Video-on-Demand-Angebote

Online-Videotheken wachsen stark - Hamburg profitiert

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Bob Geisler

Der Umsatz ist im ersten Halbjahr um mehr als 40 Prozent gestiegen. Auch das Hamburger Jungunternehmen Videociety profitiert davon.

Hamburg. Hans D. Henseleit hat ein Faible für die großen Klassiker des Kinos. In seinem betont schlichten, in Schwarz und Weiß gehaltenen Büro in der Nähe der Binnenalster hängen einige Szenen aus Fritz Langs "Metropolis" an den Wänden. Und wenn es jetzt wieder kühl und schmuddelig wird auf Hamburgs Straßen, dann sitzt der 44-Jährige gerne auf dem heimischen Sofa und schaut Filme wie "Frühstück bei Tiffany" oder "Miss Marple".

Beruflich gesehen gibt sich Henseleit hingegen weitaus weniger nostalgisch. Der Chef der Online-Videothek Videociety arbeitet mit seinen insgesamt 35 Beschäftigten gerade daran, die Vertriebswege für Kinofilme zu revolutionieren. "Die klassische Videothek, in der man Filme auf DVD oder Blu-Ray ausleihen kann, wird es in zehn Jahren vermutlich nicht mehr geben", sagt der Geschäftsführer.

Rund 900 Filme lassen sich bei Videociety derzeit über das Internet ausleihen - von "Zorn der Titanen" über "Die Tribute von Panem" bis hin zur Komödie "Türkisch für Anfänger". Die Preise liegen je nach Aktualität zwischen 2,99 und 5,99 Euro. Etwa 20 000 Nutzer haben sich bei dem Start-up aus der Hansestadt seit der Gründung vor zwei Jahren registriert - Tendenz steigend. "In diesem Jahr rechnen wir mit einer Verdopplung unseres Umsatzes, mittelfristig mit einer Verdreifachung", sagt Henseleit ohne absolute Zahlen zu nennen. Profitabel ist die Tochtergesellschaft der Kölner Splendid Medien AG noch nicht, Ende 2013 soll aber die Gewinnschwelle erreicht werden.

+++ Film ab +++

+++ Alle Daten zum Video-On-Demand-Test +++

Ein kräftiges Wachstum ist durchaus realistisch, denn die sogenannten Video-on-Demand-Angebote werden in Deutschland immer beliebter. Nach Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) sind die Erlöse mit Filmen und TV-Serien auf Abruf im ersten Halbjahr dieses Jahres um 41 Prozent auf 41 Millionen Euro in die Höhe geschnellt. 500 000 Nutzer mehr als noch im Vorjahreszeitraum kaufen oder leihen sich aktuelle Streifen über das Internet. Im gesamten Verleihmarkt ist Video-on-Demand mittlerweile für fast ein Fünftel der Gesamtumsätze verantwortlich. "Legale Filmangebote im Netz finden immer stärkeren Zuspruch", sagt Joachim Birr, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Bundesverbands Audiovisuelle Medien. Der Verband hat gerade eine übergreifende Plattform eingerichtet, die über alle Angebote informiert ( www.was-ist-vod.de ).

Die Vorteile der Online-Videotheken liegen - zumindest theoretisch - auf der Hand. Im Gegensatz zum klassischen Verleih können sich die Kunden den Gang ins Geschäft sparen, eine schnelle Internetverbindung vorausgesetzt startet ein Film nach dem Ausleihen binnen weniger Minuten. Die Rückgabe entfällt ebenfalls, da die Lizenz zur Nutzung meist nach 48 Stunden automatisch erlischt.

Praktisch haben Filmfans beim Videoabruf auf dem Sofa allerdings noch mit einer ganzen Reihe von technischen Hürden zu kämpfen. So sind in der Regel Zusatzgeräte erforderlich, um die Filme überhaupt auf dem Fernseher empfangen zu können. Einer der größten Anbieter, der Computerhersteller Apple, setzt beispielsweise auf seine eigene, 109 Euro teure Settop-Box namens Apple TV oder mobile Empfangsgeräte wie iPhone und iPad. Beim deutschen Marktführer Maxdome läuft der Videoabruf ebenfalls über Settop-Boxen oder den heimischen Computer.

Die Hamburger Firma Videociety nutzt hingegen die mittlerweile in rund 20 Prozent der deutschen Haushalte vorhandenen Blu-Ray-Abspielgeräte, um Filme per Netz in den Fernseher zu bekommen. Diese Geräte verfügen nämlich über eine eigene Schnittstelle zum Internet, um Zusatzinhalte herunterladen zu können. Um diese Schnittstelle für die Online-Videothek zu verwenden, sendet Videociety den Kunden kostenlos eine Blu-Ray-Disc zu, die die entsprechende Verbindung herstellt.

Daneben ist das Videociety-Angebot auch auf immer mehr internetfähigen Fernsehern, den sogenannten Smart-TVs, vorinstalliert. Nach Verträgen mit Philips hat Chef Henseleit nun auch Abkommen mit Sharp, LG, Panasonic und Samsung ausgehandelt. "Durch die immer größere Verbreitung der Smart-TVs erwarten wir einen weiteren Umsatzschub", sagt Henseleit. Zudem arbeiten die Mitarbeiter der Firma gerade an Programmen für Smartphones und Tablet-Computer.

Problematisch ist noch das mit rund 900 Filmen vergleichsweise beschränkte Angebot der Hamburger. "Für ein kleines Unternehmen wie wir es sind, ist es generell nicht gerade einfach, Filmlizenzen von großen Hollywoodstudios zu bekommen", sagt der Firmenchef. "Aber durch unsere langjährige Branchenkenntnis wird es uns etwas leichter gemacht."

Einen wesentlichen Teil seiner Zeit verbringt der Geschäftsführer daher damit, bei Studiobossen in London oder Los Angeles vorzusprechen und die Plattform und die Technik der Hamburger zu erläutern. Liegen die Lizenzen dann vor, müssen die Filme auch noch für unterschiedliche Formate codiert werden. Elektronisch gelagert werden die Streifen in einem Hamburger Rechenzentrum - wo genau, möchte Henseleit aus Sicherheitsgründen lieber nicht verraten.

Als nächsten großen Schritt will der Geschäftsführer neben Filmen auch TV-Serien in den Verleih aufnehmen. Die Bereitschaft, auch für diese Angebote zu zahlen, wird bei den Kunden nämlich immer größer. Unter anderem das Fehlen solcher Serien brachte Videociety im jüngsten Vergleich der Stiftung Warentest die Note "mangelhaft" beim Angebotsumfang ein, ein Schicksal, das die Hamburger mit anderen Anbietern wie Lovefilm, Microsoft Zune oder Acetrax Movies teilten. Bei der Bild- und Tonqualität lag Videociety hingegen mit einem "sehr gut" nur knapp hinter dem Sieger in dieser Kategorie Apple. Das Bild halte in etwa mit dem einer Blu-Ray-Disc mit, urteilten die Tester und vergaben insgesamt die Note "ausreichend".

Die besten Online-Videotheken im Feld, Videoload (Deutsche Telekom), Maxdome und Apple erreichten die Gesamtnote "befriedigend". Aus Sicht der Stiftung Warentest können es alle Internetanbieter noch nicht ganz mit den stationären Videotheken und ihren "altmodischen" Silberscheiben aufnehmen, holen aber auf.

Und auch Videociety-Chef Henseleit muss einräumen, dass er bei sich zu Hause doch noch rund 100 DVDs und Blu-Rays im Schrank stehen hat. Dazu zählen auch seine geliebten Miss-Marple-Klassiker für den gemütlichen Sofaabend. "Aber die nehmen wir auch bald in unsere Online-Videothek auf."

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