Abendblatt-Serie

Biomilch-Hof Hamfelde: Hier darf die Kuh noch Kuh sein

Wo kommen unsere Lebensmittel her? Die vierte Reise führt zum Biomilch-Hof Hamfelde, 36 Kilometer von Hamburg entfernt.

Hamfelde. "Du blöde Kuh!" - Heinz Elfenkämper-Raymann lächelt, als ich ihn frage, woher dieser Spruch kommen könnte. "Von den Kühen ganz sicher nicht, denn sie sind alles andere als dumm", sagt der Landwirt, dem der Hamfelder Hof und 65 Kühe gehören. Von hier stammt die Milch, die wir eingekauft hatten. Der Weg von Hamburg zum Hamfelder Hof ist keine 40 Kilometer weit. Bei Trittau von der Autobahn 24 abfahren, dann durch eine liebliche Landschaft. Als wir auf den Hof einbiegen, wird deutlich: Hier gibt es keine Massentierhaltung. Futtersilo und Kuhstall sind eher klein.

Heinz Elfenkämper-Raymann ist 1996 der Erste, der Biomilch produziert, die länger als drei, vier Tage frisch bleibt. Bereits nach den ersten Wochen wird der Erfolg sichtbar: Die Kunden reißen dem Landwirt die Milch aus den Händen. Spätestens als er bei Edeka gelistet wird, kann er den Bedarf allein nicht mehr decken. Nach vier Wochen entsteht die Erzeugergemeinschaft Hamfelder Hof, der heute 38 Höfe angehören. Die meisten davon liegen in Schleswig-Holstein, ein paar in Niedersachsen, einige wenige in Mecklenburg-Vorpommern. Wer dazugehören will, muss sich strengen Regeln unterwerfen. Grundvoraussetzung ist das Zertifikat von Bioland, dem führenden ökologischen Anbauverband in Deutschland.

Die Prinzipien des Verbandes schreiben vor, wie die Höfe zu wirtschaften haben. Es geht um gesunde Lebensmittel in ausreichender Menge, um humane Lebensbedingungen für die Tiere und den Ansatz, lokal zu wirtschaften. Was auf dem Papier nüchtern klingt, ist für Elfenkämper-Raymann gelebter Alltag. Seine 65 Milchkühe und neun Kälber sind für ihn nicht Produktionsmittel, die zum maximalen Erzeugen von Milch genutzt werden, sondern lebendige Wesen, die Anspruch auf eine faire Behandlung haben. "Kühe sind soziale Wesen", sagt der Landwirt. "Die können sie nicht irgendwo alleine halten, dann verkümmern sie." Sobald der Winter vorbei ist, werden sie auf die umliegenden Weiden gelassen. Dort haben sie frisches Gras, Luft und genügend Auslauf. "Kühe sind Herdentiere, die hin und wieder in Bewegung sein wollen", sagt Elfenkämper-Raymann.

Der Landwirt produziert nach eigenen Angaben jährlich rund sechs Millionen Liter Milch. Drei Millionen Liter werden über die Meierei vertrieben, drei Millionen Liter verkauft er selbst. Bei allem Bemühen um Wirtschaftlichkeit wollen Elfenkämper-Raymann, seine Frau Angelika und sein Sohn Janosch Milch nicht "industriell" produzieren. "Für uns ist wichtig, dass die Tiere vernünftig gehalten werden. Wenn sie im Jahr 1000 Liter weniger Milch geben, dann spielt das keine so große Rolle", sagt der Landwirt.

Jede seiner Kühe gibt im Jahr durchschnittlich 7300 Liter Milch. "Das ist ausreichend", befindet der Landwirt. Eine derartige Leistung liefert eine Kuh ohne Probleme. "Wenn man ihr Kraftfutter gibt, liefert sie auch 12.000 Liter." Das mag zwar den Preis senken, aber die Qualität leidet auch. "Wir wollen, dass unsere Milch noch Inhaltsstoffe hat."

Elfenkämper-Raymann sieht Massentierhaltung und die Optimierung der Milchproduktion kritisch. Vor allem wegen der Tiere. "Wir wollen ja auch nicht die ganze Zeit im Sprint laufen", sagt er und fügt hinzu: "Wenn eine Kuh drei Jahre lang Milch gibt und dann zum Schlachter muss, weil sie fertig ist: Das kann es nicht sein." Elfenkämper-Raymann will Kühle haben, die zehn Jahre Milch geben können. "Gegenwärtig liegt unser Herdendurchschnittsalter bei sechs Jahren." Die Milchproduktion ist eine der Branchen, in der die Effizienzsteigerung der vergangenen Jahrzehnte besonders deutlich zu erkennen ist. "Wenn eine Kuh heute im Jahr 7000 Liter Milch gibt, dann ist das doppelt so viel wie vor 50 Jahren", sagt Elfenkämper-Rayman.

Milch gehört zu den Grundnahrungsmitteln in Deutschland und ist deshalb ein viel gehandeltes Gut. Im Jahr 2011 trank jeder Deutsche im Durchschnitt rund 55 Liter Milch. Das Problem: Weil die Leistung von Milchkühen immer weiter gesteigert wurde, ist der Wert der Milch in der öffentlichen Wahrnehmung gesunken.

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Daher ist Milch hierzulande besonders billig. Zweimal im Jahr - im Frühjahr und im Herbst - feilschen Handel und Molkereien über den Literpreis. Die Discounter spielen dabei ihre Markmacht aus - auch weil deutsche Milchbauern in europäischer Konkurrenz stehen - und drücken die Preise. 51 Cent pro Liter Milch gelten als eine Art Schallmauer, die der Discounterkunde zu zahlen bereit ist. Dem Milchindustrieverband zufolge gab im Jahr 2010 ein deutscher Haushalt rund 314 Euro für Milchprodukte aus. Im europäischen Vergleich sind Milch und Käse nirgends so billig wie hierzulande. Franzosen, Spanier oder Briten müssen etwa ein Viertel mehr dafür bezahlen.

Die 1,29 Euro, die wir für einen Liter Biomilch vom Hamfelder Hof bezahlt haben und von denen Elfenkämper-Raymann 43 Cent erhält, sind da eine andere Dimension. "Hamburg ist für uns der Markt, der unsere Art zu wirtschaften erst ermöglicht", sagt der Landwirt. In der Hansestadt leben ausreichend Menschen, die bereit sind, für qualitativ hochwertige Lebensmittel mehr Geld auszugeben. Es geht dabei aber nicht nur um die Qualität der Lebensmittel. Bei seiner Milch, seiner Butter und seinem Käse kommt hinzu, dass die Kunden sich auf eines verlassen können, dass drin ist, was draufsteht.

So ist der Landwirt beim Futter kompromisslos: Seine Tiere bekommen vor Getreide Kleegrassilage und Heu. Im Melkstall kommt etwas Gerstenschrot hinzu. Mais gibt es nicht. "Mais kann man gentechnisch verändern, und mir ist die Gefahr zu groß, dass wir mal eine solche Charge dazwischenbekommen", sagt Elfenkämper-Raymann.

Um ganz sicher zu gehen, dass nur gutes Futter verwendet wird, baut der Landwirt seine Futtermittel Kleegras und Getreide selbst an. "Wenn wir Getreide zukaufen müssen, dann kaufen wir Biolandware bei Bauern zu, die wir kennen." Um die Transporte gering zu halten, arbeitet Elfenkämper-Raymann mit Höfen aus der Umgebung zusammen. Erste Ansprechpartner sind die Mitglieder der Erzeugergemeinschaft Hamfelder Hof.

Seine Kühe hat Elfenkämper-Raymann in einem großzügig angelegten Laufstall untergebracht. "Die Tiere haben Platz zum Umherlaufen", sagt der Landwirt und zeigt auf eine größere freie Fläche im Stall. Zudem steht für jede Kuh ein Liegeplatz zur Verfügung.

Regionale Versorgung bedeutet für den Landwirt nicht nur, dass seine Milch in erster Linie in einem Umkreis von bis zu 150 Kilometern verkauft wird. Regionale Versorgung heißt für ihn auch, dass seine Futtermittel nicht Tausende Kilometer durch die Welt gekarrt werden. "Wir arbeiten auch mit örtlichen Handwerkern zusammen", sagt Elfenkämper-Raymann. "Wir wollen die Wertschöpfungskette möglichst hier in der Umgebung halten." Große Futtermittelhändler sind kaum Geschäftspartner von Elfenkämper-Raymann. Man sieht es der Ware nicht an, wenn sie gentechnisch verändert oder mit Schadstoffen verunreinigt ist. "Ich muss mich darauf verlassen, dass das beigelegte Zertifikat echt ist und die Ware geprüft wurde." Insofern ist regionale Landwirtschaft aus Sicht von Elfenkämper-Raymann eine Möglichkeit, Lebensmittelskandale zu verhindern.

Vielleicht zeigen die Skandale der jüngeren Vergangenheit in besonders drastischer Art und Weise Grenzen von Globalisierung auf. Wenn Gift in Lebensmitteln auf unserem Tisch steht, wird uns klar, dass wir bei der Jagd nach den billigsten Lebensmitteln nicht ewig ausblenden können, dass irgendwo anders auf der Welt Menschen, Natur und Tiere darunter leiden. Heinz Elfenkämper-Raymann ist von seiner Art, zu wirtschaften, überzeugt, aber bei Weitem kein Träumer. Eigentlich hatte er Handelskaufmann werden wollen, erzählt er. Wir sitzen inzwischen an einem geräumigen Tisch in der Küche seines Hauses. Weil an diesem Morgen viel zu tun war, kommt er erst jetzt zum Frühstücken. Der Vater setzte seinerzeit durch, dass der heute 58-Jährige nach der mittleren Reife in die Landwirtschaft ging. "Damals hatte man als Kind nicht viel zu sagen." Ein Jahr lernte Elfenkämper-Raymann das Geschäft auf einem Hof in der Nähe, das zweite Jahr arbeitete er auf dem Hof des Vaters. Landwirtschaftsschule und Fachschule schlossen sich an.

Den Beruf würde Elfenkämper-Raymann wieder ergreifen. "Aber ich weiß nicht, ob ich in Deutschland wieder Landwirt werden wollte." Er würde nach Norwegen gehen. "Dort wird die Landwirtschaft geschützt und als wichtiger Faktor für die Versorgung der Bevölkerung angesehen." Den "Konflikt" um die Landwirtschaft macht er auch am Umgang mit Agrarflächen fest. So geht der Boom der nachwachsenden Rohstoffe zulasten vieler Landwirte, weil viel zu oft nur noch Mais angebaut wird. Für Milchbauern bedeutet das eine dramatische Erhöhung der Kosten. Pachten und Verkaufspreise für Ackerland sind in den vergangenen Jahren geradezu explodiert.

"Wir haben Glück", sagt Elfenkämper-Raymann. Von den 110 Hektar, die er für den Anbau von Getreide und Klee benötigt, gehören 92 Hektar ihm. 700 Euro muss er im Jahr für jeden der zusätzlich gepachteten 18 Hektar bezahlen. Ein Minusgeschäft, dass sich nur durch Quersubventionierung rechnet. "Wir können die Pacht aufbringen", sagt er. Andere Bauern bringen die gestiegenen Kosten in wirtschaftliche Not. "Manchmal sieht man es am Zustand der Höfe, der Ställe. Da reicht das Geld kaum mehr, alles instand zu halten."