Streik

Protest gegen "gruselige" Löhne am Hamburg Dungeon

Schauspieler der Touristenattraktion fordern mehr Geld. Einen Tag lang blieb der Publikumsmagnet in der Speicherstadt geschlossen.

HafenCity. Der Mann, der sich Hannes nennt, ist vom Tod gezeichnet. Bleich, mit eingefallenen Wangen stützt er sich auf einen Stock, seine Stimme klingt aber ziemlich kräftig: "Das Gruseligste am Hamburg Dungeon ist der Stundenlohn", sagt er in ein Mikrofon. Um ihn herum stehen Pestilenzopfer, Untote, Folterknechte, insgesamt etwa 30 grauenerregende Gestalten mit Trillerpfeifen und Transparenten. Es ist kurz nach zehn Uhr am Freitag, und in der Speicherstadt tanzen die Geister - nicht etwa in den Katakomben, sondern draußen auf der Straße. Den ganzen Tag blieb das Eingangstor zur Gruselshow fest verrammelt, die Belegschaft streikte. "Wir fordern, dass die Qualität, die wir liefern, auch entsprechend gezahlt wird", sagt der Betriebsratsvorsitzende Helge van Hove.

Das Hamburg Dungeon zählt zu den Touristenmagneten in der Hansestadt. Seit der Eröffnung 2000 kamen nach eigenen Angaben mehr als drei Millionen Besucher. Erwachsene zahlen 23 Euro Eintritt, Kinder ab zehn Jahren 19 Euro. Was weniger bekannt ist: Für die etwa 100 Beschäftigten des Unternehmens gibt es keinen Tarifvertrag. Nach Angaben der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di liegen die Einstiegsgehälter seit 2005 zwischen 7,50 Euro pro Stunde für Bürokräfte und 8,75 Euro für Schauspieler. Gemeinsam mit der Belegschaft hatte die Gewerkschaft die Geschäftsführung zu Tarifgesprächen aufgefordert. Die Forderungen: Anhebung des Mindeststundenlohns im kommerziellen Bereich auf 8,50 Euro sowie auf 9,60 Euro für die professionellen Schauspieler mit Aufstiegsmöglichkeiten je nach Verantwortung und Betriebszugehörigkeit. Außerdem verlangen die Mitarbeiter Reglungen zu Urlaub, Altersversorgung und befristeten Verträgen.

"Was wir hier verdienen, liegt hart an der Armutsgrenze", sagt eine Schauspielerin, die sich als Leonore vorstellt. Ihren echten Namen will sie lieber nicht nennen. Sie hat Angst um ihren Job. In der Show übernimmt sie wie alle anderen jede Rolle: mal Pirat, mal Mönch oder auch Pestarzt. "Das macht viel Spaß. Ich liebe meine Arbeit. Aber der Lohn reicht einfach nicht zum Leben." Um über die Runden zu kommen, jobbt sie neben ihrer 30-Stunden-Woche im Dungeon in zwei Kitas. Andere verpflichten sich zusätzlich für weitere Engagements, unterrichten oder arbeiten als Stadtführer.

Nachdem am vergangenen Mittwoch ein erster Gesprächstermin ergebnislos verlaufen war, hatte Ver.di zusammen mit den Mitarbeitern zum Streik aufgerufen. "Wir wollen weg von den Grusellöhnen und hin zu einer angemessenen Bezahlung", sagte Gewerkschaftssekretär Peter Bremme. Das Hamburger Dungeon gehört zum englischen Konzern Merlin Entertainments Group, dem nach Disney weltweit zweitgrößten Anbieter von Freizeitattraktionen wie Legoland oder Madame Tussauds. Frühjahr 2013 soll in Berlin ein weiteres Dungeon eröffnet werden. Zu dem Ausstand in Hamburg sagt Sabrina de Carvalho, Sprecherin der Merlin Entertainments Group: "Wir stehen am Anfang unserer Verhandlungen. Die Absicht der heutigen Aktion ist uns daher unverständlich, ebenso wie die fehlende Information der Gewerkschaft über ihre Streikpläne."

Grundsätzlicher hatte sich die Unternehmensleitung bereits am Vortag geäußert. Der Durchschnittslohn der Stundenkräfte liege bei 8,81 Euro und sei damit höher als in vielen branchenüblichen Tarifverträgen, heißt es in einem offenen Brief an die Belegschaft, der dem Abendblatt vorliegt. Im Moment befinde man sich in Sondierungsgesprächen mit anderen Gewerkschaften und prüfe zudem mögliche Branchenlösungen, deshalb könne man sich nicht auf einen Haustarifvertrag mit Ver.di festlegen. "Selbstverständlich sind wir aber sehr daran interessiert, eine gute Lösung zu finden."

Nachbar des Dungeon ist das Miniatur Wunderland - auch eine beliebte Touristenattraktion, die für Hamburg steht. Mitgründer Frederik Braun war von dem Protest nebenan zunächst überrascht: "Es gab ja keinen Warnstreik oder Ähnliches." Er möchte nur wenig zum Thema sagen, um keinen Unmut zu wecken. "Aber am Ende kommt es immer auf die Art an, wie Geschäftsführung und Angestellte miteinander umgehen." Im Miniatur Wunderland gehe niemand mit einem Stundenlohn unter 9 Euro nach Hause. Einzige Ausnahme: Schüler, die in den Ferien die Schiffe der Anlage steuern, bekommen 8 Euro. "Es macht natürlich einen Unterschied, welche Aufgabe die Kollegen übernehmen und was sie leisten", sagt Braun. Es komme darauf an, dass sich der einzelne Mitarbeiter wertgeschätzt fühlt. Deshalb gibt es - je nach wirtschaftlicher Lage - auch Boni bis in einen insgesamt sechsstelligen Bereich für die gut 300 Mitarbeiter und Weihnachtsgeld.

Am Dungeon stehen am Freitag viele Besucher vor der Tür. Mitarbeiter verteilen Freikarten, schon gezahlte Eintrittskarten werden erstattet. Die Reaktionen sind unterschiedlich. "Ist schon schade", sagt Niklas aus dem westfälischen Halver, der auf Klassenreise in Hamburg ist. Nina Müller und Jens Kuhn kommen aus Stuttgart. Obwohl es ihr letzter Tag in Hamburg ist, haben sie Verständnis für die Forderungen der Schauspieler. "Die Freikarten sind zeitlich unbegrenzt. Dann kommen wir eben wieder." Von Sonnabend an sollte alles wieder normal laufen, um 23 Uhr startet die große Halloween-Party.