Die Ära der Taucher ist vorbei

Familienbetrieb: Die Firma M. A. Flint mußte sich der schlechten Auftragslage anpassen.

Im Blaumann steht Bernd Walter (55) in der weißen Küche. Weißes Büfett, weiße Stühle, weiße Fliesen an den Wänden. "Das sieht alles schön aus", sagt Walter, der Betriebsleiter. Er meint die Küche, das Haus und das komplette Gelände am Ellerholzdamm zwischen Kopfsteinpflaster und Elbe. Es kommen sogar Filmteams und drehen, für das Großstadtrevier, den Tatort. Weil alles so nostalgisch ist, so original bei der Firma M. A. Flint auf Steinwerder. "Leider sieht vieles nur noch gut aus."

Die Zeiten waren mal bessere. Als "Taucher Flint", der Familienbetrieb in fünfter Generation, noch aus Tauchern bestand.

Das waren sie lange. Sie waren es bis November vergangenen Jahres, und zwar 134 Jahre lang. 1995 hatte es noch das große Jubiläum gegeben, einen Empfang im Weißen Haus, nicht in Washington, im Restaurant an der Elbe. "Im November haben wir Insolvenz angemeldet", sagt Jan Flint (64), einer der beiden Chefs, "seit Februar existieren wir neu."

Sie existieren als reine Werft, als ein Reparaturbetrieb für Barkassen und für Schuten. "Taucher Flint" ist ohne Taucher. Die üble Auftragslage ist schuld.

"Das ganze Jahr 2004 können wir in die Tonne treten", sagt Flint. Am besten war die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Als die Elbe voll war mit Wracks und Flints Taucher, 50 an der Zahl, sie bargen.

Zuletzt waren es nur noch drei Taucher. Der letzte, der jetzt Touristen durch den Hafen schippert, ist Mitte November runter in die Elbe, in die Suppe, in der Taucher gerade einen halben Meter weit gucken können. Flint: "Man tastet und fühlt." Es war die Barkasse "Birgit", die geborgen werden mußte. Jemand hatte sie nicht richtig angebunden, sie war führerlos umhergetrieben, kollidiert und gesunken. Die "Birgit" steht noch heute bei den Flints, seitlich an der Kaimauer, wie ein Andenken. Die Schiffe und Taucherausrüstungen sollen verkauft werden. Flint sagt: "Vielleicht kauft sie jemand aus Polen oder Griechenland."

Was haben sie gegrübelt während der Krise und überlegt, was sie tun könnten. "Aber aufgeben? Einfach alles wegschmeißen?", sagt Jan Flint. Das ging nicht.

Er hat gekämpft. Er ist groß geworden auf Steinwerder, in dem Haus, in der weißen Küche, in der die Oma Zitronenkuchen backte, auf dem Gelände, auf dem er mit den Brüdern spielte. Dann die Barkassen. An guten Tagen kamen 40 vorbeigerauscht. Arbeiter auf dem Weg in ihre Betriebe. Die Jungs standen in kurzen Hosen am Ufer und winkten. In der Erinnerung schien an solchen Tagen die Sonne.

Jetzt steht Jan Flint im Fleecepulli, mit schütterem grauen Haar an derselben Stelle und erzählt, wie sich alles verändert hat im Hafen, warum sie "die Taucherei" aufgeben mußten.

Wo heute das Zelt vom Musical "Der König der Löwen" steht, war früher der Werftbauer H. C. Stülken. Da hatte Jan Flint Schiffbauer gelernt. "Früher fuhren 1200 Schuten durch den Hafen", sagt Flint. Sie luden auf und entluden wieder, alles bunt. Mit dem Containerumschlag wichen die Schuten und mit ihnen die Aufträge für die Flints. Es sank kaum noch einer. 2003 hatten sie noch 430 000 Euro Umsatz gemacht, ein Jahr später waren es nur noch 30 000.

Nach dem Krieg, als die Zeiten noch gut waren, beschäftigte die Firma M. A. Flint 130 Mitarbeiter, kurz vor der Insolvenz 19, heute sind es 13, größtenteils Schiffsbauer, Schlosser. Sie hatten keine Wahl. "Das Geschäft wird nicht wiederkommen", sagt Jan Flint. Mit einem neuen Partner, Frank Damschen aus der Schiffsschlosserei gegenüber, dem Inhaber der Heinrich Hopfgarten GmbH, hat er die Firma nach der Insolvenz gekauft. Es war die einzige Lösung. Jan Flint: "Ich wollte nicht der sein, der alles beendet."

Die Last wäre zu groß gewesen. Am 15. September 1870 gründete der Hamburger Schiffbauer Martin Adolph Flint am Stadtdeich seine eigene Werft, zunächst als reines Reparaturgeschäft, ab 1873 mit Bergungs- und Tauchereigeschäft. 1875 zog er mit allem nach Steinwerder, das damals mit dem Schutt aus dem großen Hamburger Brand im Mai 1842 aufgeschüttet worden war. Seit 129 Jahren ist Flint jetzt auf Steinwerder. Ein paar Stahltrossen und Eichenrampen sind noch aus der Zeit des Umzugs. Deshalb die Filmteams. Und wegen der Küche, der weißen, dem Relikt.

Bernd Walter ist seit 1975 im Betrieb. Er serviert Tee in Tassen mit goldenem Rand, Hutschenreuther. Von außen dröhnen Maschinengeräusche herein, erst leise und dann lauter werdend. Es läuft wieder bei den Flints. Drei Barkassen und drei Schuten warten auf die Wartung und auf neue Farbe. "Waschen und rasieren sagen wir dazu immer", sagt Jan Flint. Er kann wieder lachen.

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