Das Wirth-Haus, in dem feines Gebäck gefragt ist

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Geneviève Wood

Tradition: Familienbetrieb wurde 1876 an der Spitalerstraße 28 gegründet.

Kuchen mögen sie alle in der Familie Brandes. Und Torten ganz besonders. Sie sind ja auch in einem Haus der süßen Spezialitäten aufgewachsen. Schon seit vier Generationen ist das Haus mit dem "Wiener Cafe Wirth" am Mönckebergbrunnen in Familienbesitz.

"Und jetzt gehen wir schön frühstücken", sagt der Herr in Lederjacke und brauner Cordhose und hakt sich bei der älteren Dame im rosa Kostüm ein. Morgens elf Uhr, Spitalerstraße 28. Unten verkauft Wempe Uhren und Schmuck. Oben gibt es Kaffee und Kuchen im Wiener Cafe Wirth.

Wie das Paar gemütlich frühstücken und dabei auf die Mönckebergstraße schauen - das war für Andreas Wirth nur selten drin. Er musste viel arbeiten, als er 1876 seine Bäckerei hier gründete. "Mein Urgroßvater hat die Brötchen noch mit einem Handkarren ausgefahren", sagt Margot Brandes, geborene Wirth. Nach seinen Wanderjahren war Urgroßvater Andreas von Baden-Württemberg nach Hamburg gekommen. Und damit begann die 128-jährige Familiengeschichte. Die Geschichte der Wirths und ihrem um 1850 erbauten Haus.

Nach Urgroßvater Andreas übernahm dessen Sohn Franz Wirth 1901 die Bäckerei, und von 1934 bis 1983 war dessen Sohn Franz Ernst Wirth, der Vater von Margot Brandes, hier der Chef. Franz war ein beliebter Name bei den Wirths. Franz Ernst Wirth jedenfalls hatte 1925 in Wien seine Bäckermeisterprüfung abgelegt. Und aus der einfachen Bäckerei wurde 1934 die "Wiener Weißbäckerei und Konditorei". "Wiener Weißbäckerei", das sei etwas ganz Besonderes. "Mein Vater war der Einzige in Hamburg, der Wiener Backwaren verkaufen durfte", sagt Frau Brandes. Sie lächelt, und ihre Augen werden ganz groß - noch immer ist sie stolz auf ihren Vater, stolz auf ihre Familiengeschichte, auf ihr Haus.

"Als ich 1931 geboren wurde, gab es auf der Mönckebergstraße natürlich noch nicht so viele Läden wie heute", sagt Frau Brandes. Zu der Zeit gab es auch die Spitalerstraße noch gar nicht - Margot Brandes: "Breite Straße 32 hieß die Adresse". Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde daraus Spitalerstraße 28. Frau Brandes sitzt in der ersten Etage in einem der Caferäume. In dem Raum, in dem sie vor 72 Jahren geboren wurde. "An den Blick auf die Jacobikirche kann ich mich gut erinnern und an die Straßenbahnen, die in meiner Kindheit hier fuhren." In der Jacobikirche wurden alle Wirth-Babys getauft. Auch Margot Brandes. Im Mönckebergbrunnen hat sie als Mädchen ihre Puppen gebadet. "Der war damals noch ganz sauber." Nebenan war das "Bier- und Frühstückslokal", daneben eine Apotheke, weiß sie noch. Dort, wo heute Friseur Polzer ist, wohnten Freunde der kleinen Margot. "Mit den Hausmeisterkindern habe ich mich gern getroffen." Und einen Paternoster gab es in der Nähe. "Da haben wir Kinder immer gespielt. Unsere Eltern fanden das natürlich gar nicht gut." Und dann gab es damals einen Spielplatz am Gertrudenkirchhof. "Das Viertel war lebendig. Heute wohnt hier ja niemand mehr."

Eine unbeschwerte Kindheit war das. Die Familie Wirth liebte die Musik. "Wir machten viel Hausmusik", sagt Frau Brandes. Sie am Klavier, genau wie ihr Vater. Dann kam der Krieg. "Dreimal wurde das Geschäft meines Vaters ausgebombt. Er hat weitergebacken und es wieder aufgebaut", erzählt Frau Brandes. "Alles lag in Schutt und Asche. Ich weiß noch, wie mein Vater bitterlich geweint hat." Gewohnt hat die Familie damals auf der Uhlenhorst. Die 50er-Jahre: 1952 haben die Wirths das Cafe im ersten Stock eröffnet, zwei Jahre später dann die Erweiterung im zweiten Stock. Nach dem Tod ihres Vaters übernahm Margot Brandes 1983 das Geschäft. "Das Cafe kann sich als eines der ältesten Hamburgs in Familientradition bezeichnen", sagt Frau Brandes.

Sie ist keine Bäckerin, auch keine Konditorin. Hotelfachfrau hat sie gelernt, in Heidelberg. "In Heidelberg habe ich mein Herz verloren", sagt Frau Brandes und lächelt herüber zu ihrem Ehemann Helmut (75), dem Hotelkaufmann. Und, na klar, das ist bei den Wirths ja üblich, hat Helmut Brandes noch seinen Konditor- und Bäckermeister gemacht. Damit die Familientradition bestehen bleibt. Das Haus Spitalerstraße 28 war die Arbeitsstätte der Wirths. Und doch viel mehr. "Das Haus hält die Familie zusammen", sagt die Tochter von Margot Brandes, Cornelia Pittarello (47). "Wir Kinder waren immer dabei, wenn unsere Eltern im Laden waren", sagt sie. "Mein Vater hat gebacken, und wir spielten hinter dem Thresen." Zu Weihnachten half sie mit, das Wiener Weißgebäck einzutüten. "Wir mussten uns dann unsere Schürzen umbinden, und Opa saß auf seinem Stammplatz im Cafe und war stolz, dass er die ganze Familie um sich hatte."

Heute ist das Cafe verpachtet. Oben in dem Büro mit den getäfelten Kiefernwänden hat Margot Brandes ihr Büro. Von dort aus verwaltet sie das 300 Quadratmeter große Gebäude und kümmert sich um die Franz-Wirth-Gedächtnis-Stiftung. Sie unterstützt junge Musiker.

Spätestens an Weihnachten wird die Familie wieder zusammenkommen. Margot und Helmut Brandes, ihre drei Töchter und die beiden Enkel. Hier oben im Cafe, an der Spitalerstraße 28. Das ist Tradition.

Margot Brandes: "Dann werden wir alle gemeinsam Kuchen essen. Den mag ich immer noch sehr gern. Am liebsten Butterkuchen."

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