Zwischenruf

Gewerkschafter vs. Gewerkschaft

Eine Glosse von Nico Binde

Der flott DGB abgekürzte Deutsche Gewerkschaftsbund sieht sich ja gern in der Tradition Robin Hoods, als Rächer und Schutzpatron des kleinen Arbeitnehmers. Nicht umsonst erhielten Legionen von Betriebsräten in den DGB-Bildungszentren ihr Rüstzeug für den Arbeitskampf - Seminare wie "Höflich formulierte Kritik am Vorstandsvorsitzenden" oder "Das Wesen der Trillerpfeife im Zeitalter der Blechblasinstrumente" waren brechend voll. Doch nun ist die Hamburger DGB-Kaderschmiede für Betriebsräte selbst in Gefahr. Zum Ende des Jahres soll auf Geheiß des Bundesvorstandes das hauseigene Bildungszentrum in Sasel schließen, der Belegschaft gekündigt werden. Im Fußball nennt man so etwas Eigentor.

Für Betriebsräte und Gewerkschafter war es indes an der Zeit, das Gelernte im eigenen Interesse anzuwenden, weshalb sich gestern die gewerkschaftlichen Waffen (Trillerpfeifen, Plakate, höflich formulierte Kritik) gegen das eigene Haus wandten. Daraus ergab sich die skurrile Situation, dass Gewerkschafter gegen ihre Gewerkschaft protestierten und etwa 50 Demonstranten ihren Groll über so viel Doppelmoral in der Parole "Vorne hui, hinten pfui" gipfeln ließen.

Dabei hätte der Bundesvorstand den hausgemachten Aufschrei ahnen können, wenn die DGB-Bosse nur des Öfteren Heinrich Heine zur Hand nehmen würden. Schließlich dichtete der Schriftsteller allen Moralaposteln schon vor mehr als 150 Jahren ins Stammbuch: "Ich weiß, sie tranken heimlich Wein und predigten öffentlich Wasser."