Luise Bertram, 100

Ihre Mutter hat ihr es schon immer prophezeit, sagt Luise Bertram. „Sie sagte mir immer: ‚Du bist ein Glückskind.‘ Stimmt wohl! Jetzt bin ich eine alte Schachtel.“

Luise Bertram nimmt ihr Alter mit Humor. Anders kann man es nicht sagen. Während sich bei manch anderem schon nach gut einem halben Jahrhundert eine grummelige Alterssturheit breit macht, sagt die aufgeweckte Luise Bertram – ein volles Jahrhundert alt – über das Älterwerden: „Man wird alt wie ’ne Kuh und lernt immer noch was dazu.“ Luise Bertram bewohnt ein Doppelzimmer im „Pflegen & Wohnen“-Alten- und Pflegeheim am Alsterberg. Dass ihre Mitbewohnerin nicht mehr viel sprechen kann, ist ihr ganz recht, sagt sie: „Ich bin froh, dass ich hier jemand habe, der mir nicht das Ohr vollsabbelt.“

Über ihr Leben redet sie selbst aber ganz gern. Mit 18 Jahren kam sie aus ihrer württembergischen Heimat Göppingen nach Hamburg. Hier begann sie mit 21 eine Ausbildung als Pflegerin bei den Alsterdorfer Anstalten, wie die heutige Stiftung damals hieß. Hier lernt sie beim Spaziergang an der Alster ihren Mann kennen, einen Herrenfriseur, der einen Salon in der Alsterdorfer Straße hatte. Die Erinnerungen an ihn bringen die harten Abschnitte ihres Lebens sichtbar zurück. Luise Bertrams raue Stimme wird ein wenig leiser, sie sinkt ein Stück weit in sich zusammen. „Mein Mann ist an Krebs gestorben. Mein Sohn auch. Bis jetzt bin ich verschont worden.“

Luise ist froh darüber, froh über ihr hohes Alter. Der viele Sport in ihrem Leben, das Turnen, die Volkstänze, die sie so liebt, das Schwimmen und das Wandern in der schwäbischen Heimat – „das macht sich wohl bemerkbar“.

Auch heute legt sie noch Wert darauf, nicht einzurosten. Sie genießt die regelmäßigen Besuche ihrer Tochter, sie liest immer noch, löst Kreuzworträtsel, singt manchmal ihrer Mitbewohnerin etwas vor. Zu Fuß ist sie nicht mehr so gut unterwegs, aber mit ihrem „Rolli“ kann sie sich noch gut durchs Haus bewegen, draußen auf die schöne Terrasse des Heims fahren, Vorträgen oder anderen Bewohnern beim Singen zuhören.

Wie alt sie noch werden will, kann sie nicht sagen. „Ich freue mich über jeden Tag, den der Herrgott mir schenkt.“ Vielleicht auch weil sie weiß, dass nicht alle Prophezeiungen so gut aufgehen wie die ihrer Mutter: „Meine verstorbene Schwester sagte mir immer: ‚Du wirst nicht so alt, du hast die falschen Gene!‘ Da hat sie meine wohl mit ihren verwechselt.“