Die Kinder vom Bullenhuser Damm

Neuengamme: 20 junge Menschen mußten die grausamen medizinischen Experimente des Arztes Kurt Heißmeyer im Konzentrationslager über sich ergehen lassen. Am 20. April 1945 kam der Befehl aus Berlin, sie zu töten: Sie wurden erhängt.

Hamburg. Alle nannten sie nur die "Heißmeyer-Kinder", und sie wurden beneidet, weil es ihnen damals, Ende 1944, besser ging als all den anderen Todgeweihten im Konzentrationslager Auschwitz. Sie bekamen mehr zu essen und sahen wohlgenährt und gesund aus. Warum das so war, wußten nur wenige Menschen, allen voran Dr. Kurt Heißmeyer, der für seine Experimente möglichst gesunde Kinder brauchte.

Heißmeyer war ein nur mäßig talentierter Arzt mit einem Lebenstraum: Er wollte Professor und ein zweiter Robert Koch werden. Seine Idee: Ein zweiter Tuberkulose-Herd soll nach Art einer Impfung die ursprüngliche Tuberkulose bekämpfen - eine abstruse Vorstellung, aber Heißmeyer war besessen davon und bekam Unterstützung von allerhöchster Stelle. Den Beweis sollten "Versuche mit minderwertigem Material" (Originalton Heißmeyer) erbringen, womit in Nazi-Deutschland Menschen gemeint waren - Kommunisten, Marxisten, Widerstandskämpfer, Geiseln, Zwangsarbeiter, Juden.

Ein möglichst verschwiegener Ort war schnell gefunden: das Konzentrationslager Neuengamme in Hamburg, von dem selbst gut informierte Einwohner der Stadt nur wenig wußten. Die menschlichen Versuchsobjekte holte sich Heißmeyer zunächst unter Erwachsenen "vor Ort" mit dem vorhersehbaren Ergebnis: Sie erkrankten alle und starben.

Aber so schnell gab der Möchtegern-Professor nicht auf. Jetzt wollte er es noch an "seinen" Kindern ausprobieren. Vier Tage vor dem ersten Advent 1944, am 29. November, holte er sie aus Auschwitz, die 20 Kinder, die meinten, sie hätten das Schlimmste hinter sich. Sie hießen Jacqueline Morgenstern (12), George André Kohn (12), Eduard "Edo" Hornemann (12) und sein kleiner Bruder Alexander "Lexje" (8), Lelka Birnbaum (12), Sergio Desimone (7), Marek Steinbaum (10), Rachela Zylberberg (10), Riwka Herszberg (7), Roman Zeller (12), Mania Altmann (5). Von anderen kennen wir nur die Nachnamen: Reichenbaum (10), Goldinger (11), Witnska (5), H. Wassermann (8), L. Klygermann (8), Mekler (11). Dann waren da noch drei, von denen nur Vornamen bekannt sind: Junglieb (12), James (6) und Desmonie (7).

Schon wenige Tage nach dem Eintreffen der Kinder in Neuengamme startete Heißmeyer seine Experimente: Bei allen begann nach zwei bis drei Tagen das Fieber, nachdem Heißmeyer ihre Haut eingeritzt und mit den Tuberkelbazillen eingerieben hatte. Um Weihnachten herum waren alle Kinder todkrank. Aber es war nicht das Ende der Torturen: Heißmeyer wollte herausbekommen, was bei einer TBC-Infektion mit den Drüsen in den Achselhöhlen der Kinder, den Axillardrüsen, geschehen würde: Sie wurden herausoperiert, in Formalinspiritus konserviert.

Die Kinder erlitten furchtbare Qualen. Am 20. April 1945, an dem Adolf Hitler seinen 56. und - was er zu diesem Zeitpunkt vielleicht ahnte, aber noch nicht wußte - letzten Geburtstag feierte, kam der Befehl aus Berlin: "Experimente abbrechen, Kinder exekutieren". Sie wurden abgeholt und zur Schule am Bullenhuser Damm gebracht, genauer in die ehemalige Schule, denn bei den verheerenden Luftangriffen von 1943 war sie teilweise zerstört worden, woraufhin dort unter Leitung des SS-Obersturmführers Arnold Strippel ein Konzentrationslager eingerichtet wurde, in dem zeitweise bis zu 600 Häftlinge untergebracht waren. Nun aber war das Lager leer, da die Gefangenen entweder getötet oder abtransportiert worden waren. Der Standortarzt Alfred Trzebinski schilderte, festgehalten in der Dokumentation "Prozeß Neuengamme", wie der stellvertretende Lagerkommandant, SS-Rottenführer Johann Frahm, die Kinder umbrachte.

Er habe Frahm gefragt, so Trzebinski, was nun geschehen sollte, und dieser habe ihm geantwortet: "Ich soll die Kinder aufhängen." Der Arzt spritzte den Kindern Morphium, "um ihnen wenigstens die letzten Stunden zu erleichtern". Den Kindern wurde erzählt, sie würden gebadet und müßten sich ausziehen. Nach kurzer Zeit schliefen die meisten. Frahm begann damit, sie einzeln zu töten. Trzebinski: "Frahm nahm einen zwölfjährigen Jungen auf den Arm und sagte zu den anderen: ,Er wird jetzt ins Bett gebracht.' Er ging mit ihm in einen Raum, der vielleicht sechs bis acht Meter von dem Aufenthaltsraum entfernt war, und dort sah ich schon eine Schlinge an einem Haken. In diese Schlinge hängte Frahm den schlafenden Jungen ein und hängte sich mit seinem Körpergewicht an den Körper des Jungen, damit die Schlinge sich zuzog." Nach und nach starben auf diese Weise alle Kinder. Ihre Leichen wurden nie gefunden - angeblich hat man sie im Krematorium von Neuengamme verbrannt -, aber das Drama vom Bullenhuser Damm blieb nicht unentdeckt. Nach Kriegsende begann die Jagd nach den Tätern.

Johann Frahm, der dumpfe Rottenführer, wurde kurz nach Kriegsende in Kleve bei Heide aufgespürt. Strippel, Trzebinski und Kurt Heißmeyer blieben zunächst unauffindbar. Trzebinski hatte sich von den Briten als Militärarzt im englischen Entlassungslager Neumünster anwerben lassen. Dank der Hartnäckigkeit von Anton Walter Freud, einem Enkel des berühmten Wiener Nervenarztes Sigmund Freud, wurde er am 1. Februar 1946 geschnappt. Im Curio-Haus an der Rothenbaumchaussee begannen am 18. März die Prozesse. Trzebinski und Frahm wurden zum Tode durch Erhängen verurteilt, ebenso wie der Bewacher des Kindertransports, Adolf Speck, und der Unterscharführer Wilhelm Dreimann, der die Kinder in den Keller gebracht hatte. Am 8. Oktober 1946 starben sie alle am Galgen.

Kurt Heißmeyer lebte unerkannt in Magdeburg und betrieb eine private Lungenklinik. 1963, vier Jahre nachdem im "Stern" ein Artikel erschienen war, wurde er festgenommen und zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Ein Jahr später starb er im Zuchthaus Bautzen bei Dresden an einem Herzinfarkt.

Der ranghöchste Verbrecher, Obersturmbannführer Arnold Strippel, wurde zwar wegen "gemeinschaftlichen Mordes" zu 21mal lebenslanger Haft verurteilt, aber frühzeitig begnadigt, worauf er eine erhebliche Haftentschädigung bekam. Ein letztes Verfahren 1987 wurde wegen Verhandlungsunfähigkeit eingestellt.

Hamburg hat lange gebraucht, mit den Ungeheuerlichkeiten vom 20./21. April 1945 angemessen umzugehen. Es ist vor allem dem Autor Günther Schwarberg zu verdanken, dessen Buch "Der SS-Arzt und die Kinder" die umfassendste und ergreifendste Schilderung der Leiden der Kinder vom Bullenhuser Damm ist, und der damit das Gewissen der Stadt aufrüttelte. Denn zunächst wollte man offenbar nichts davon wissen. In das ehemalige KZ Bullenhuser Damm zog zunächst eine Bibliothek der Seewetterwarte ein, danach wurde es wieder eine Schule. So, als wäre nichts geschehen. Der Keller, in dem die Kinder hingerichtet worden waren, war mit Müll vollgestopft. Behörden, Lehrerkollegium, Eltern, sie alle ignorierten das abscheuliche Verbrechen.

Erst 1963, immerhin 18 Jahre nach der Nacht des Grauens, wurde eine Gedenktafel angebracht - im Treppenhaus. Dann wurde die Schule in "Janusz-Korczak-Schule" umgetauft, nach einem polnischen Kinderarzt und Lehrer, der 1942 freiwiliig zusammen mit seinen jüdischen Schülern und Schülerinnen starb. Heute ist dort keine Schule mehr, sondern das, was es von Anfang an hätte sein sollen - eine Gedenkstätte. Seit Anfang der 90er Jahre erinnern auch Straßennamen in einem Neubauviertel in Schnelsen-Burgwedel an die ermordeten Kinder. Im ehemaligen Konzentrationslager Neuengamme sitzen immer noch Gefangene, zwar nur noch 220 und, so Justizsenator Roger Kusch vor wenigen Wochen, nur noch bis Ende dieses Jahres, bevor sie in die neue Justizvollzugsanstalt Billwerder umziehen. Dann gibt es in Neuengamme nur noch eine Gedenkstätte. Die erste, am 18. Oktober 1981 eingeweiht, wurde inzwischen umgestaltet und wird am 4. Mai, dem 60. Jahrestag der Befreiung, offiziell wieder eröffnet.

Sie wird mit dafür sorgen, daß die Erinnerung an die furchtbarste Zeit der deutschen Geschichte nicht verblaßt und daß das Schicksal der 20 Kinder vom Bullenhuser Damm niemals in Vergessenheit gerät.