Elbvertiefung

"Die Stadt braucht einen Qualitätshafen"

Vorsitzender des Nabu Hamburg und Ex-Senator, Alexander Porschke, hat Klage gegen Elbvertiefung maßgeblich mit vorangetrieben.

Hamburg. Das Haus ist alt, aber das Interieur ganz neu in der Geschäftsstelle des Nabu Hamburg in der Klaus-Groth-Straße am Berliner Tor. Viel helles Holz am Boden und an den Möbeln prägt die Etagen, Motive aus dem Naturschutz zieren die Wände. Anfang des Jahres ist der Verband aus Eimsbüttel hierhin umgezogen. "Das ist nicht die schickste Gegend von Hamburg, aber die Lage ist sehr zentral, und das Gebäude gehört der Nabu-Umweltstiftung Hamburg", sagt Alexander Porschke, der 1. Vorsitzende des Nabu Hamburg.

Der Schutz von Natur und Umwelt ist das Thema der Organisation inmitten einer lärmenden, hochtourigen Wirtschaftsmetropole. Bei Mitgliedern und Förderern wirbt der Nabu mit einem breiten Engagement: Der traditionelle Vogelschutz zählt dazu, für den der Vorläufer des Verbandes 1899 in Stuttgart gegründet worden war, die Qualität von Gewässern, die Artenvielfalt, der Klimaschutz.

Seine wichtigste Auseinandersetzung allerdings führt der Nabu Hamburg derzeit um das Herz der Hamburger Wirtschaft. Der Verband klagt gemeinsam mit dem BUND und anderen Beteiligten gegen die Planfeststellung zur Elbvertiefung und -verbreiterung. Damit stehen die Umweltschützer in direkter Konfrontation mit der mächtigen Hafenwirtschaft der Hansestadt. Und Porschke, 58, von 1997 bis 2001 Hamburgs Umweltsenator, ist einer der Strategen hinter der Verbandsklage.

Seit der Mitte des vergangenen Jahrzehnts laufen die Planungen für das Großprojekt, mit dem die Fahrrinne des Stroms für immer mehr immer größere Schiffe präpariert werden soll. Im vergangenen Oktober aber stoppte das Bundesverwaltungsgericht den Vollzug der Planfeststellung. Die Richter wollen den 2500 Seiten umfassenden Beschluss eingehend auf mögliche Rechtsverstöße prüfen. Das kann bis Ende 2013 dauern, vielleicht auch länger. Der Ausgang des für die Stadt so wichtigen Verfahrens ist völlig offen.

In der städtischen Politik und in der Hafenwirtschaft zürnt man gegen den unerwartet deutlichen Zwischenerfolg der Kläger. Der Präsident des Unternehmensverbandes Hafen Hamburg (UVHH), Eurogate-Manager Gunther Bonz, würde den beteiligten Umweltverbänden am liebsten städtische Zuwendungen kürzen. Der Rechtsanwalt und frühere Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau (SPD) wettert gegen das Recht der Verbandsklage für Naturschutzverbände. Das bringe "Vetokratie" anstelle von Demokratie.

Die Konfrontation wird laut und hart geführt. Porschke lässt sich vom Druck nicht beirren. Er hat in seinem Berufsleben viele politische Schlachten geschlagen und Klagen ausgestanden. "Hamburg muss ein Qualitätshafen sein, und Qualität bedeutet nicht allein die Höhe des Umschlags, sondern auch das gute Einvernehmen aller, die vom Hafengeschehen betroffen sind", sagt er in seinem frisch installierten Büro. "Wir wollen eine lebendige Tideelbe in einem guten ökologischen Zustand. Die Hafenwirtschaft will einen maximal befahrbaren Wasserweg. Das zeugt von einer Wagenburgmentalität, die längst nicht mehr in die Zeit passt."

Das Spannungsverhältnis zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltschutz kennt Porschke in allen Facetten. Als er, einst Gründungsmitglied der Hamburger Grünen, Umweltsenator war, ebnete er der Werkserweiterung von Airbus in das Mühlenberger Loch politisch den Weg. Für die SPD war die teilweise Zuschüttung des Wattgebiets eine unverhandelbare Bedingung für eine Koalition mit den Grünen. Die fügten sich, und Porschke stand dafür gerade. "Bei der Erweiterung der Airbus-Werft gab es einen erheblichen Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie. Die Ökologie hat für das Ergebnis einen hohen Preis gezahlt. Aber zumindest gab es für die Stadt durch die Erweiterung des Flugzeugwerks einen großen ökonomischen Nutzen. Den kann ich bei einer Fahrrinnenerweiterung der Elbe beim besten Willen nicht erkennen."

Die Hafenunternehmen und die Reedereien, die Hamburg anlaufen, wollen für die Schiffe eine möglichst ungehinderte Zufahrt in die Stadt und aus ihr heraus. Größere Tiefgänge der Frachter sollen nach der Ausbaggerung bestimmter Stellen im Flussbett möglich sein. Zugleich sind zwischen Glückstadt und Hamburg Zonen geplant, um die Begegnungsverkehre besonders breiter Schiffe zu erleichtern. Die Umweltverbände und Anlieger an der Unterelbe fürchten als Folge erhebliche Beschädigungen des Ökosystems, aber auch gravierende logistische Nachteile: "Der Eintrag von Sedimenten ist durch die letzte Elbvertiefung in den 1990er-Jahren schon massiv gestiegen. Die geplante Elbvertiefung fände auf der Grundlage einer erheblichen Vorbelastung statt. Man kann die Strömungsgewalt der Nordsee nicht einfach umlenken", sagt Porschke.

Rund 3200 große Containerschiffe liefen im Jahr 2011 den Hafen an, 400 davon mussten zum Auslaufen die Flut nutzen. Auch große Massengutfrachter benötigen dafür das Hochwasser. Der Anteil besonders großer Schiffe an den gesamten Anläufen im Hamburger Hafen steigt weiter. "Es ist klar, dass die Reedereien mit besonders großen Schiffen und auch die Terminalbetreiber in Hamburg ein wirtschaftliches Interesse an der Erweiterung der Fahrrinne haben", sagt Porschke. "Aber das ist nicht automatisch das öffentliche Interesse der Hansestadt."

Die Schlichtung von Konflikten blieb auch nach der Politik ein Schwerpunkt in Porschkes Arbeit. Er gründete die Beratungsgesellschaft Gumeko, die unter anderem Umwelt- und Entwicklungshilfeprojekten vermittelt. Für den Hafen sieht der gebürtige Hamburger beste Chancen: "Die Reedereien werden auch künftig mit großen Schiffen Hamburg anlaufen, weil der Hafen weit im Inland liegt und weil ein hoher Anteil der Ladung zur Verarbeitung in der Region bleibt. Und das Umladen auf Feederschiffe in anderen Hafenstädten käme die Reeder wegen des dafür nötigen zusätzlichen Umschlagvorgangs teurer als der direkte Transport", sagt er. "Der Hafen liegt fast im Zentrum der Stadt. Das bringt viele Vorteile, aber auch natürliche Beschränkungen, die die Beteiligten akzeptieren müssen."

Im Hauptberuf leitet Porschke sein Unternehmen, ehrenamtlich führt er den Nabu Hamburg. Der Verband zählt 16 angestellte Mitarbeiter und mittlerweile fast 21.000 Mitglieder. Wie es mit der Klage gegen die Elbvertiefung vorangeht, vermag er nicht zu sagen. Aber seine Rolle hat er für sich klar definiert: "In vieler Hinsicht bin ich jetzt freier als zu meiner Amtszeit im Senat", sagt er zum Abschied. "Heutzutage kann ich mich viel stärker auf die Belange des Naturschutzes konzentrieren."