Zwei Bischofskandidatinnen: Fünf Fragen an Ulrich Rüß

Nordelbien braucht keine Quote

Pastor Ulrich Rüß, 67, ist Vorsitzender der Konferenz Bekennender Gemeinschaften in der Evangelischen Kirche in Deutschland

Hamburger Abendblatt:

1. Mit Kirsten Fehrs und Petra Bahr bewerben sich zwei Frauen als Nachfolgerin von Bischöfin Maria Jepsen. Braucht die Nordelbische Kirche inzwischen eine Männerquote?

Ulrich Rüß:

Die Nordelbische Kirche braucht weder Männer- noch Frauenquote. Bei dem Leitungsamt der Kirche sollte es um geistliche Kriterien, um die entsprechende Gabe, Qualifikation und Kompetenz und nicht um das Geschlecht gehen. Die Aufstellung von gleich zwei Bischofskandidatinnen weist jedoch eher auf "Quotenbischöfin" hin.

2. Ist die Kirche durch Pastorinnen und Bischöfinnen zu liberal geworden?

Rüß:

Liberal sein ist nicht geschlechtsspezifisch. Liberal ist im Übrigen auch kein kirchliches Kriterium. Es ist aber offensichtlich, dass die Kirche sich säkularisiert hat, dem Zeitgeist weithin anpasst und den Eindruck einer Beliebigkeit vermittelt. Die Kirche steckt nicht nur in einer Finanz-, sondern auch in einer Glaubenskrise. Seelsorge am Einzelnen und Glaubensvermittlung kommen zu kurz. Die Kirche bedarf der Erneuerung.

3. Die Kirche engagiert sich stark in "weltlichen" Angelegenheiten, etwa für Aidskranke oder Flüchtlinge. Geht das auf Kosten der Themen Gläubigkeit und Frömmigkeit?

Rüß:

Das diakonische Engagement der Kirche ist Konsequenz des Glaubens und somit Selbstverständlichkeit. Der christliche Glaube droht nicht aufgrund dieses Engagements verloren zu gehen, sondern weil unsere Gesellschaft eine Glaubens- und Frömmigkeitskrise durchmacht. Daher sollte die Kirche die Weckung und Stärkung des christlichen Glaubens in den Vordergrund rücken. Also weniger Politisierung, mehr Evangelisation, mehr Hilfe zum freudigen und fröhlichen Glauben.

4. Bischöfin Käßmann ist nach einer Alkoholfahrt zurückgetreten, Bischöfin Jepsen wegen des Vorwurfs, die Kirche kläre einen Missbrauchsvorwurf nicht angemessen auf. Hat das der Kirche geschadet?

Rüß:

Die Rücktritte der Bischöfinnen sind unterschiedlich zu bewerten, beide sind sie respektabel. Im Festhalten an der Vorbildfunktion liegt die Chance von Glaubwürdigkeit und die Begrenzung des Schadens für die Kirche.

5. Was muss die neue Bischöfin tun, um das verloren gegangene Vertrauen der Kirche gegenüber zurückzugewinnen?

Rüß:

Sie sollte Brückenbauerin zu Gott, dem Himmel und den Menschen sein und Christus in dieser Stadt eine Sprache geben, damit der Glaube für immer mehr Menschen an Leuchtkraft gewinnt. Dazu bedarf es des Gebetes und der Kraft des Heiligen Geistes.