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Arbeitsunfähigkeit - Wenn der Beruf krank macht

Im Beruflichen Trainingszentrum in Barmbek-Süd werden Menschen auf die Rückkehr ins Arbeitsleben vorbereitet.

Das Kaufhaus, die Hölle. Da waren die Chefs, die Personal abbauten und immer mehr Arbeit von ihm forderten. Per Mausklick in ihren Warenprogrammen sorgten sie dafür, dass die Regale in Manfred Lenzens Abteilung überquollen.

Da waren die Kunden. Die frech zu Manfred Lenzen waren, Waren umtauschen wollten, nach Informationen verlangten, ihn beschimpften.

Manfred Lenzen (Name geändert) ist auch an seinen hohen Ansprüchen gescheitert: Seine Regale sahen immer "pico" aus, sagt er, nach Farben geordnet. Und nach Größen: 176 Größen gab es bei ihm. Doch die Chefs und die Kunden machten seine Ordnung kaputt. Und die Kunden wurden immer unverschämter. Manfred Lenzen bekam Angst vor ihnen. Er versteckte sich hinter Kleiderständern vor ihnen.

Die Angst wurde stärker. Er unternahm einen Suizidversuch, kam ins Krankenhaus, ging wieder zur Arbeit. Er wurde ja gebraucht. Doch er schaffte es nicht. "Ich kann nicht mehr zurück", sagt Manfred Lenzen, "es geht nicht. Das tut mir eigentlich leid." Es ist bizarr: Gegenüber dem Arbeitgeber, der ihn krank gemacht hat, ist er bis heute loyal.

Lenzen will wieder arbeiten. Deshalb hat der 49-Jährige in einem verglasten Büro inmitten einer Großküche Platz genommen. Vor ihm sitzt Thomas Volkmann, ein Ergotherapeut, und erklärt ihm, was er machen soll: Birne Helene. Von der Herrenabteilung mit 176 Größen zu Birne Helene - Lenzen sieht das als Abstieg, klar. "Aber soll ich den ganzen Tag zu Hause sitzen?"

Lenzen wird als Küchenhelfer angelernt. Das bezahlt die Rentenversicherung, damit er eines Tages wieder in die Rentenkasse einzahlen kann. Sein Arbeitsplatz ist für fast ein Jahr das Berufliche Trainingszentrum Hamburg in Barmbek-Süd. Ein riesiger Bürokomplex, in dem sich eine Küche, ein Hauswirtschaftsbereich, Computerarbeitsplätze, eine Werkstatt befinden.

Die Menschen, die ins Berufliche Trainingszentrum kommen, wollen arbeiten. Deswegen kommen sie jeden Arbeitstag hierher, von morgens bis abends. Weil sie etwas leisten wollen. Weil Arbeit in Deutschland bedeutet, dass man zur Gesellschaft dazugehört. Die Menschen, die hierherkommen, mussten sich teilweise mit der Rentenversicherung, der Arbeitsagentur, der Krankenversicherung streiten, bis sie kommen durften. Ein Platz im BTZ ist teuer. Wie teuer, das will das BTZ nicht mitteilen.

Das BTZ, das heute sein 25-jähriges Bestehen feiert, ist keine Sozialstation. Sondern ein Unternehmen, das für die Rentenversicherung und die Agentur für Arbeit tätig ist. Das BTZ steht im Wettbewerb mit anderen Unternehmen auf dem Markt. Und der Markt wird immer größer: Immer mehr Arbeitnehmer sind psychisch krank. Im Jahr 2010 gab es in Deutschland 54 Millionen Arbeitsfehltage wegen psychischer Erkrankungen. Binnen zehn Jahren hat sich der Anteil der psychischen Erkrankungen an allen Arbeitsunfähigkeitstagen verdoppelt und liegt bei 13 Prozent.

Die Techniker Krankenkasse (TKK) hat die Fehltage ihrer Hamburger Versicherten untersucht. Ergebnis: Jeder Hamburger Versicherte der TKK hat 2011 im Schnitt drei Tage wegen Depressionen, Neurosen oder Belastungsstörungen gefehlt. Dieser Wert liegt 41 Prozent über dem Bundesdurchschnitt - Hamburg liegt in der TKK-Untersuchung bundesweit auf Platz eins.

Manfred Lenzen stützt den Kopf in die Hände und starrt auf das Birne-Helene-Rezept. Das Rezept ist für zwölf Personen, er soll aber 100 Portionen machen. "Haben Sie eine Idee, wie Sie es umrechnen?", fragt Ergotherapeut Volkmann. Lenzen tippt auf einen Taschenrechner ein, flucht leise vor sich hin, wird nervös. "Das werde ich nie lernen", sagt er. Volkmann erklärt es ihm, langsam, geduldig, ohne ihm vorzuhalten, dass ein Grundschüler diese Aufgabe lösen könnte: durch zwölf teilen, dann mal 100 nehmen.

Zusammen mit Manfred Lenzen sind an diesem Morgen drei junge Frauen im Eingangstraining. Eine von ihnen weiß nicht, was ein Mörser ist. Volkmann holt einen und zeigt ihr den Stößel, das Gefäß. Dann holt er eine Staude Sellerie. Weil die junge Frau nicht weiß, was das ist.

Lenzen tippt. Er braucht zehn Minuten, bis er fertig ist. Er sammelt die Zutaten zusammen und geht in die Küche. Jetzt muss er Schokopudding kochen, die Birnen auf einem Teller anrichten, darüber den Pudding und ein Häubchen Sahne. "Ist nicht so schwer", sagt er. Manfred Lenzen sagt, dass ihm das hier keinen großen Spaß macht. Aber in der Küche gebe es keine Kunden. Heute Mittag wird es in der Kantine Birne Helene geben. Von Manfred Lenzen. Und von Thomas Volkmann, der ihm immer wieder hilft.

"Eingangstraining" nennen sich die ersten Wochen am BTZ. Wer hierherkommt, wird von einem Ergotherapeuten betreut. Der findet heraus, was die Menschen können. Und was nicht. Wo die Grenzen liegen. Kopfrechnen, Kommunikation, Arbeiten unter Stress. Das Kochen hier in der Küche funktioniert immer nach dem gleichen Muster: Arbeitsschritte erklären, Küchengeräte und Zutaten zusammensuchen, kochen. Die Teilnehmer sollen wieder Struktur in ihr Leben bekommen. Viele müssen lernen, morgens um 8 Uhr pünktlich zu sein.

Nach sechs Wochen übergibt der Ergotherapeut an einen beruflichen Trainer. Im BTZ können die Teilnehmer eine Ausbildung machen - etwa zum Koch, zum Hauswirtschaftshelfer, zur Fachkraft im Gastgewerbe. Sie können sich auch auf eine Ausbildung vorbereiten. Oder auf den Wiedereinstieg in ihren alten Job - nur dass sie hier herausfinden, was sich ändern muss.

So wie Cordula Grundmann (Name geändert). Grundmann sitzt in einem Großraumbüro vor ihrem Computer. Sie arbeitet an ihrem Lebenslauf. Weil ihr Leben aus dem Rhythmus geraten ist. Grundmann ist 51 Jahre alt, tiefe Ringe zeichnen sich um ihre Augen. Sie wirkt abgekämpft, aber ruhig. Die Ruhe hat sie hier am BTZ gelernt.

Sie hat in der Verwaltung einer Sozialeinrichtung gearbeitet. Verträge verschickt, Rechnungen geschrieben, Umsätze ermittelt. Bis sie zusammenbrach. Das war am 25. Januar 2010, das Datum wird sie nicht los. "Ich habe angefangen zu heulen und konnte mich nicht mehr beruhigen", sagt sie. Was war passiert?

Cordula Grundmann war lange arbeitslos, vier Jahre, vier Monate, 24 Tage, auch diese Daten wird sie nicht los. "Das war der erste Knacks." Sie heuerte bei einem Zeitarbeitsunternehmen an. Sie nahm Wochenverträge in Kauf, Monatsverträge, von denen nicht sicher war, ob sie verlängert wurden. Aber schließlich bekam sie einen festen Job: bei der Sozialeinrichtung. Doch dort wurde es noch schlimmer. Sie fühlte sich schlecht eingearbeitet, ihr Chef bombardierte sie mit neuen Aufgaben. Dann kam der Zusammenbruch.

Cordula Grundmann will wieder im kaufmännischen Bereich arbeiten. Weil das Kaufmännische ihr Spaß macht, weil sie ihre erlernten Fähigkeiten nicht aufgeben will. Im Mai kam sie ins BTZ. Ihr Eingangstrainer gab ihr ein Blatt Papier. Darauf waren Buchstaben zu sehen. Cordula Grundmann sollte im Buchstabensalat Wörter finden. Auf einem weiteren Blatt Papier waren zwei kleine Wellen und ein Strich eingezeichnet - sie sollte daraus ein Bild malen. Aber ihr fiel nichts ein. Es war schwer, sich zu konzentrieren, aber mit der Zeit wurde es besser.

Cordula Grundmann erledigt die Post des BTZ und sitzt am Empfang. Sie bearbeitet Urlaubsanträge und führt die Anwesenheitslisten. Sie lernt am Computer die neuesten Versionen der Verwaltungsprogramme kennen.

Sie fand heraus, warum sie zusammengebrochen war. "Ich muss auf mich aufpassen", sagt sie. Aufpassen, dass die Arbeit sie nicht auffrisst. Nicht immer 150 Prozent geben, auch mal 100. Nein sagen. Im August hatte sie einen Zusammenbruch. Sie hatte sich zu sehr in ihre Aufgaben am BTZ reingestresst. Sie zitterte, weinte. Sie sagt, dass sie seitdem weiß, wann sie auf sich achten muss.

Vor Kurzem hat sie sich in einem Rollenspiel auf Vorstellungsgespräche vorbereitet. Auf ihre schwere Zeit will sie offen eingehen: "Ich werde sagen, dass ich eine Auszeit genommen habe aus persönlichen Gründen." Ob sie auf Nachfragen noch konkreter werden möchte, weiß sie noch nicht.

Manfred Lenzen und Cordula Grundmann kennen das Berufsleben. Weil sie Jahrzehnte gearbeitet haben. Sie wissen, wie es sich anfühlt, gemobbt zu werden. Sich ausgebrannt zu fühlen.

Ali Nazar (Name geändert) ist 21 Jahre alt. Er war noch nie in einer Firma angestellt, und doch hat auch ihn die Arbeit krank gemacht. Die Arbeit an seiner Schule, an der Uni.

Nazar hat an diesem Tag einen Termin bei seiner psychosozialen Betreuerin Anja von Blomberg. Seit sieben Wochen ist er hier, er hat das Eingangstraining gemacht, bald beginnt sein berufliches Training. Jeder Teilnehmer hier hat einen psychosozialen Betreuer für die ganze Zeit am BTZ. "Wie geht's denn so?", fragt von Blomberg. Nazar sieht sehr jung aus für sein Alter, doch wenn er spricht, dann spricht da ein sehr ernster junger Mann. Er sitzt in Blombergs Büro, in einem tiefen Sessel, eine Salzstein-Lampe taucht den Raum in warmes Licht. Nazar erzählt: Sein Bruder hatte einen Autounfall - und er, Ali, habe sich um die Versicherung, die Verschrottung kümmern müssen. Außerdem hatte er ein Bewerbungsgespräch, die Vorbereitung kam wegen der Unruhe in der Familie zu kurz. Ali sollte in dem Vorstellungsgespräch einen Vortrag über sich selbst halten. Und fühlte sich unsicher.

Wie damals in der Schule. Ali Nazar stammt aus Afghanistan, seine Eltern flohen nach Deutschland, da war er drei Jahre alt. In der Schule bekam er Probleme mit seinem Lehrer. Der mochte ihn nicht, wegen seiner Herkunft, sagt Nazar. "Wir sind ja hier nicht in Afghanistan", habe der Lehrer gesagt. Vor einer Klassenfahrt zerstritt er sich mit seinem besten Schulfreund, danach war die ganze Klasse gegen ihn. Die Reise nach London wurde zum Auslöser seiner psychischen Krankheit. Nazar bekam Wahnvorstellungen, fühlte sich verfolgt, Stimmen riefen seinen Namen. Zurück in Deutschland, musste er in eine psychiatrische Klinik für Jugendliche. Nach wenigen Tagen ging es ihm besser, auf eigenen Wunsch wurde er entlassen. Nazar machte Abitur, fing an zu studieren, BWL in Wedel, doch das Fach überforderte ihn. Er probierte es mit Medizintechnik, doch auch das schaffte er nicht. Er machte mit Freunden eine Reise durch Europa. Als er zurückkehrte, fühlte er sich wieder verfolgt, Stimmen riefen seinen Namen. Er fühlte sich als Versager, wegen des abgebrochenen Studiums. Wieder war eine Reise der Auslöser, obwohl die Reise sehr schön gewesen war. Mittlerweile hat er mit seinem Psychotherapeuten darüber gesprochen. Es könne sein, sagt er, dass Ali Nazar die Flucht seiner Eltern verarbeite, obwohl er damals drei war. Nach seinem letzten Klinikaufenthalt kam Nazar ins BTZ.

Zuerst machte er ein Eingangstraining für kaufmännische Berufe. Er sollte die Rechtschreibung üben, Fehler in Fremdwörtern finden. Er sollte Mathe-Aufgaben lösen, am Anfang ganz einfache aus dem Einmaleins, später auch schwerere. Er schrieb Briefe am Computer, fügte Tabellen ein. Und er wurde im Kiosk des Hauses eingesetzt. Nazar verkaufte Brötchen, Zigaretten und Getränke. Später war er für die Kasse zuständig. Er soll dadurch den Umgang mit anderen Menschen lernen.

Anfangs kam Nazar um 8 Uhr ins BTZ, blieb bis 13 Uhr, jetzt ist er täglich bis 16.30 Uhr da. Sein Stundenplan beinhaltet Zeitfenster, in denen er frei arbeitet, seine Aufgaben löst. Und feste Termine wie die im Kiosk oder bei Anja von Blomberg.

Seine Familie ist ein großes Thema in den Gesprächen. Von Blomberg findet, dass Nazar zu hohe Ansprüche an sich selbst hat und deshalb zu große Verantwortung in der Familie übernimmt. "Sie müssen auch einmal Nein sagen", fordert sie ihn auf, Nazar nickt. Er weiß es ja. Vielleicht habe es mit seiner afghanischen Kultur zu tun, in der die Familie überwichtig ist, sagt er.

Er möchte kein Studium mehr machen, sondern eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Darauf will er sich in den kommenden Monaten am BTZ vorbereiten. "Ich möchte an mir arbeiten", sagt er. Anja von Blomberg möchte, dass Ali Nazar nicht mehr so ernst ist. Dass er hier ein bisschen Jugend nachholt.

Ob Manfred Lenzen, Cordula Grundmann und Ali Nazar das eine Jahr schaffen, ist unklar. Alle drei sind parallel zum BTZ in psychiatrischer Behandlung, Medikamente helfen gegen die Angststörungen, die Depressionen. Aber auch intensives Training und Medikamente reichen manchmal nicht aus, um wieder arbeiten zu können.

Seit der Gründung des BTZ Hamburg kamen 3600 Menschen hierher, 2500 davon blieben bis zum Ende der Maßnahme. 1500 wurden erfolgreich in Arbeit vermittelt.

Das Scheitern gehört dazu, sagt auch Jürgen Schwarck, der Geschäftsführer des BTZ. Die Betreuer gaukeln ihren Rehabilitanden keine falsche Sicherheit vor, sondern reden offen über Arbeitsdruck und üben das Arbeiten unter Druck auch ganz konkret. "Wir können sie nicht in einer Sicherheit wiegen, die es draußen auf dem Arbeitsmarkt nicht gibt", sagt Schwarck. Manche Teilnehmer stellen fest, dass sie eine Rückkehr in den Arbeitsmarkt nicht schaffen. Diese Erkenntnis, sagt Schwarck, kann auch befreiend sein.

Zur Wahrheit des BTZ gehört auch, dass sich mehrere Teilnehmer das Leben genommen haben, während sie hier in Betreuung waren. Die psychische Krankheit hatte gesiegt.