Einführung der D-Mark

Währungsunion: Der Duft des neuen Geldes

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Egbert Nießler

Foto: Jockel Finck / Jockel Finck/AP

Die Einführung der Deutschen Mark vor 20 Jahren in der DDR nahm die Einheit des geteilten Landes vorweg. Sie wurde bejubelt.

Hamburg/Berlin. Dieses Geld hatte einen betörenden Duft. Die D-Mark roch nach Seife und anderen Kosmetika, Kaffee, Tabak, Textilien, Kaugummi und Süßigkeiten. Eine einzigartige olfaktorische Melange, die in keinem Kiosk oder Supermarkt der westlichen Hemisphäre zu genießen war - nur in den Intershops der DDR. Es war der Odem von Freiheit, Wohlstand und weiter Welt. Und auch wer kein Westgeld hatte, konnte wenigstens zum Schnuppern und Staunen hereinkommen - ganz ohne Ausreiseantrag.

Die harte Währung war überaus begehrt. Mit ihr war das Überleben in der Mangelwirtschaft deutlich angenehmer. Und sie teilte die sozialistische Gleichmacher-Gesellschaft in Habende und Nichthabende. Ein monetärer Sprengstoff, der wesentlichen Anteil am Untergang des Arbeiter- und Bauernstaates hatte.

Habende konnten sich von Verwandten aus dem Westen mit Devisen versorgen lassen, waren Künstler, die, vom Staat begünstigt, jenseits des sozialistischen Weltsystems auftreten oder verkaufen durften, Handwerker, die nur für "blaue Fliesen", so der Tarnname für 100-DM-Scheine, tätig wurden, oder Nebenberufsprostituierte, die in der Hafenstadt Rostock oder der Messestadt Leipzig ihre Dienste gegen harte Währung anboten. Wer all dies nicht war oder wollte, konnte immerhin auf dem Schwarzmarkt tauschen. Lange lag der Kurs bei 1:3, gegen Ende der DDR stieg er, die wahre wirtschaftliche Lage vorwegnehmend, auf 1:10.

Habende mussten sich überlegen, was sie mit den kostbaren Scheinen anfangen wollten: weitersparen auf eine größere Anschaffung wie Jeans oder ein Produkt aus dem Sortiment Unterhaltungselektronik; oder sich dem schnellen Konsumrausch hingeben. Etwa mit einer Flasche Sekt, bei deren Öffnung nicht die Hand an einer Zuckerkruste kleben blieb wie bei den ungarischen oder rumänischen Schaumweinen. Oder mit dem Duft von Freiheit und Abenteuer, deren Verpackung, dekorativ auf einen Restauranttisch gelegt, der Ausweis von Internationalität war. Selbst der Genuss einer Dose Bier auf einer Parkbank hob den Trinker über die gewöhnliche Gesellschaft, denn die DDR-Getränkekombinate offerierten mangels Weißblech nichts Derartiges.

Nichthabende mussten mit dem übersichtlichen Angebot des sozialistischen Einzelhandels auskommen, unendlich viel Geduld bei Handwerkern aufbringen. Oder sich im Urlaub in den Bruderländern demütigen lassen, wenn sich etwa am Nachbartisch in Prager Bierschwemmen minderjährige Schulklassen aus Bayern hemmungslos besoffen, von beflissenen Kellnern umkreist wie die liebe Sonne von ihren Planeten, während man selbst im servicefreien Raum, die letzten Kronen zählend, der Rückkehr in den tristen Alltag entgegendämmerte.

Diese Zustände wurden endgültig unhaltbar, nachdem die Mauer gefallen war. Die Freiheit war errungen, doch ohne das richtige Geld war sie nicht die Hälfte wert. Spätestens nach den ersten demokratischen Volkskammerwahlen der DDR-Geschichte am 18. März 1990 und dem überwältigenden Sieg der "Allianz für Deutschland" war die Frage nach Währungsunion und Wiedervereinigung keine Frage mehr, sondern eine möglichst bald zu regelnde Notwendigkeit - was die monetäre Seite betraf, wider die Vernunft, aber politisch unausweichlich. Oskar Lafontaine, der vehementeste politische Kritiker von Währungsunion und schneller Wiedervereinigung, zahlte seine Auftritte mit Wahlniederlagen und Liebesentzug für die SPD im Osten des Landes bis heute. Der damalige Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl trat zurück. Manche Ökonomen rauften sich die Haare. Aber Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), sein Finanzminister Theo Waigel (CSU), der frisch gewählte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière und fast alle Noch-DDR-Bürger sahen keine Alternative. Wohl zu Recht.

Kohl hatte schon vor der Wahl die Währungsunion vorgeschlagen. Getreu der Losung "Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehen wir zu ihr" strömten seit der Öffnung der innerdeutschen Grenzen täglich Tausende Richtung Westen. Und mit der maroden Volkswirtschaft der immer noch real existierenden DDR ging es weiter rapide bergab.

Am Abend des 18. Mai unterzeichneten die Finanzminister Theo Waigel (CSU) für die Bundesrepublik und Walter Romberg (SPD) für die DDR in einer feierlichen Zeremonie in Bonn den Vertrag über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. Romberg mit gesenktem Haupt. Einer demonstrativen Demutsgeste als Unterlegener, wie er bekannte. Nachdem die Parlamente beider Staaten den Vertrag gebilligt hatten, trat er am 1. Juli in Kraft. Löhne und Gehälter, Renten, Pensionen und bestimmte Sozialeistungen sollten 1:1 umgetauscht werden. Für Bargeld und Sparguthaben gab es für diesen Kurs Obergrenzen: für Kinder bis 14 Jahren lag sie bis 2000 DDR-Mark, für bis zu 59-Jährige bei 4000 und für Ältere bei 6000 DDR-Mark. Für höhere Beträge galt der Kurs 2:1. Auch alle Schulden wurden halbiert.

Ökonomen waren einigermaßen entsetzt, die meisten Politiker zufrieden, die DDR-Bürger konnten begeistert sein. Und sie standen, nun da Datum und Rahmenbedingungen bekannt waren, vor bisher ungeahnten Herausforderungen: Was tun, um möglichst viel Geld 1:1 umrubeln zu können und Angespartes möglichst effektiv in die neue Ära zu retten? Manche kauften in der irrigen Annahme, die Waren später für Westgeld wieder losschlagen zu können, was der Geldbeutel hergab - Kassettenrekorder, Waschmaschinen, Fernseher für 5000 Ostmark oder gar noch ein Auto aus sozialistischer Produktion. Eine grob fahrlässige Unterschätzung westdeutscher Handelsunternehmen und am Ende deutlich verlustreicher als die Halbierung per Gesetz. Andere lösten Lebensversicherungen auf, weil diese nicht 1:1 übernommen wurden, und verteilten überschüssiges Geld auf weniger begüterte Freunde und Verwandte.

Viele blieben aber auch einfach gelassen und warteten auf den Tag X - weil sie gar nichts zu verteilen hatten. Das Warenangebot war in den vergangenen Monaten beständig besser geworden. Überall in den Innenstädten gab es Stände mit westdeutschem Bier, fliegende Händler brachten alles Mögliche unter das nachholbedürftige Volk, und die Kelly-Familie, damals noch ganz am Anfang ihrer Karriere, lieferte in den Fußgängerzonen den nervtötenden Soundtrack dazu.

In den letzten Tagen vor dem 1. Juli 1990 änderte sich die Lage allmählich. Die Kaufhäuser und Läden waren mit Ausverkauf und Inventur beschäftigt. Alles musste raus oder gezählt und neu ausgepreist werden. Mit den Geschäften leerten sich auch die Fußgängerzonen. Eine Stimmung wie am letzten Tag der großen Sommerferien machte sich am 30. Juni, einem Sonnabend, breit. In die Vorfreude auf das neue Geld mischten sich auch etwas Wehmut und ein Schuss Unsicherheit. Dass hier nicht nur eine neue Währung, sondern ein komplett neues Leben vor der Tür steht, dämmerte spätestens jetzt den meisten.

Dann war es vorbei mit der Stille. Mit Polizeieskorte, Blaulicht und Tatütata inklusive, rollten ununterbrochen die Geldtransporter zu den Bankhäusern im Osten. Ein Viertel der für die Operation bereitgestellten 25 Milliarden D-Mark sollte gleich in Umlauf gebracht werden. Deutschland hatte einen Ruf als Organisationsweltmeister zu verlieren - und ihn in der Nacht auf den 1. Juli glänzend verteidigt.

In Berlin und anderswo konnten die Geldhungrigen punkt Mitternacht nach den ersten Scheinen greifen und sie stolz in die Kameras halten. Parallel dazu begann der Weg der DDR-Mark in Papiermühlen und Metallschmelzen. Und erneut spaltete sich das Volk in zwei Lager: Diejenigen, die unbedingt unter den Ersten mit neuem Geld sein wollten, und die, die des Schlangestehens ein für alle Mal überdrüssig waren. Ausgezahlt wurde auch noch am Montag - und allen folgenden Tagen. Für die allermeisten waren es auch nicht die ersten D-Mark-Scheine, die sie nun in die Hände bekamen. Wer sich nicht in der ersten Nacht oder am frühen Sonntagmorgen in die Auszahlungsstellen drängte, war eher zufrieden als euphorisch. Ein wichtiger Schritt geschafft!

Der erwartete große Kaufrausch kam denn auch mit einer Woche Verzögerung. Erst noch mal arbeiten, sich besinnen und in den Arm zwicken - und dann am verkaufsoffenen Sonntag ab in die neue bunte Warenwelt. Ganz oben auf den Einkaufszetteln rangierten Videorekorder, Fernsehgeräte, Golf GTI. Und Reisen! Endlich die Welt als vollwertiger Mensch sehen, weder gebremst durch Grenzen noch durch Devisenmangel!

Doch mit der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion wurde nicht nur die D-Mark in der DDR eingeführt, sondern das gesamte System der Sozialen Marktwirtschaft, inklusive Wirtschafts- und Arbeitsrecht der Bundesrepublik. Viele Ostdeutsche hatten geglaubt, dass ihre DDR ein bürokratisches Ungetüm gewesen sei. Sie mussten erkennen, dass der Papierkrieg noch deutlich steigerungsfähig war. Mit dem Geld änderten sich die kompletten Lebensumstände. Mit der Sozialunion wurde die DDR-Sozialversicherung durch die westdeutschen Renten-, Kranken-, Arbeitslosen- und Unfallversicherungssysteme ersetzt und entsprechend finanziell ausgestattet. Schließlich fielen endlich auch die Grenzkontrollen zwischen den Ländern endgültig. Gefühlt war für die Menschen das der Tag der Wiedervereinigung.

Zugleich wurden die Betriebe unter die Verwaltung der Treuhand gestellt, die für die Privatisierung sorgen sollte. Um die Konkurrenzfähigkeit der Betriebe war es in den allermeisten Fällen mit der Währungsunion endgültig geschehen. Wer will schon noch klebrigen Schokoladenersatz, wenn es Schweizer Markenware gibt, oder einen Lada von der Wolga, wenn der 3er von der Isar um die Ecke zu haben ist? Den Firmen kam die Kundschaft vor Ort schlagartig abhanden, ebenso wie die Märkte in den ehemaligen Bruderstaaten. Die bedienten sich nun ebenfalls auf dem Weltmarkt oder hatten keine Devisen, die sie jetzt für "made in GDR" hinlegen sollten. So kündigten sich die Vorboten der Massenarbeitslosigkeit an und trübten die Freude über frisch gewonnene Freiheit und neuen Wohlstand. Der Strom von nach Westen abwandernden Fachkräften war gebremst worden, aber längst nicht versiegt. Zudem begann sich eine ganze Armada von Pendlern zu formieren, die bis heute die Autobahnen an Wochenenden bevölkert.

Andererseits begannen die Landschaften wirklich zu blühen. Die aschgraue DDR bekam Farbe. Denjenigen, die Arbeit hatten, und der Jugend stand die Welt offen. Der Traum vom Eigenheim wurde realistisch, ein Leben planbar. Aber genauso klar war, dass es bis zum Wohlstand des Westens noch mehrere Generationen des Aufholens bedürfen würde.

Und auf einmal war die D-Mark kein kostbares Geschenk mehr, kein kleiner Schatz, der dem Alltag etwas Glanz verleihen konnte. Wie jeder Rausch war auch der des Geldumtauschens bald verflogen. Die einst geradezu mystische Währung musste erarbeitet und für ganz profane Dinge wie Brot, Fahrkarten oder Mieten ausgegeben werden. Intershops gab es nicht mehr. Das Geld hatte seinen betörenden Duft für immer verloren.

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