Henriette Hennebo, 100

Die Tage sind ruhiger geworden für Henriette Hennebo. Seitdem sie sich im „Martha Haus“, einer Senioren-Wohnanlage in Rahlstedt, nur noch in ihrem Rollstuhl fortbewegen kann, braucht die Hundertjährige die Hilfe des Personals, um ins Foyer oder auf die Terrasse zu kommen. Die anderen Bewohner sieht sie nun seltener. Die Gespräche nehmen ab. „Es wird einsamer“, sagt sie. Hinzu kommt, dass ihre Sehkraft schwindet, lesen geht inzwischen nicht mehr. „Das fehlt mir schon sehr“, sagt sie.

Henriette Hennebo sitzt jetzt noch öfter im Sessel in ihrem Zimmer mit dem großen Fenster und den vielen Fotos und Bildern in Reichweite. Sie nippt an einem Glas mit Multivitaminsaft, dann legt sie die Hände in ihren Schoß. Sie lächelt. Sie kommt zurecht mit alledem. Wie sie mit allem anderen in ihrem Leben zurecht gekommen ist. Sie sagt: „Man kann im Leben nur untergehen oder die Hindernisse überwinden.“

Henriette Hennebo überwindet viel. Den Tod ihres Vaters, der an einer Lungenentzündung stirbt als sie zehn Jahre jung ist. Den Zweiten Weltkrieg, der in ihr geregeltes Leben als Sekretärin in Breslau hereinbricht und sie zur Flucht mit Mutter und Schwester zwingt. Die jahrelange Trennung von ihrem Mann Jochen, den sie noch heiratet, als der Krieg das kleine Familienglück bereits überschattet. „Es war keine schöne Hochzeit“, erinnert sie sich.

Auf der Flucht in den Westen in den letzen Monaten des Jahres 1944, strandet sie mit Mutter und Schwester in Dresden, wo sie die furchtbaren Luftangriffe hautnah miterlebt. „Das waren die schlimmsten Eindrücke meines Lebens“, sagt sie. Irgendwie schafft sie es aus der Stadt. „Wir haben den erstbesten Zug genommen. Irgendwann kam dann eine Durchsage: Endstation Hamburg.“

Hamburg wird einmal Henriette Hennebos neue Heimat werden, auch wenn zunächst noch viele Jahre harter Umstände in Ahrensburg und auf einem Hof bei Kappeln auf sie warten. Sie schläft mit ihrer Familie auf Feldbetten in einer Schule, sammelt Holz im Wald fürs Kochen. „Ja, so war das. Aber wir haben trotz allem gelebt“, sagt sie, als wäre sie selbst ein wenig erstaunt darüber, dass alle diese Erfahrungen in ein einziges Leben passen.

Kinder bekommt sie keine, obwohl sie so gerne wollte. „Vom ersten Tag nach der Hochzeit an.“ Doch es klappt nicht sogleich. Und dann verhindern der Krieg und das harte Leben auf der Flucht, dass sie Mutter wird.

Als ihr Mann aus der Kriegsgefangenschaft zurück ist, arbeiten sich die beiden langsam in ein gutes Leben zurück. Durch glückliche Umstände finden sie eine Wohnung in Volksdorf und ihr Mann Arbeit im Kohlehandel. Sie kommt dank ihrer Fähigkeiten an der Schreibmaschine immer wieder zeitweise zu Arbeit.

Das Leben wird besser. Ihr Mann bekommt eine Stelle in Lüneburg, Henriette verbringt fünf wunderschöne Jahre dort. „Wir hatten eine tolle, helle Wohnung, so hübsch am Kurpark gelegen“, erzählt sie. Sie unternehmen viele Spaziergänge durch die nahen Wälder, fahren am Wochenende mit dem VW in die Heide.

Ein paar Jahre später erkrankt Henriettes Mann an Parkinson. Sie pflegt ihn über Jahre, bis die Symptome so stark sind, dass er ins Krankenhaus muss. Henriettes Mann stirbt im Juli 1973.

40 Jahre ist dann nun her. Doch die Erinnerung an ihn ist bei Henriette immer noch lebendig: „Er konnte so wundervoll Klavier spielen!“ Noch heute lauscht die Hundertjährige am liebsten diesem Instrument. „Den ganzen Tag läuft bei mir das Radio. Ohne Musik würde ich eingehen.“

Wenn im „Martha Haus“ musiziert oder gesungen wird, ist Henriette immer ein aufmerksamer Zuhörer. Sie nimmt teil am Leben in der Senioren-Wohnanlage, vier Jahre war sie sogar Vorsitzende des Rats der Heimbewohner. Erst als das mit dem Schreiben nicht mehr klappte, schied sie aus.

Nun ist sie seit dem 7. April hundert Jahre alt. Wie sie das geschafft hat? „Ich war wohl immer ein zufriedener Mensch“, sagt Henriette Hennebo. „Ich habe gelernt mit den Dingen fertig zu werden“, sagt sie.

Wenn schöne Musik im Radio erklingt, dann steckt sich Henriette Hennebo in ihrem Zimmer ab und zu noch eine Zigarette an. „Das gewöhne ich mir in diesem Leben nicht mehr ab“, sagt sie. Irgendwann ist auch mal genug überwunden für 100 Lebensjahre.