Blankeneses berühmtester Blickfang

Das Schmuckstück wurde 1835 von einem Kapitän angelegt

Die Nachmittagssonne knallt auf Blankenese, als wäre es Positano an der Amalfiküste in Italien. Am Strandweg bleiben amerikanische Touristen vor der Gartenmauer stehen und gucken über die hohen Stockrosen. „This is the most beautiful garden in Blankenese“, sagt der deutsche Begleiter. Ohs und Ahs. Schon von der Straße aus fällt das Ensemble auf: ein weißes Doppelhaus mit blauen Fenstern hinter vier klassisch geschnittenen Linden. Davor ein üppiger Bauerngarten: Mit Buchsbaum eingefasste Beete am Mittelweg voller Rosen, Wicken, Lilien und Rittersporn. Hier könnte man Romane von Fontane oder Heinrich Mann verfilmen. Und das alles mit Blick auf die Elbe.

Hinrich Sautter („Hinner, kein Mensch sagt hier Hinrich“) weiß, dass sein Garten ständig fotografiert wird. Sogar im Merian-Heft „Hamburg“ wird er erwähnt. „Mein Ururgroßvater, der Reeder und Kapitän Schade, hat das Haus 1835 für sich und seinen Sohn gebaut“, sagt er. Und den Bauerngarten gibt es, so lange er denken kann. Sautter geht ins Haus und holt das Beweisfoto, eine Winteraufnahme von 1910: Da sind die Linden schon so hoch wie heute. Deutlich zu sehen: die Gartenmauer, die Haus und Garten bisher vor allen Hochwassern schützte; der Mittelweg zum Haus, daneben die Buchs-Beete, ein Fahnenmast und acht Obstbäume.

Ein paar sind noch übrig, ein alter Boskop, ein Cox Orange. „Auf einen Rotdorn war eine Quitte gepfropft – als die Quitte einging, begann der Rotdorn zu blühen. Das war ein typischer Selbstversorger-Garten“, sagt Sautter. „Als Junge habe ich hier für meine Großmutter noch Kartoffeln gesetzt.“ Sie hielt Hühner, wie viele Blankeneser. Auch das Gartenhäuschen an der Straße stand schon vor 100 Jahren – mit den damals typischen Zierleisten, die heute rot gestrichen sind. Die Magnolie daneben hat Sautter gesetzt, „das hätte man früher nicht getan.“ Für solch exotischen Luxus hatten die Blankeneser Fischer und Handwerker kein Geld.

Vor vielen Blankeneser Schifferhäusern standen früher zwei Spalier-Linden

Sautter, in Berlin geboren, hat als Kind alle Ferien hier verbracht, kam nach dem Krieg wieder, machte eine Buchhändlerlehre und zog mit Ehefrau Gisela 1967 in das Kapitänshaus. Seit den 70er-Jahren lebt in der zweiten Haushälfte die befreundete Architektenfamilie Patschan. Sautters Sohn, der die Buchhandlung führt, und zwei Patschan-Söhne wuchsen hier gemeinsam auf, „die hatten sogar eine Art Gang zusammen, ,Die rote Zange‘“, erzählt Erika Patschan auf der Bank vor dem Haus.

Gärtnerisch vorgebildet war keine der Familien. Aber sie haben mit Elan losgelegt. „Der Boden ist sandig, bei längerer Trockenheit pulvrig“, sagt Sautter. „Deshalb müssen wir Humus ausbringen.“ Trotzdem gedeihen Stauden in der sonnigen Südlage gut: Klatschmohn, Taglilien, Fingerhut, Ehrenpreis, Veronika, Frauenmantel, Stockmalven, Phlox, Pfingstrosen. Dazwischen schummelt sich manches, das Sautter gerne stehen lässt: gelber Rainfarn, Schafgarbe, Königskerzen, Akelei und königsblauer „Dreimaster“ (Tradescantia, auch Gottesauge) mit den hübschen gelben Staubgefäßen in der Mitte.

Vor vielen Blankeneser Schifferhäusern standen früher zwei Spalierlinden. Die vier vor Sautters Kapitänshaus sind was Besonderes: Sie haben zwei „Etagen“. Die untere muss jedes Jahr in Form geschnitten werden –„mit Leiter und Handschere“, damit man im ersten Stock freie Sicht auf die Elbe hat. Die obere Krone bekommt alle zwei bis drei Jahre ihren Rundschnitt. „Wir hoffen, dass sie noch lange gesund bleiben.“ Fehlt eine, wäre die Symmetrie gestört. Das Alte wird hier wertgeschätzt. Sogar Namen. „Die vier häufigsten hier sind ja Breckwoldt, Schade, von Appen und Kröger. Sautter ist süddeutsch“, sagt der 80-Jährige. Aber immerhin: „Meine Urgroßmutter, Tochter von Kapitän Schade, hat einen Breckwoldt geheiratet.“ Dann ist ja alles im Lot.