Die Stadtteilserie

Ein Meridian für den Norden: Altona-Altstadt

In der einst zweitgrößten dänischen Stadt versteckt sich Norddeutschlands längster Eisenbahntunnel und Deutschlands erste Fußgängerzone.

Jeden vierten Donnerstag im Monat geschieht am Platz der Republik 1 in Altona-Altstadt Ungewöhnliches. Dann wird am dortigen Bezirksamt, einem schneeweißen klassizistischen Bau, der einst ein Bahnhof war, eine Flagge aufgezogen, die seit dem 1. April 1938 kein offizielles Hoheitszeichen mehr ist. Damals hörte Altona im Zuge des Groß-Hamburg-Gesetzes auf, eine selbstständige Gemeinde zu sein. 2003 beschloss die Bezirksversammlung dennoch, wann immer sie tagt, die alte rote Flagge Altonas mit dem geöffneten Stadttor zu hissen.

In Altona fühlt man sich auch ein Dreivierteljahrhundert nach dem Verlust der Selbstständigkeit eher als Altonaer denn als Hamburger. Und in Altona-Altstadt, dem Herzstück Altonas, wo einst die Fischersiedlung stand, aus der einmal die nach Kopenhagen zweitgrößte dänische Stadt und noch viel später ein Hamburger Bezirk werden sollte, ist dieses Selbstverständnis besonders weit verbreitet.

Ein Meridian für den Norden

Wobei das mit dem Herzstück so eine Sache ist: Der heutige Zuschnitt des Viertels entspricht nicht seinen historischen Grenzen. Als Altona 1938 in Hamburg aufging, stülpten die Nazis Altona-Altstadt kurzerhand die Grenzen des NSDAP-Parteikreises 7 über. Seither gehört der äußerste Südwesten St. Paulis mit dem Pinnasberg und der klassizistischen St.-Pauli-Kirche von 1819 zum Stadtteil. Der weitaus größere historische Nordosten Altonas, das vor 1938 erst am Schulterblatt endete, wurde aber dem nördlichen St. Pauli zugeschlagen. Das hatte zur Folge, dass typische Altonaer Straßen wie die Große und die Kleine Freiheit nun auf Hamburger Gebiet liegen. Sie verdanken ihren Namen der Zunft- und Religionsfreiheit, die das liberale Altona seinen Bürgern bereits gewährte, als die Hamburger Nachbarn von solchen Rechten noch nicht einmal zu träumen wagten.

Aber auch weil das Zentrum des Viertels zwischen der heutigen Max-Brauer-Allee und dem Straßenzug Holstenstraße/Pepermölenbek in den Bombennächten des Zweiten Weltkrieges weitgehend dem Boden gleichgemacht wurde, ist vom historischen Kern Altonas nur noch wenig übrig. Die Einkaufsmeile Große Bergstraße lag ebenso in Trümmern wie die Königstraße mit der Hauptkirche St. Trinitatis, dem alten Rathaus und dem Stadttheater. Nur die Hauptkirche wurde wieder aufgebaut. Ihr schräg gegenüber zeugt noch der 400 Jahre alte jüdische Friedhof vom alten Altona. Da, wo einst das historische Rathaus stand, macht sich eine Tankstelle breit. Eine Gedenktafel an der S-Bahn-Station Königstraße erinnert daran, dass hier der Altonaer Meridian verlief, der im 19. Jahrhundert dem Astronom Heinrich Christian Schumacher als Basislinie für die Vermessung Dänemarks und Norddeutschlands diente. Die Prachtstraße Palmaille blieb immerhin halbwegs erhalten.

Deutschlands erste Fußgängerzone

Ansonsten dominiert die gesichtslose Architektur der 60er- und 70er-Jahre den Kern von Altona-Altstadt. Auch dass die Neue Große Bergstraße 1970 zur ersten deutschen Fußgängerzone wurde, brachte das Viertel nicht weiter. Aber es gibt Hoffnung. Schon seit geraumer Zeit wird versucht, das verödete Zentrum des Quartiers wieder zu beleben. Viel verspricht man sich vom neuen Ikea-Kaufhaus, das an der Großen Bergstraße entsteht.

Für Familien, die die hohen Mieten und Immobilienpreise des benachbarten Szeneviertels Ottensen nicht zahlen wollen, ist Altona-Altstadt eine interessante Alternative. Denn mal abgesehen vom historischen Kern, gibt es auch hier attraktive Altbauquartiere: Die Sträßchen zwischen Großer Bergstraße, Max-Brauer-Allee und Holstenstraße mit ihren Wohnhäusern aus dem 19. Jahrhundert haben ein ganz eigenes Flair. Mittendrin steht das kreisrunde Thedebad, das heute dem Künstler Bruno Bruni als Atelier dient. Gebadet wird in Altona heute im Festland an der Holstenstraße, dem wohl modernsten Schwimmbad Hamburgs.

Auf der anderen Straßenseite in nordöstlicher Richtung ist es nicht weit bis zur Gegend um den Paulsenplatz, die Kunstkirche und den Wohlerspark, wo schöne alte Bürgerhäuser stehen. Der Park, in dem heute Sonnenanbeter liegen, Kinder toben und Jogger ihre Runden drehen, war mal ein Friedhof, auf dem auch der Dichter des Schleswig-Holstein-Lieds Matthäus Chemnitz liegt. Nirgends in Hamburg sind die Toten dem prallen Leben näher als hier.

Glasfassaden von Teherani

Eine Gegend für sich ist das Elbufer von Altona-Altstadt. Es beginnt an der Hafentreppe, wo der szenige Golden Pudel Club residiert. Die künstliche Parklandschaft Park Fiction mit ihren fünf gusseisernen Palmen schließt sich an. Elbabwärts öffnet jeden Sonntag um fünf Uhr der Fischmarkt, die größte Touristenattraktion des Stadtteils. Hinter der historischen Fischauktionshalle und der ehemaligen Mälzerei, die heute das Design-Kaufhaus Stilwerk beherbergt, beginnt der Teil von Altona-Altstadt, der sich in den vergangenen Jahren am stärksten verändert hat: An der Großen Elbstraße gab es einst die Fischmarkthallen, die Haifisch-Bar, den Schellfischposten sowie den Klub Hafenklang. Und abends standen die Damen vom horizontalen Gewerbe an der Straße.

Sie kommen längst nicht mehr, wobei es die Kneipen, den Musikklub und die Hallen noch immer gibt. Doch modernistische Wohn- und Bürogebäude mit großen Glasfassaden haben diese Ecke von Altona-Altstadt verändert. Nirgends im Viertel werden höhere Mieten gezahlt. Der Architekt Hadi Teherani, der einige dieser Häuser entwarf, hat hier mittlerweile sein Büro. In der Nachbarschaft hat sich Edelgastronomie angesiedelt.

Zwei Zentauren ringen um einen Fisch

An der Großen Elbstraße endet auch der mit 951 Metern längste Eisenbahntunnel Norddeutschlands. Der Schellfischtunnel, der nur noch zu besonderen Ereignissen wie etwa dem Tag des offenen Denkmals geöffnet ist, verband einst den Altonaer Bahnhof mit der Hafenbahn. Heute suchen die Altonaer nach einem Investor, der via Tunnel einen Shuttle zwischen Bahnhof und Elbe anbietet - bisher vergeblich.

Vielleicht findet sich noch eine Lösung, denn die Altonaer sind einfallsreich: Weil die Stadt kein Geld für die Restaurierung des historischen Stuhlmannbrunnens herausrücken wollte, der nun wieder am Platz der Republik sprudelt, verhüllten sie ihr Bezirksamt gegen Gebühr mit Werbeplakaten. Vom Erlös restaurierten sie den Brunnen in Eigenregie. Er zeigt übrigens zwei Zentauren, die um einen großen Fisch kämpfen und die Konkurrenz zwischen Altona und Hamburg symbolisieren. An diesem Thema kommt man in Altona-Altstadt einfach nicht vorbei.

In der nächsten Folge am 29.10.: Iserbrook

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