Die Visionen des "Mr. Kaffee"

Bohnen: 1956 gründete Helmut Papenhagen im Hafen das damals modernste Kaffeelager Europas. Heute führt Sohn Heinz den Betrieb.

Das Prasseln kommt von überall, aus den Wänden, aus der Decke. Schwillt an, ebbt ab. Den Krach machen Millionen roher Kaffeebohnen. Mit Druckluft werden sie durch ein Labyrinth aus Kupferrohrleitungen in die Zellen des Silos der Kaffee-Lagerei am Sandtorkai gepustet. Gut 15 000 Tonnen Kaffee passen in die Silo-Zellen. Es ist Europas größter Betrieb für die Lagerung und Veredelung von Rohkaffee. Und er wird bald noch größer: Noch in diesem Herbst macht die Kaffee-Lagerei Platz für die HafenCity und zieht zum Hohen-Schaar-Kamp. Dort ist bereits ein Silo für 30 000 Tonnen im Bau.

Für "Mr. Kaffee" Heinz Papenhagen (65), Chef der Kaffee-Lagerei, verbindet sich mit dem Umzug ein kurioses Beispiel Hamburger Informationspolitik: "Ich erfuhr zufällig von der Verlagerung, als ich das Modell der HafenCity sah und darin unseren Betrieb nicht mehr fand", erinnert er. Erst als er einen Bauvorantrag für die Erweiterung der Kaffee-Lagerei stellte, "wurde ich informiert".

Eine Stahltür im vierten Stock des Silogebäudes führt zum Kaffee-Probierraum. Dr. David Southard (52), Qualitätsbeauftragter, steckt die Nase in eine der 60 Tüten mit Kaffeeproben. An der Wand steht eine kleine Röstmaschine. "Hier residiert normalerweise der Chef", erklärt er. Hier werden die Bohnen getestet, auf Reinheit, Mischung und Qualität. Verantwortlich dafür ist David Southard. Der US-Amerikaner ist Seiteneinsteiger, studierter Romanist, aber er liebt den Kaffee und lebt mit ihm, genau wie Papenhagen. Der kennt die Hafenarbeit in allen Facetten, hat bei seinem Vater als Quartiersmann gejobbt, bevor er eine Banklehre antrat - ein kurzes Intermezzo, denn der Kaffee ließ ihn nicht mehr los.

1956 hatte Bernhard Rothfos, damals der größte Kaffeehändler der Welt, die Lagerei gegründet. Zusammen mit Papenhagens Vater Helmut. Das Besondere: Die beiden Männer kauften damals die modernsten Bearbeitungsmaschinen und waren damit das erste Kaffeelager in Europa, in dem die Bohnen geschält, gesiebt, gewaschen, gereinigt und poliert sowie gemischt und nach Farbe verlesen wurden. Papenhagen faßt zusammen: "Sie machten einfach alles, was vor dem Rösten kommt." Heinz Papenhagen hat diese Pioniermentalität geerbt. "Er war der erste, der ein Kaffee-Silo baute - 1974. Das war damals eine Revolution", erklärt Southard. Weil die Kaffee-Importeure es für Frevel hielten, die kostbaren Bohnen wie Massenware zu industrialisieren. Ebenso heikel sahen sie zunächst den Transport der Bohnen in Containern. "Dabei sank die Schadensquote auf fast null Prozent", sagt Papenhagen. Kein Wasserschaden mehr, kein Fremdgeruch. Keine zwei Wochen mehr, in denen Säcke mit schadhaften Bohnen auf den staubigen Böden der alten Backsteinspeicher belüftet werden mußten. Und dank des Containers und moderner Umladetechnik schafft ein Mann pro Schicht 300 Tonnen Kaffee. Zur Zeit des Kaffeesacks waren es gerade mal 15 Tonnen. In den riesigen Siloröhren, so Papenhagen, lagern die Bohnen auch allemal besser: "Der Silo ist wie eine Konserve, dort passiert dem Kaffee nichts."

Vor dem Silo die Kaffee-Annahmestelle: Aus einem schräggestellten Container rauschen grüngraue Arabica-Bohnen aus Kolumbien, fallen durch ein Gitterrost im Boden, direkt in einen Trichter unterhalb des Straßenpflasters. Früher, so Southard, wurden diese Bohnen anschließend mit der Hand verlesen: "Jede Bohne!" Unvorstellbar. In der Steuerzentrale zeigt sich, wohin die ungezählten Bohnen wandern: Die Silozellen sind als Schaltbilder an der Wand zu sehen. Silomeister Manfred von Elm (61) erklärt die Blinklichter - sie zeigen die Füllstände und welche Silozelle gerade beladen, welche entleert wird.

Trotzdem gibt es noch die alte Lagerhalle, in der konventionelle Kaffeesäcke zu 60, 70 und 80 Kilogramm gestapelt liegen. Auch am neuen Standort wird es neben dem Silo noch rund 7500 Quadratmeter Hallenfläche für Säcke geben: "Spezialitäten wie Biokaffee. Die kommen nicht in großen Mengen." Immerhin passen in einen Container 21 Tonnen Rohkaffee, seit Heinz Papenhagen das sogenannte Inlett erfunden hat. Ein Kunststoffsack, so groß wie der ganze Container. Ein Innenfutter, in das die Kaffeebohnen gekippt werden, bevor das Ganze im Container verschwindet. Das Inlett soll die Bohnen vor Feuchtigkeit schützen. Auch das ist nach Papenhagens Erfahrung eigentlich überflüssig. "Aber es gibt noch keine Boxen, die sich von oben füllen lassen." Und wie sonst sollte der Kaffee in die Blechkiste kommen?

Und so müssen seine Männer die leeren Inletts immer noch aus den Containern zerren und entsorgen. Jedesmal fliegen damit 38 Euro auf den Müll. Auch hier, Papenhagen lächelt, es gibt noch Spielraum zum Rationalisieren. Er hat schon eine Vorrichtung, mit der Container senkrecht aufgestellt und durch die offenen Türen befüllt werden können - ohne Inlet. Noch, so weiß er, hält sich in Kaffeekreisen die Legende von der Geruchsneutralität, die nur durch das Inlett gewährleistet wird. Papenhagen weiß es besser und bereitet sich auf den Tag X vor - dann spart er nicht nur das Inlett, es passen auch noch mehr Bohnen in den Container.