Frau Langers Kleinod an der Elbe

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Barbara Hardinghaus

Roter Kavalier: Seit 40 Jahren lebt die 65-Jährige in der ehemaligen Remise, in der schon immer Frauen den Ton angaben

Elf Uhr, der Kaffee ist aufgebrüht, im Dachgeschoss läuft das Radio, im Wohnzimmer ertönt Swing, in der Mitte auf dem Tisch steht Gebäck, angerichtet in geblümtem Hutschenreuther Porzellan, und Ingeborg Langer (65) redet, redet und redet. Aber das hat einen Grund. Es geht um ihr Haus. Seit 40 Jahren lebt sie in dem roten und mit Stroh bedeckten Fachwerkgebäude an der Elbchaussee. Es ist so viel passiert in den vergangenen 200 Jahren.

Die Familie von Ingeborg Langers erstem Mann Herbert lebt seit 1915 auf dem Grundstück. Herberts Vater Emil lebte dort gemeinsam mit seiner Frau Martha. Emil war "Macher", sagt Ingeborg Langer. Er war Küchenchef auf einem Luxusliner und hatte 1919 das Hotel "Reichshof" am Hauptbahnhof gegründet. Die Familie besaß das Hotel "Esplanade" und 27 weitere Hotels und Pensionen. Und eben das Anwesen an der damals noch Flottbeker Chaussee 190.

Als Emil starb, kümmerte sich seine Martha um das Anwesen und um das Hotelgeschäft. Eine berühmte Frau sei diese Martha gewesen und eine wirkliche Madame. "Das war eine emanzipierte Frau", betont Langer. 1973 starb Martha. Ihren Sohn Herbert lernte Ingeborg Langer 1963 als Hostess auf der IGA kennen, heiratete ihn ein Jahr später. Ingeborg, das Mädchen von Sylt, wurde eine Langersche und somit Mitglied einer der berühmtesten Familien Hamburgs. Ihr Herbert verstarb früh, und mit Ingeborg Langer hatte der "Reichshof" die zweite Frau am Ruder, eine zweite Martha, die zweite "Madame". Sie war es, die dafür sorgte, dass das frische Gemüse von der Elbchaussee in den "Reichshof" kam, dass die Gäste zufrieden waren.

Vom beruflichen Stress erholen konnte sich Frau Langer am besten auf ihrem Anwesen. Sie genoss den Park und die Tiere auf dem ehemaligen Landhauskomplex des Kaufmanns Johann Friedrich Böhl - aus den Jahren 1797 und 1798. Er hatte damals vom dänischen Architekten Christian Frederik Hansen zwei Häuser errichten lassen - ein Landhaus und einen Fachwerk-Ziegelbau mit Strohdach, das als Remise diente. Und in der Ingeborg Langer an diesem Vormittag den Kaffee aufbrüht.

Sechsmal wechselte das Anwesen den Besitzer, bis 1915 die Langers einzogen. Zum Besitz der Familie Langer gehörte auch die "Villa Clara". Sie war nach der Ehefrau des früheren Eigentümers und englischen Generalkonsuls Emile Nölting benannt worden. "Mein Mann entschied sich damals für den ,Kavalier', die Remise also, und ließ sie anstatt der Villa herrichten", sagt Ingeborg Langer. Damals - das war nach dem Zweiten Weltkrieg, als die "Villa Clara" fast vollständig zerstört wurde.

Die Zeit verging. Viele Jahre lang hatten Kühe auf der Weide an der Straße gestanden. Später wurden die Kühe gegen Pferde getauscht. "Wenn sich bei schönem Wetter die Autos stauten, habe ich die Tiere aufs Land gebracht", sagt Ingeborg Langer. Dort, wo die Pferde grasten, ragen heute Neubauten in den Himmel. Langer: "Die Leute verstehen nicht, warum wir das Grundstück verkauft haben." Für sie war das nie eine Frage gewesen. "Jetzt habe ich abends Licht", sagt sie. Es gibt wieder Leben um sie herum, und sie hat Nachbarn. Sie mag die Menschen und Gespräche. Manchmal ist es auch einsam in dem Haus. Denn Tochter Marion (28) studiert in Heidelberg Jura. Und ihr Mann lebt in Wien, weil er in Baden ein Hotel betreibt. Genau wie Martha kümmert sich Ingeborg Langer also allein um das Haus. Irgendwie waren es immer die Frauen, die hier an der Elbchaussee den Ton angaben - und es heute noch tun.

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