Wir brauchen erstens ein einheitliches Transportrecht zwischen Deutschland und China. Zweitens müssen die Grenzabfertigungen beschleunigt werden. Und drittens brauchen wir einen digitalen, einheitlichen internationalen Frachtbrief, wie es ihn bei der Luftfracht bereits gibt“, so Grube. Seit die erste Güterbahn aus Asien nach Europa gerollt ist, habe sich die Fahrzeit um neun Tage verkürzt. Weitere neun Tage will Grube mit diesen Maßnahmen herausholen.

Zu euphorisch darf er dabei nicht werden. Noch immer ist die Route zwischen Asien und Europa abenteuerlich: Zweimal müssen die Container auf ihrer langen Reise umgeladen werden. In Dostyk, an der Grenze zwischen China und Kasachstan, sowie in Brest am Übergang von Weißrussland nach Polen. Grund sind unterschiedliche Spurbreiten der Gleise. Während Züge in China wie in Nordwesteuropa auf der Normalspur (1435 Millimeter) fahren, verkehren sie in Russland, Kasachstan und Weißrussland auf der Breitspur (1520 Millimeter). Zudem sind in der Vergangenheit mehrfach Container verloren gegangen, weil sie beim Umladen gestohlen wurden. Gegen diese Art der Zugpiraterie stattet DB Schenker alle Container inzwischen mit GPS-Peilsendern aus.

Sollte sich die Verbindung in die Hansestadt etablieren, kann er sich sogar vorstellen, Container, die aus China per Zug nach Hamburg kommen, mit dem Schiff von hier aus weiter an die Ostküste Amerikas zu transportieren. „Denkbar ist alles“, sagt der Bahnchef.

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