Nach Kino-Film

Fatih Akins Soulkitchen in Wilhelmsburg droht der Abriss

Foto: Roland Magunia

Hamburg kündigt den Mietvertrag mit Künstlern, um den berühmten Drehort anders zu vermarkten. Droht die Wirklichkeit den Film einzuholen?

Hamburg. Dicker Rost überzieht die alten Eisenbahnschienen, die direkt vor der Soulkitchen liegen. Dazwischen: einige wild wachsende Büsche und Birken, die sauber gestutzt sind. Zwei Dutzend junge Menschen sitzen an diesem frühen Abend in oder vor dem Holzgebäude.

Ein letzter Sonnenstrahl fällt durch den Eingang in die dunkle Halle, die erfüllt ist mit der wunderschön klaren Stimme von Ina Bredhorn, denn die Funk-Pop-Gruppe Hier & Jetzt hat Soundcheck, Ina singt solo und laut. Stunden später wird sie vor Hunderten von Gästen singen.

Der preisgekrönte Film „Soul Kitchen“ von Fatih Akin zeigte 2009 den Kampf um das von Schließung bedrohte gleichnamige Restaurant, einen, so die Macher, „Kampf für die Heimat als einen Ort, den es in einer zunehmend unberechenbaren Welt zu schützen gilt“.

Nun droht die Wirklichkeit den Film einzuholen: Die Finanzbehörde hat den Überlassungsvertrag mit den Soulkitchen-Betreibern gekündigt. Ende Dezember soll hier Schluss mit einer Immobilie sein, die als Drehort für den Film bundesweit berühmt wurde. Als Grund gibt der Vermieter, die Sprinkenhof AG, an. „weitere Bodenverunreinigungen vermeiden zu wollen“, sagt Sprinkenhof-Vorstandssprecher Henning Tants zum Abendblatt.

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Die Finanzbehörde spricht dagegen nur von Bodensanierungen, die – in?klusive Abriss – nötig seien, um das Gelände ab 2014 neu vermarkten zu können. Dann gäbe es dort nur eine platte Fläche.

Betreiber Mathias Lintl sitzt mit „Raketenmädchen“ Inga Pauls – DJ – auf der Rampe der Soulkitchen, lässt die Beine baumeln. Lintl sieht die Kün?digung gelassen: „Wir machen ohne Förderung ein feines Programm, und es gibt so viele Leute, die wollen, dass wir hier bleiben. Und wir haben den Stadtteil im Rücken“, sagt er. „Jetzt machen wir die Jahresplanung für kommendes Jahr.“

13.000 Gäste seien seit Juni 2010 in der hölzernen Halle gewesen, die Lintl als einen „Ort für Kunst und Kulturproduktion, für Experimente und Geselligkeit“ beschreibt.

In dem gusseisernen Fachwerkbau gibt es keine Heizung. Das ist aber egal, denn die große Zahl der Tänzer oder Gäste schafft genügend Wärme. Der Regisseur Fatih Akin sagte dem Abendblatt: „Ich hoffe sehr, dass die Halle ein kultureller Treffpunkt bleiben kann. So einen Ort gibt es viel zu selten.“ Als der Film dort entstand, habe er gehört, dass die Halle danach „für neue Parkplätze oder Ähnliches“ abgerissen werden soll. Akin: „Daher waren wir hocherfreut, als wir davon hörten, dass die Halle jetzt von Wilhelmsburger Künstlern genutzt wird – etwas Besseres konnte gar nicht passieren!“

Auch Mathias Lintl schwärmt: „Wir schauen hier aus der Soulkitchen in einen großen freien Himmel. Nach 20 Uhr fährt kaum noch ein Laster, und laute Musik stört hier niemanden.“ Man hätte eine gewisse Narrenfreiheit, würde von den Ämtern in Ruhe gelassen. „Kein anderer Ort und kein anderes Konzept haben es in den vergangenen zehn Jahren in Wilhelmsburg geschafft, sich fest in der Kulturszene zu etablieren und diese maßgeblich zu befördern.“ Dafür sei das nichtkommerzielle „offene Konzept“ mitverantwortlich. „In der Soulkitchen gibt es neben Musik auch ein breit gefächertes anderes Programm: Werkstatt, Filme, Theater, Proben, Lesungen, Tanz, Märkte, Partys, Meetings, Fotoshooting, Sport und Experimente“, sagt Mathias Lintl. 500 Künstler, Musiker und andere haben bis heute kulturelle Produktionen an 150 Tagen auf die Beine gestellt. Überschüsse aus den Einnahmen werden ins Gebäude investiert; die Macher arbeiten ehrenamtlich.

Was nach der Soulkitchen-Zeit kommen soll, ist den Verantwortlichen der Stadt nicht bekannt. Nein, einen Investor für das 16.000 Quadratmeter große Grundstück gebe es nicht, sagt Daniel Stricker, Sprecher der Finanzbehörde. „Auch, was gebaut wird, steht noch nicht fest.“ Hamburg wolle den Investoren attraktive Gewerbeflächen anbieten. Dafür solle der Boden – dort stand einmal ein Zinnwerk – saniert werden. Stricker: „Das ist dringend erforderlich.“ Markus Schreiber (SPD), Bezirksamtsleiter Hamburg-Mitte, sagt: „Ich finde den Abriss schade.“

Hubert Lakenbrink Projektkoordinator der Internationalen Bauausstellung (IBA) in Wilhelmsburg glaubt: „Wenn wirklich wegen Bodenverunreinigungen Gefahr im Verzug wäre, könnte man das riesige Gelände sanieren und die Institution Soulkitchen erst mal stehen lassen. Wenn es keinen Investor oder Neubauplan gibt, sehe ich keinen Druck, abzureißen.“ Auch Egbert Rühl, Chef der Hamburg Kreativ Gesellschaft sagt: „Die Soulkitchen ist eine ideale Nutzung für das Quartier, für Wilhelmsburg, für Hamburg.“

Und wie geht der Protest nun weiter? „Wir werden uns etwas Kreatives einfallen lassen “, sagt Mathias Lintl. Wollen die Künstler die Halle notfalls besetzen, ähnlich wie 2009 das Gängeviertel in der Neustadt? Dazu Mathias Lintl: „Wir besetzen hier nichts. Wir bleiben einfach.“