Klein Flottbek

Martin Freiherr von Jenisch, der Herr des Derbyparks

Foto: Juergen Joost

1828 erwarb die Familie von Jenisch die Ländereien in Klein Flottbek. Bis heute haben auch die Nachfahren eine Vorliebe für edle Pferde.

Klein Flottbek. Hochspannung beim 82. Deutschen Springderby morgen, Traumwetter mit viel Sonnenschein, 25 000 Zuschauer, tolle Stimmung, Fernsehbilder in die Welt, edle Pferde zum Greifen nah - und das auf eigener Scholle. Hat nicht jeder. Es sei denn, man heißt Martin Freiherr von Jenisch und ist Besitzer des Derbyparks in Klein Flottbek.

Traditionsgemäß fährt der Unternehmer auch an diesem Wochenende von seinem Gut Blumendorf bei Bad Oldesloe in den reitsportbegeisterten Westen der Hansestadt, um den Wettstreit um das Blaue Band live mitzuerleben. Bereits gestern war er vor Ort.

Von seinem Stammplatz auf der Terrasse des Ehrengastzeltes aus hat Martin Freiherr von Jenisch exzellente Sicht auf den Parcours, der mit Hindernissen wie Pulvermanns Grab, dem Wall, Holsteiner Wegesprüngen oder Birkenoxer als schwierigster der Welt gilt. Am Sonnabend kommt der Freiherr einer angenehmen Pflicht nach und überreicht im Dressurstadion nebenan den von ihm gestifteten Ehrenpreis in der Grand-Prix-Kür.

Dabei begleitet ihn das gute Gefühl, herausragenden Sport auf jenem Areal zu erleben, das sein Vorfahre Martin Johann Jenisch 1828 erwarb, pflegte und weiterentwickelte. Der Derbypark mit der Arena und dem uralten Eichenbestand ist seit 1928 an den Norddeutschen und Flottbeker Reiterverein verpachtet. Der Vertrag wurde einst per Handschlag geschlossen, wie unter Ehrenmännern durchaus üblich. Noch bis 2030 gilt die Vereinbarung, doch gilt eine automatische Verlängerung als ungeschriebenes Gesetz. Warum? Weil das Derby längst in Klein Flottbek zu Hause ist. Und weil das Grundstück eine lange Geschichte hat, die mit der Natur und den Pferden eng verbunden ist. "Schon als Kind bin ich mit meinem Vater hierhergekommen", erinnert sich Martin von Jenisch an vergangene, aber keinesfalls vergessene Tage. "Wir waren fasziniert von den Pferden und haben unter den Eichen getollt." Heute sind seine Kinder an der Reihe, sich unter den Eichen zu tollen.

Betriebswirt Martin von Jenisch, der sich beruflich um Landwirtschaft mit Schwerpunkt auf erneuerbare Energien kümmert, kommt mit erheblich mehr Pferdestärken angereist als sein Großvater Martin Rücker von Jenisch. Der ließ nämlich noch die Kutsche anspannen. Zwar sind es vom Jenisch-Haus nur ein paar Meter bis zum Derbyplatz, doch die formvollendete Anreise ist auch eine Frage des Stils. Wie gut, dass Thyra von Jenisch ein kleines rotes Gesellschaftsbuch führte, das nach wie vor erhalten ist. Darin ist genau festgehalten, wer wann Gast im Jenisch-Haus war, welche Speisefolge gereicht wurde, welches Kleid sie trug.

In der Regel wurde fürstlich getafelt, die Weltkriege einmal ausgeklammert, und Deutschlands Kaiser und andere Regenten aus aller Welt genossen ebenso wie Politiker, Diplomaten, Bürgermeister, Bankiers und Kaufleute das großbürgerliche, hanseatische Ambiente im klassizistischen Jenisch-Haus.

Gegen 16 Uhr pflegte man sich zum Tee zu treffen, anschließend wurde diniert. Die Tafeldekoration bestand aus Goldbronze. Dabei handelte es sich um Kandelaber und Schalen für Früchte, die Baron Voght dem Marschall Davoût beim Auszug der Franzosen aus Hamburg anno 1813 abgekauft hatte.

Während sich die Herren auf einen - oder auch zwei oder auch mal drei Cognacs - und gute Zigarren in die Bibliothek zurückzogen und die Favoritenlage vor dem Deutschen Derby diskutierten, widmeten sich die Damen bei Plätzchen und dem Gewürzlikör Anisette wichtigeren Dingen des Lebens. Gegen 23 Uhr, so heißt es in den Aufzeichnungen, wurden die Kutschen vorgefahren. "Noch bis 1925 hatten wir auf unserem Flottbeker Besitz nur Wagen und Pferde", zitierte das Hamburger Abendblatt in seiner Ausgabe vom 21. Dezember 1963 Thyra von Jenisch. Mit der Aufnahme in den Adelsstand und der Freiherren-Würde 1906 war übrigens das "von" hinzugekommen.

Thyras Ehemann Martin Rücker von Jenisch wollte sich an die modernen Autos nicht gewöhnen - und noch viel weniger an die Chauffeure. Folglich standen in den strohbedeckten Remisen und Ställen an der heutigen Baron-Voght-Straße vier Kutsch- und zwei Reitpferde. Die Familie besaß ein Coupé, einen viersitzigen Landauer sowie die Victoria, einen Zweisitzer mit zurückschlagbarem Lederverdeck. Hoch auf dem Bock thronte der Kutscher, in blauer Livree mit Silberlitzen und mit dem Jenisch-Wappen (Schwert und Lilie) auf den Knöpfen.

Nur drei Monate im Jahr lebte das Paar im Jenisch-Haus, die restliche Zeit stand Martin Rücker von Jenisch dem Kaiser als Diplomat und Reisebegleiter zur Verfügung. Manchmal kam Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg auf einen Klönschnack vorbei. Die letzte deutsche Kaiserin hatte ebenso wie ihr Angetrauter Wilhelm II. ein ausgeprägtes Faible für Pferde.

In den Gründerjahren des Springderbys mussten die Jenischs ein bisschen weiter fahren. Im April 1914 lud der pferdenärrische Kaufmann Eduard F. Pulvermann zu einem Wettbewerb in privatem Rahmen auf sein Grundstück an der Elbchaussee in Dockenhuden bei Blankenese ein. Sechs Jahre später, am 26. Juni 1920, wurde auf dem Poloplatz an der heutigen Jenischstraße das erste Deutsche Springderby ausgetragen.

Auf Anhieb wurde ein Rekord für die Ewigkeit aufgestellt: Der Sieger Paul Heil im Sattel des irischen Hengstes Cyrano belegte mit Hexe und Grey Lad auch die Plätze zwei und drei. Seit 1928 hat das Derby seine heutige Heimat zwischen Jürgensallee und Baron-Voght-Straße.

Nicht nur in den Elbvororten galt es als Ritterschlag, anlässlich des Derbys zum Diner ins Jenisch-Haus geladen zu werden. Den letzten großen Festschmaus dort hat Thyra von Jenisch penibel in ihrem roten Büchlein festgehalten. Das Abendessen fand am 25. Juni 1933, dem Derbysonntag, statt. Im Parcours gewann Baccarat. Und abends wurden warmer Hummer mit Dillsauce, Rehrücken mit Waldorfsalat, Käsegebäck und Erdbeergefrorenes serviert.

Im Rahmen des Plans einer "Führerstadt" sollten Park und Haus von den Nazis in eine "Hansische Universität" verwandelt werden. Die Baronin zog daraufhin endgültig hinaus aufs Land: ins Herrenhaus Blumendorf bei Bad Oldesloe. Seitdem ist der Weg zum Derby für sie und ihre Nachfahren weiter geworden. Die emotionale Nähe ist geblieben.