Leitartikel

Trauriger Telemichel

Foto: Michael Rauhe

Der Hamburger Fernsehturm ist nur ein Symptom. Hier fehlt ein Band der Lebendigkeit

Es gibt Bauwerke, die strahlen selbst bei schönstem Wetter Kälte aus. Sie stehen da wie bestellt und nicht gebraucht. Keiner will sie haben. Gleich, ob grauer Beton oder lichtes Glas, es fehlt ihnen das Leben drinnen und drum herum. Guy de Maupassant, ein kritischer Zeitgeist, nannte den Eiffelturm ein "scheußliches Gerippe" und war trotzdem oft dort im Restaurant, "weil das der einzige Ort in Paris ist, wo man das verfluchte Ding nicht sehen kann".

Man mag darüber streiten, ob der Hamburger Fernsehturm dem Werk des Monsieur Eiffel architektonisch unterlegen ist oder nicht, aber man kann in ihm nicht mehr hochfahren, sondern ihn nur von außen sehen. Ältere Hamburger erinnern sich an den fantastischen Blick von oben auf die Stadt. Doch seit zehn Jahren ist die Aussichtsplattform geschlossen. Das ist nicht nur ein trauriger Rekord, sondern auch die Höhe. Der Fernsehturm, dem nur ein "Sendungsbewusstsein" für TV-Wellen gestattet wird, gammelt vor sich hin. Das Geschäftsmodell Telemichel, wie es einmal geplant war, funktioniert nicht mehr. Wenn es überhaupt je lukrativ war. Was soll denn ein Latte macchiato kosten, damit der Betreiber auf seine Kosten kommt?

Doch das Problem ist grundlegender. Unter dem Heinrich-Hertz-Turm, wie er offiziell heißt, gegenüber von Planten un Blomen, tobt das Leben allenfalls in Form von Autoverkehr. Das höchste Gebäude der Stadt allein ist als Attraktion zu wenig. Wenn Hamburg das Tor zur Welt ist, dann muss man mal durchs Tor gehen und sich zum Beispiel Sydney anschauen. Dort gibt es auch einen Tower, eingebettet in ein Zentrum mit vielfältigen Erlebnisbereichen und unzähligen Geschäften. Und einen Latte gibt's auch. In der australischen Stadt steht der Turm mittendrin statt nur dabei.

Der Blick in einer Metropole muss sich auf das Kerngeschäft richten, was partout nicht heißen soll, dass in der Stadt der Pfeffersäcke nur noch Büros gebaut werden, die schwer zu vermieten sind. Im wahren Wortsinn geht es um die zentrale Frage: Wie zieht sich ein Band der Lebendigkeit durch die innere Stadt? Leider ist in manchem Supermarkt abends mehr los als in der Mönckebergstraße.

Hamburg wächst - zu Recht - auch nach Süden. Der Sprung über die Elbe wird möglicherweise mit einer Seilbahn über dem Strom gelingen, was übrigens Koblenz mit einer solchen über den Rhein zur Bundesgartenschau erfolgreich praktiziert. Und Hamburg besitzt den Vorzug einer riesigen Asphaltbrache an zentraler Stelle. Das Heiligengeistfeld gehört zu den fürchterlichsten Flächen der Weltstadt - wenn nicht gerade der Trubel des Doms den Platz erfüllt oder ein Zirkus gastiert. Also, Manege frei für die Stadtplaner! Hier bietet sich ein weites Feld. Wie wär's mit einem Dauer-Dom ähnlich dem Tivoli in Kopenhagen oder dem Gröna Lund in Stockholm? Der darf gern privat finanziert werden, um die Stadtkasse zu schonen. Auch Kultur und Subkultur sind denkbar. Ein Wettbewerb platzgreifender Ideen könnte ein attraktives Viertel im Viertel schaffen. Auf die richtige Mischung kommt es an. Die Aufgabe muss lauten: Platz gestalten, nicht Platz machen. Denn der ist glücklicherweise schon da.

Das Heiligengeistfeld könnte zum Bindeglied zwischen Hafen, Reeperbahn und Schanze werden. Alles nur Action? Nein, Lebendigkeit. Das ist das, was die kalten Orte brauchen.

Übrigens - zum Fernsehturm ist es von dort nur ein Katzensprung.