"Die Stadtverdichtung ist eine ökologische Notwendigkeit"

Gerade deshalb wachse die Bedeutung der öffentlichen Parks, sagt der Landschaftsarchitekt Udo Weilacher

Professor Dr. Udo Weilacher, Jahrgang 1963, erforscht an der TU München die Verbindung aktueller Landschaftsarchitektur und Gartenkunstgeschichte mit zukunftsweisenden Entwicklungen von Stadt- und Kulturlandschaften.

Hamburger Abendblatt:

"Stadtverdichtung" hat für viele Hamburger einen negativen Klang. Ist Hamburg noch nicht dicht genug bebaut?

Udo Weilacher:

Überall auf der Welt verzeichnen Städte den größten Bevölkerungszuwachs, auch Hamburg wächst. Die Zukunft der Menschheit wird eine urbane Zukunft sein. Deshalb ist eine angemessene Dichte eine ökologische Notwendigkeit. Im europäischen Vergleich ist Hamburg nicht sehr dicht bebaut, insbesondere in den Stadtrandbezirken.

Wozu brauchen wir denn Stadtverdichtung?

Weilacher:

Aus vier Gründen. Erstens: Unverbauter Boden ist eine nicht vermehrbare Ressource, die wir schonen müssen. In Deutschland verbrauchen wir davon aber laut der jüngsten Statistik immer noch 87 Hektar pro Tag, das ist viel zu viel. Zweitens: Verdichtung ist nötig, damit wir die Kulturlandschaft um die Städte herum vor weiterer Zersiedelung schützen. Sonst werden die Natur- und landwirtschaftlichen Flächen immer knapper. Drittens haben Städte, die ohne Verdichtung weit ins Umland reichen, einen enormen Energieverbrauch für Mobilität, zum Beispiel durch den Pendlerverkehr. Viertens: Wenn wir unsere Klimaschutzziele erreichen wollen, müssen wir auch unsere Städte dichter und damit energieeffizienter gestalten.

Es heißt doch immer, Deutschland sei schon dicht besiedelt.

Weilacher:

Verglichen mit anderen haben unsere Städte noch ein erhebliches Verdichtungspotenzial, auch Hamburg mit 2397 Einwohnern pro Quadratkilometer. Deutschlands dichtest besiedelte Stadt ist München mit 4400 Einwohnern/qkm, in Kopenhagen sind es sogar 6300 Einwohner, ohne dass man Kopenhagen als Moloch bezeichnen würde. Wenn wir an extrem verdichtete Städte denken, dann eher an New York City mit 27.000 oder Hongkong mit 54.000 Einwohnern/qkm, das ist mehr als das Zehnfache dessen, was wir hier erreichen. Zum Vergleich: In Einfamilienhausgebieten nördlich von Hamburg liegt die Dichte bei 364 Einwohnern pro Quadratkilometer. Wir können es uns in Zukunft aber nicht mehr leisten, für jeden Quadratmeter, den wir in der Stadt nicht nutzen, einfach draußen in der Landschaft neue Flächen in Anspruch zu nehmen.

Müssen dann mehr Hinterhöfe bebaut werden, sollen mehr Kleingärten verschwinden und mehr Hochhäuser wie in New York entstehen?

Weilacher:

Nein, das kann nicht das Modell sein. Verdichtung heißt, mit den Flächen effizienter umzugehen.

Was heißt das konkret?

Weilacher:

Die alten Parks, zum Beispiel der Stadtpark oder der Altonaer Volkspark, zählen zu den wertvollsten Freiraumelementen von morgen. Sie müssen unbedingt erhalten und qualifiziert gepflegt werden. Wenn wir die Attraktivität der Innenstädte nicht verlieren wollen, dürfen wir jetzt nicht ausgerechnet solche Flächen dezimieren, die schon hohe Wertschätzung in der Bevölkerung genießen. Zweiter wichtiger Punkt: Die vorhandenen Grünflächen müssen besser miteinander vernetzt werden, nicht nur aus stadtklimatischen Gründen. Häufig gewinnen sie noch an Wert, wenn sie durch Fuß- oder Fahrradwege verknüpft sind. Gleichzeitig muss die Stadt Brachflächen konsequenter zur Nachverdichtung nutzen. In Zukunft sollten wir auch überlegen, ob Freiflächen, die bisher nur einseitig dem Sport oder zur Dekoration dienten, von mehr Menschen genutzt werden können. Muss ein Parkplatz nur ein Parkplatz sein, 24 Stunden am Tag? Und viele Infrastrukturprojekte, zum Beispiel Hochwasserschutzanlagen oder Bahngelände, lassen sich mit neuen Stadtgrünprojekten verbinden. Ein gutes Beispiel in Hamburg sind die Freiflächen um den Spreehafen, die für die Anwohner und Spaziergänger erschlossen werden.

Für die verdichtete Stadt der Zukunft gibt es viele Ideen, etwa begrünte Häuserfassaden und sogar einen "vertikalen Wald", den der italienische Architekt Stefano Boeri gerade baut.

Weilacher:

Das sind exklusive Kunstwerke. Aber: Der technische Aufwand für solche Projekte ist enorm, der Pflegeaufwand ist sehr hoch. Diese komplexen Systeme müssen über computergesteuerte Programme ständig mit Wasser und Dünger versorgt werden. Wenn die Kommunen heute schon Probleme haben, die bestehenden Grünflächen zu pflegen, sind solche Wandbegrünungen x-fach aufwendiger. Ich bin skeptisch: Das sind zwar schöne Hingucker, aber da werden uns High-Tech-Lösungen verkauft, die nicht sparsam, nicht nachhaltig und störanfällig sind. Diesen grünen vertikalen Wald möchte ich mal in zehn Jahren sehen.