Kommentar

Aus Fehlern anderer lernen

Ganztags-Grundschulen: Senat soll Sorgen ernst nehmen.

Unterricht von 8 bis 13 Uhr, dann Mittagessen und Betreuung bis 16 Uhr: So soll das Leben künftig an Hamburger Grundschulen aussehen, geht es nach dem Willen des Senats. Die Erfahrungen, die an Modellschulen gemacht wurden, sollen jetzt in die Umsetzung des Konzepts miteinfließen. Der Plan: bis 2013 ganztägige Bildung und Betreuung flächendeckend für Kinder von der Vorschule bis zur vierten Klasse. Doch es formiert sich zusehends Widerstand. Zu schnell werde das Modell vorangetrieben, es sei mit zu vielen Zwängen, die ins Familienleben eingreifen, verbunden, warnen die Kritiker. An die Speerspitze haben sich nach der Elternkammer auch der Landeselternrat und Walter Scheuerls Initiative "Wir wollen lernen" gesetzt. Spätestens jetzt sollte dem Senat klar sein: Egal wie überzeugt Behörden und Politiker von der Notwendigkeit und dem künftigen Erfolg der Ganztags-Grundschulen sind - es ist Fingerspitzengefühl vonnöten.

Denn der Niedergang der Primarschulreformpläne begann mit einem Zusammenschluss der Kritiker, die auch teilweise die von heute sind. Und die Stärke der Protestbewegung wuchs parallel zum Vorwurf an die damals Regierenden, den vorgebrachten Argumenten nicht oder zu wenig Gehör zu schenken. Nach Demonstrationen und Volksentscheid war die Primarschule am Ende vom Tisch. Die Wiederauflage kräftezehrender Auseinandersetzungen steht vermutlich bei niemandem auf dem Wunschzettel. Die Verantwortlichen sollten vielmehr aus den Fehlern anderer zu schwarz-grünen Regierungszeiten lernen. Demnach benötigt die Einführung der Ganztags-Grundschule so viel Kommunikation und Information wie möglich und so viel Zeit wie nötig

Umgekehrt müssen sich auch die Kritiker fragen lassen, ob sie die positiven Seiten einer ganztägigen Bildung und Betreuung ausreichend abgeklopft haben. Wer sein Kind beispielsweise an drei Tagen in die Ganztags-Grundschule schickt, hat immer noch genug Zeit für individuelle Pläne. Vielleicht profitiert der Sohn oder die Tochter sogar von den Angeboten? Und wer die Idee grundsätzlich gut findet, muss auch zu Solidarität und Kompromissen bereit sein.