Leitartikel

Die gespaltene Stadt

Hamburg driftet auseinander - nur langsam wird gegengesteuert

Geteilte Stadt - da denken die Hamburger sofort an die Vergangenheit, die Mauer, an Berlin. Dabei hätten sie durchaus Gelegenheit, beim Begriffspaar "Geteilte Stadt" einmal etwas Unerhörtes zu denken, an die Gegenwart, an die Mauer in den Köpfen, an Hamburg.

Die aktuelle Studie des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts im Auftrag der Haspa hat erschreckende Daten und unbequeme Wahrheiten zusammengetragen, die gerne verdrängt werden. So ist der Anteil der Jugendlichen in Wilhelmsburg oder Altona, die die Schule ohne Abschluss verlassen, bis zu 100-mal höher als in Blankenese. In gleich sechs Stadtteilen - Veddel, Billstedt, Wilhelmsburg, Dulsberg, Rothenburgsort und Harburg - lebt fast jedes zweite Kleinkind von der Sozialhilfe.

Das alles kommt nicht überraschend, sondern ist auch das Ergebnis einer Politik, die auf Segregation, auf Entmischung bewusst setzte oder ihr zumindest nicht mutig entgegenwirkte. So hat die Stadtplanung in den vergangenen Jahrzehnten den Süden vernachlässigt - er bekam problematische Großsiedlungen und nur die Infrastruktur, die der Norden nicht wollte: Mülldeponie, Schnellstraßen, Kraftwerke. Viel besser erging es auch den sozialen Randlagen im Norden nicht - so wartet die Großsiedlung Steilshoop bis heute auf eine vernünftige Anbindung an den Nahverkehr.

Die Teilung der Stadt spiegelt sich auch in den Köpfen. Viele Hanseaten grenzen Veddel, Harburg und Wilhelmsburg aus, wenn sie witzeln, der Balkan fange südlich der Elbe an. Viele Hamburger wissen wenig über die Realität in den sozialen Brennpunkten, vielen Kindern aus diesen Stadtteilen geht es andersherum ähnlich - sie waren noch nie im Hafen oder an der Alster. Politisch gibt es längst eine Zweiklassengesellschaft - bei der Volksabstimmung zur Primarschule lag die Wahlbeteiligung in Nienstedten fünfmal so hoch wie in Billstedt, bei Bürgerschaftswahlen liegen zwischen den Walddörfern und Wilhelmsburg Welten. Dieses Gefühl der Spaltung, der Entfremdung, schürt das Unbehagen in der Bevölkerung über die Gentrifizierung, wenn Stadtteilentwicklung nur noch als Verdrängung wahrgenommen wird.

Immerhin beginnt sich etwas zu bewegen: Die Internationale Bauausstellung lockt auch eingefleischte Nordelbier südwärts, Studenten ziehen auf die Veddel, Hamburg diskutiert endlich seine Stadtentwicklung und investiert in Bildung. Das alles ist ein Anfang, mehr ist es noch nicht.