Konkurrenz für die S-Bahn ist nicht in Sicht

Stadt verhandelt offenbar nur mit Bahn-Tochter. Oder gibt es noch einen anderen Plan?

Hamburg. Konkurrenz soll das Geschäft beleben. Deshalb hat die Stadt erstmalig ein Vergabeverfahren für die S-Bahn-Verkehrsleistungen eingeleitet. Doch allzu groß scheint der Andrang nicht zu sein. Denn nach Abendblatt-Informationen verhandelt die Stadt ausschließlich mit der S-Bahn Hamburg, einem Tochterunternehmen der Deutschen Bahn. Der um ein Jahr verlängerte Vertrag mit der S-Bahn Hamburg läuft noch bis 2018, der neue soll bis 2033 gelten.

Doch das Prozedere wirft Fragen auf. So konnte die zuständige Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation auf Abendblatt-Anfrage nicht beantworten, wann das Verfahren beendet sein wird: "Ein Termin für eine Entscheidung ist zurzeit nicht bekannt. Nach Abgabe der Angebote werden diese erst geprüft", sagte Sprecherin Helma Krstanoski. Aber Angebote liegen offensichtlich noch nicht vor. Diese erwartet die Stadt erst im November. Mit wem die Stadt verhandelt, wollte Krstanoski nicht verraten: "Das vergaberechtliche Gebot, einen Geheimwettbewerb durchzuführen, bei dem die Bieter sich kein Bild von der Konkurrenzsituation machen können, verbietet eine Offenlegung." Dass es "Bietergespräche" gab, die sich noch in der ersten von drei möglichen Runden befinden, bestätigte Krstanoski. Dabei dürfte es sich nach Abendblatt-Informationen jedoch immer nur um S-Bahn Hamburg handeln.

Es verwundert kaum, dass bisher offensichtlich nur die S-Bahn Hamburg im Rennen ist. Denn das Unternehmen verfügt über die notwendige Infrastruktur wie Fahrzeuge, Betriebshöfe und Werkstätten. Neue Bieter müssten all das anschaffen und Personal einstellen.

Dass die Deutsche Bahn gute Chance hat, weiß auch Till Steffen. Dem Grünen-Verkehrsexperten ist wichtig: "Die Stadt muss mit der Deutschen Bahn hart verhandeln, um gute Konditionen zu erzielen." Nur weil die Deutsche Bahn über die Infrastruktur verfügt, dürfe sich die Stadt nicht erpressen lassen. Die S-Bahn erhält laut Behörde für die auf "Hamburger Gebiet erbrachten Verkehrsleistungen" derzeit 72 Millionen Euro im Jahr. Die CDU fordert: "Es wird Zeit, dass sich die Stadt mit der S-Bahn einigt. Dabei ist es wichtig, dass den Kunden weiterhin ein hoher Qualitätsstandard geboten wird", sagte Verkehrsexperte Klaus-Peter Hesse.

Die Regierungspartei SPD gibt sich auffallend zurückhaltend: "Ziel ist es, ein möglichst gutes Ergebnis für Hamburg zu erreichen", sagt Verkehrsexperte Ole-Thorben Buschhüter. Die Stadt übt offensichtlich ihrerseits Druck bei den Verhandlungen mit der S-Bahn aus. Die Hochbahn hat im Auftrag der Stadt eine eigene Fahrzeuggesellschaft gegründet. Diese ist für die Beschaffung und Finanzierung von Schienenfahrzeugen zuständig, "insbesondere für den Einsatz im S-Bahn-Netz", heißt es in einem Schreiben. Im Klartext bedeutet das: Wenn es zu keiner Einigung mit der Deutschen Bahn kommt, würde die Stadt selber die benötigten 172 Fahrzeuge beschaffen und könnte dann einen anderen Betreiber für das S-Bahn-Netz einsetzen.

Die S-Bahn Hamburg selber will über den Stand der Verhandlungen mit der Stadt nicht sprechen. Dafür aber über die positive Entwicklung des Verkehrsunternehmens.

Die S-Bahn konnte im vergangenen Jahr wieder einen Fahrgastrekord verbuchen. Zunächst hieß es noch im Januar, dass mehr als 225 Millionen Fahrgäste und damit zwei Prozent mehr als 2010 mit der S-Bahn gefahren seien. Jetzt wurden die Zahlen nach oben korrigiert: Es seien mehr als 250 Millionen Fahrgäste gewesen und damit rund drei Prozent mehr als im Vorjahr. Das hat der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) aufgrund der Umsätze des Verkehrsunternehmens ermittelt. Wie kommt es zu dieser Differenz? "Bei der ersten Berechnung im Januar lagen die Zahlen der händischen beziehungsweise automatischen Fahrgastzählung der S-Bahn zugrunde", sagte S-Bahn-Chef Kay Uwe Arnecke.

Auch die Pünktlichkeit der S-Bahn verbessert sich weiter. Mit Stand vom August 2011 lag die Pünktlichkeitsquote bei 95,5 Prozent und damit leicht über den 95,4 Prozent des vorangegangenen Jahres: "Wir haben damit die seit Einführung des HVV-Qualitätssteuerungsverfahrens vorgegebene Pünktlichkeitsquote von 94,7 Prozent übertroffen", sagte Arnecke.

Im Rahmen der Kundenoffensive des Unternehmens wurde im Jahr 2011 rund eine Million Euro zusätzlich in mehr Sauberkeit und Sicherheit investiert. In der aktuellen Kundenbefragung vergaben die Fahrgäste der S-Bahn Hamburg die "Schulnote" 2,35 auf die Frage, wie zufrieden sie mit der Sauberkeit der Haltestellen sind. 2011 lag die Bewertung noch bei 2,48.