Rechte für Mieter

"Angst um die Wohnung kann psychisch krank machen"

Die Hamburger Psychologin, Lehrbeauftragte und Buchautorin Antje Flade über die Bedeutung des Wohnens, Umzugsstress und das Recht auf "seinen" Stadtteil.

Hamburger Abendblatt: Was bedeutet Wohnen für Menschen?
Antje Flade: Wohnen bedeutet, irgendwo auf der Welt verortet zu sein, es bedeutet Sicherheit, Geborgenheit und Privatheit, emotionales Verbundensein mit einem Ort und die Möglichkeit, etwas persönlich gestalten zu können, worauf man stolz sein kann.

Wie wichtig ist eine Wohnung für den Menschen?
Flade: Sie ist Teil der eigenen Identität. Wenn man einen Menschen fragt, wer er ist, enthält seine Selbstbeschreibung auch, wo und wie er wohnt. Der hohe Stellenwert der Wohnung zeigt sich rein äußerlich schon daran, dass Menschen hier enorm viel investieren.

Was bedeutet es, wenn man Angst um seine Wohnung haben muss?
Flade: Angst führt zu Stress. Allgemein gilt: Stress entsteht in belastenden Situationen. Wird keine Möglichkeit gesehen, den Stress zu bewältigen, sind Gefühle der Hilflosigkeit die Folge, bei fortdauerndem Stress sind Depressionen, psychische und psychosomatische Erkrankungen ziemlich wahrscheinlich.

Wie wirkt sich diese Verlustangst aus?
Flade: Wer Angst hat, seine Wohnung zu verlieren, erlebt eine extrem belastende Situation. Es ist ein kritisches Lebensereignis, das die eigene Identität betrifft.

Gibt es dazu Untersuchungen?
Flade: Bekannt geworden ist eine Untersuchung aus den 60er-Jahren. Wissenschaftler befassten sich mit den Folgen von Sanierungsprojekten für die davon betroffenen Bewohner. Typisch für die Umsiedlung im Rahmen von Sanierungsprogrammen oder anderen Großprojekten ist, dass die Bewohner nicht entscheiden können, ob sie bleiben oder wegziehen. Der Umzug wird erzwungen. Damals wurden die ehemaligen Bewohner eines Slums in Boston befragt, der abgerissen wurde. In baulicher Hinsicht stellte der Wechsel für die Befragten eindeutig eine Verbesserung dar. Sie kamen in neue Gebäude in einer schöneren Umgebung. Dennoch trauerten viele über ihr verlorenes Zuhause und litten nach der Umsiedlung an Depressionen, und zwar vor allem diejenigen, deren emotionale Ortsverbundenheit besonders eng gewesen war.

Neuere Untersuchungen zeigen ebenfalls, dass die Folgen wesentlich davon abhängen, ob der Umzug selbst gewollt ist oder nicht. Jeder Wohnortwechsel ist ein mehr oder weniger kritisches Lebensereignis, das mit Ablösungs- und Eingewöhnungsprozessen verbunden ist. Hervorgehoben werden von den Umzüglern Stresserfahrungen, gesundheitliche Probleme, Isolation, mangelnde soziale Integration und schlechte schulische Leistungen der Kinder nach dem Umzug.

Die Auswirkungen hängen wesentlich davon ab, welche persönlichen Lebensumstände dazu geführt haben und welche Alternativen es gegeben hat.

Wie hat sich das Wohnen über die Jahrzehnte, Jahrhunderte verändert?
Flade: Schon im Mittelalter gab es das Wort "wonen" . Es bedeutete schon damals Bleiben, Verharren und behagliches Verweilen. Im Kern hat sich hier nichts verändert. Heute haben die Menschen in Deutschland aber erheblich mehr Wohnfläche zur Verfügung als früher.

Wie wohnen die Menschen zukünftig?
Flade: Wahrscheinlich wird in unserer hochmobilen Gesellschaft, in der große Entfernungen zwischen Arbeits- und Wohnort keine Seltenheit sind, das Wohnen an mehreren Orten zunehmen. Der Mensch ist - vor allem in jungen Jahren - ein anpassungsfähiges Wesen.

Werden wir zwangsläufig zu modernen Nomaden, die ihre Wohnung ähnlich häufig wie ihr Auto wechseln?
Flade: Die Umzugsrate wird sich in der Lebensphase zwischen 20 und 35 Jahren bestimmt nicht verringern, eher im Gegenteil. Ein Wohnortswechsel einer Familie lässt sich dagegen nicht so leicht bewerkstelligen wie der Umzug eines Singles. Die Lebensphase wird ein wichtiger Einflussfaktor bleiben. Im Übrigen ist das Auto ein "Mobil", die Wohnung dagegen eine Immobilie. Der Unterschied liegt auf der Hand.

Gibt es ein Recht auf lebenslanges Wohnen in "seinem" Stadtteil, das notfalls von der Politik durchgesetzt wird?
Flade: Das dürfte politisch kaum durchzusetzen sein. Wichtig wäre jedoch, dass man Leute nicht einfach aus der Wohnung hinauswerfen kann, ohne ihnen eine vergleichbare und bezahlbare Alternative im Stadtteil oder in dessen Nähe zu bieten.